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ſtigen. Dahin gehören ferner die Abzuggräben, das Ein⸗ dämmen der Flüſſe ꝛc.
2. Das Hauptmittel, um den Kretinismus zu vermin⸗ dern, ſind beſſere Wohnungen und geeignefe Baugeſetze für die Zukunft. Es iſt zu verwundern, daß noch in keinem Lande eine gehörige geſetzliche Sorge beſteht, daß die Häuſer an trockenen ſonnigen Orten errichtet, nicht zu dicht und nicht zu hoch, um dem Licht gehörigen Zugang zu geſtatten, nicht von Bäumen eingeſchloſſen, von geſundem Baumaterial, mit einem Sockel von 3— 4“, hinlänglich hohen Zimmern, Ven⸗ tilatoren ꝛc. verſehen werden müſſen. Durch die allgemeine Errichtung zweckmäßiger Wohnungen kann für die Vermin⸗ derung des Kretinismus ein Großes geſchehen, wie mehrere abgebrannte und wieder neu aufgebaute Dörfer beweiſen.
3. Vervielfältigung der Nahrungsmittel, Beſchränkung des Branntweins, wozu die Regierung von Bern einen höchſt erfreulichen Schritt gethan hat. Sorge für gutes Trink⸗ waſſer, Einführung jodhaltigen Kochſalzes in den Familien, welche mit der Kropfdispoſition behaftet ſind. Verhinderung
der blutsverwandtſchaftlichen Ehen und der Verbindung von Individuen, welche Spuren des Kretinismus bereits an ſich tragen, Begünſtigung der Racen durch Kreuzung.
4. Verbeſſerung der phyſiſchen Erziehung und Einfüh⸗ rung der Kleinkinderſchulen.“
Dr. Guggenbühl hält zunächſt die Einrichtung von Muſterdörfern für das geeignetſte Mittel, um in einer ſo ſchwierigen und rieſenhaften Beſtrebung nicht von vornherein zu ermatten. Es werden noch viel Schwierigkeiten zu über⸗ winden ſein, bis ſich ſeine Ideen zu jener praktiſchen Aner⸗ kennung werden durchgearbeitet haben, in welcher menſchen⸗ freundliche Private mit den Regierungen zuſammenwirken; aber wie es ihm bisher trotz mancher Anfeindung und bös⸗ willigen Verleumdung gelungen iſt, dem Gedanken ſeines Lebens und Strebens Bahn zu brechen, wird es ihm auch fernerhin unter Gottes Beiſtande gelingen, wie denn keine für das Leben wahrhaft fruchtbringende Idee, wenn ſie ein⸗ mal zur klaren Darſtellung gekommen iſt, wieder untergehen kann.
Die Kortoffelknolle und ihre Erkrankung.
Von Dr. J. Speerſchneider.
I. Der Erdapfel oder die Nartoffelknolle.
Feiert ein vornehmer, einflußreicher Mann ſein fünf⸗ undzwanzig⸗ oder gar ſein fünfzigjähriges Dienſtjubiläum, dann iſt Gelegenheit gegeben in weiteren Kreiſen von ihm, von ſeinen Verhältniſſen, von ſeinen Verdienſten zu ſprechen, und in illuſtrirten Zeitſchriften muß natürlich ſein Portrait nebſt Lebensbeſchreibung erſcheinen. Iſt er herablaſſend, gütig und wirklich wohlthätig geweſen in ſeinem langen Leben, dann naht bei ſolcher Gelegenheit unter Vorgeſetzten, Stan⸗ desgenoſſen und Freunden im engern Sinne auch Mancher, den nicht blos eitle Etikette nöthigt und bringt ſeine Glück⸗ wünſche dem alten Bekannten. Vertraulich ſetzt ſich ein ſol⸗ cher neben den greiſen Herrn, der vielleicht gichtbrüchig und leidend iſt, und läßt ſich erzählen aus der geſunden, rüſtigen Jugendzeit deſſelben und von dem gegenwärtigen, hartnäcki⸗ gen Leiden. Schließlich wird dann wohlmeinend Rath ge⸗ geben, wie der kränkelnde Körper geſtärkt und das theure Leben noch recht lange erhalten werden könne. Auch wir
wollen als gute Bekannte einem alten Jubilar gegenwärtig einen Beſuch abſtatten, uns von ſeinen intereſſanten Lebens⸗
verhältniſſen und— auch er iſt krank— von ſeinem Leiden er⸗ zählen laſſen um Rath ertheilen zu können. Bei der Unter⸗ haltung können wir dreiſt ſein und dürfen uns ſchon Etwas erlauben, denn der alte Herr, der weniger wohlgelitten wird in den Kreiſen der vornehmen, empfindſamen Welt, iſt etwas derber Natur und hält ſich als Landbewohner mehr zu ſeinen Landsleuten. Aber trotzdem Achtung vor ihm! Er iſt von höchſtem Einfluß, mächtiger als mancher Fürſt und König, ſeine Untergebenen zählen nach Millionen, alle fühlen ſich
zum Danke gegen ihn verpflichtet, den vielen hunderttauſend
Menſchen reicht er Jahr aus und Jahr ein, ihre ganze Lebenszeit hindurch, das tägliche Brod. Außerdem iſt es ein hundertjähriges Dienſtjubiläum, was unſer Freund be⸗ geht. Zwar iſt ſein Dienſtantritt nicht für alle Länder gleich und derſelbe läßt ſich nicht genau auf den Tag, nicht einmal auf das Jahr beſtimmen, für einen Theil Thüringens aber geben alte Urkunden das heurige als das hundertſte ſeiner
allgemeinen Dienſteinführung an. Und wer iſt der wunder⸗ bare Alte?— Die Ueberſchrift nennt ihn— der ſchlichte, V beſcheidene Erdapfel.
Seine Einwanderung aus dem fernen, ſüdlichen Amerika V nach unſerm Europa, ſeine allmählige Einbürgerung in den verſchiedenen Ländern wird, wie die Entdeckung Amerikas, die Geſchichte des ſiebenjährigen Krieges und die Eroberungs⸗ züge Napoleons, in der Schule gelehrt. Auch der Segen, den er noch immer ausſtreut, iſt aller Welt bekannt. Aber das innere Weſen unſeres Freundes, wie es die neuere Wiſ⸗ ſenſchaft erſchloſſen hat und ſeine Krankheit, kennſt du auch dieſe Dinge, verehrter Leſer? Ueber jene Seuche, an der der alte Wohlthäter ſchon ſeit Jahren bis gegenwärtig ſo tief und ſchwer leidet, die ihn in ſeiner reichlichen Spende ſo ſehr behindert, iſt viel geſchrieben und noch weit mehr geſprochen worden, allein ich hoffe dennoch einiges Neue mittheilen zu können, und willſt du mir folgen, ſo will ich dich durch ein Stückchen des Gebietes der höheren Pflanzenkunde führen. Der Kartoffelſtock, mit dem botaniſchen Namen Solanum tuberosum, knollentragender Nachtſchatten, benannt, gehört einer Pflanzenfamilie an, deren Glieder zu den höchſt gifti⸗ gen Gewächſen zählen, denn Tollkirſche, Bilſenkraut, der
gewöhnliche Nachtſchatten, ſind ihre Angehörigen.
Auf große Reihen von Unterſuchungen und auf vielfäl⸗
tige Erfahrungen geſtützt, behauptet die organiſche Chemie, daß in Pflanzen einer natürlichen Familie ſich Stoffe vor⸗ finden, die wenigſtens ähnliche, chemiſche Eigenſchaften zeigen. Iſt dieſe Behauptung gegründet, ſo wird die Kartoffelpflanze, als nahe Verwandte jener bekannten Giftgewächſe, von vorn⸗ herein als wenigſtens verdächtig beargwöhnt werden müſſen; und wirklich haben direkte Unterſuchungen dargethan, daß ſie ein ſtarkes Gift, das Solanin, producirt. Haben wir einen Grund, die gewohnten Kartoffelſpeiſen mit weniger Appetit zu genießen, weil die Neuzeit jenes Gift entdeckt hat? Giftig iſt zwar die Pflanze, aber dieſes Gift findet ſich in geſundheitgefährdender Menge nur in Theilen, die wenig


