Jahrgang 
1857
Seite
336
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beſonders in England, wo ſich namentlich der Dr. Twining in London, der 1842 auch den Abendberg beſucht hatte, thätig für Kretinenheilung bewies. Im Jahr 1846 wurde durch die großmüthige Unterſtützung einer menſchenfreund⸗ lichen Dame in der Nähe der Stadt Bath die erſte Muſter⸗ anſtalt für Blödſinnige errichtet, an deren Spitze ſich die Wohlthäterin ſelber ſtellte.

Dr. Guggenbühl erzählt, als er zum erſten Male nach England gekommen, habe ihm der Leibarzt der Königin ver⸗ ſichert, daß dort derartige Gebrechen faſt gar nicht vorkom⸗ men, Kretinen gar keine und nur ſehr wenig Blödſinnige. Als ich jedoch, fährt er fort:mit einigen Freunden aus der bekannten Familie der Eliſabeth Fry einige Forſchungen anſtellte, fanden wir am gleichen Tage 12 geiſtesſchwache Kinder, und gegenwärtig ſchätzt man die Zahl in Großbrit⸗ tannien auf 30,000, den verſchiedenen Kategorien der geiſti⸗ gen Entwickelungshemmung angehörend. Durch die zur Crörterung nicht bloß politiſcher, ſondern auch wiſſenſchaft⸗ licher, ökonomiſcher und philanthropiſcher Fragen höchſt prak⸗ tiſchen Meetings(Volksverſammlungen) ward das engliſche

Publikum bald für die Sache gewonnen und durch wohlthä⸗

tige Spenden ward in einem etwa 1000 Fuß hoch gelegenen Dorfe Highat, nicht weit von London, ein Landgut gekauft und im Frühjahr 1848 mit 30 Pfleglingen eröffnet, für deren Behandlung ein auf dem Abendberge gebildeter junger Mann abging. Die erſte deutſche Anſtalt kam in Würtem⸗ berg im Frühjahr 1847 auf einer Höhe der ſchwäbiſchen Alp unter dem NamenHeilanſtalt für ſchwachſinnige Kinder zu Stande, indem die k. würtembergiſche Regierung dazu ein früheres KloſterMariaberg zur unentgeltlichen Benutzung nebſt einer jährlichen Unterſtützung von 1500 Gulden überwies.

Dr. Guggenbühl ließ vom Abendberge eine Reihe Schriften ausgehen, welche das Intereſſe an der hochwich⸗ tigen Sache ſtets rege erhielten und namentlich zur Beſeiti⸗ gung vieler Irrthümer, die bis dahin über den Kretinismus verbreitet waren, wirkſam beitrugen. Es ſtellte ſich nun heraus, daß, während man früher die mit einem äußerlich wohlgebildeten und ſtarken Körper verſehenen Idioten oder Blödſinnige in Bezug auf mögliche Heilung höher geſtellt und für minder unglücklich gehalten hatte, als die mit miß⸗ geſtaltetem ſchwachem und verkrüppeltem Körper behafteten eigentlichen Kretinen, gerade die letzteren leichter zu heilen oder doch zu beſſern ſeien, da das Uebel bei ihnen mehr im

Leiblichen ſeinen Grund hatte und mit leiblicher Kräftigung

auch die Seelenvermögen ſich ſtärkten. Dr. Guggenbühl ſtellte als Regel auf:Je regelmäßiger die körperliche Bil⸗ dung iſt, je weniger äußerlich krankhafte Zuſtände in die Er⸗ ſcheinung treten, um ſo mehr iſt das Uebel rein phyſiſch und um ſo ſchwieriger ſeine Behandlung. Zwei Brüder, welche auf dem Abendberge behandelt wurden, beſtätigten dies. A. B., bei der Aufnahme neun Jahr alt, mit zugeſpitztem kleinem Kopf, magerem, abgezehrtem Körper, langen ſchlaffen Armen, allgemeiner Erſchlaffung, wankenden vorwärts ge⸗ bogenen Knieen und ſchleichendem unſtetem Gang. Das Geſicht verrieth deutlich ſeinen geiſtigen Zuſtand, die Zunge war dick, kolbig, an der Spitze angeſchwollen, die Zähne in⸗ kruſtirt, unförmlich, unregelmäßig; die Lippen wulſtig, die untere herabhängend; beſtändiges Speicheln, übler Geruch aus dem Munde, das Kauen harter Speiſen beſchwerlich, die Hornhaut des rechten Auges getrübt in Folge ſkrophu⸗ löſer Ophthalmie(Augenentzündung); die Stirn zurückwei⸗ chend, das Hinterhaupt abgeplattet, Kinn hervortretend, Ge⸗ ſichtsfarbe blaß, Gehör und Sinne überhaupt abgeſtumpft.

Sein Seelenzuſtand war dem körperlichen entſprechend, die Vorſtellungen über die alltäglichen Dinge dunkel und ver⸗ worren, ſeine Sprache ein undeutliches Lallen abgebrochener Töne, dabei ein ſehr neidiſches, unerträgliches Weſen, Nei⸗ gung zum Schlagen und Kratzen, und überhaupt Vorherrſchen der thieriſchen Triebe. Seine Entwickelung geſtaltete ſich dennoch ſehr günſtig; mit der Verbeſſerung der körperlichen Geſundheit ging auch das geiſtige Leben merkwürdig vor⸗ wärts, der Knabe lernte ſchreiben und leſen, das für ihn paſſende aus Geographie und Naturgeſchichte, und ſchrieb nach Verlauf von 3 Jahren recht hübſche Briefe an ſeine Eltern, war auch im Stande, ſich verſtändlich durch die Sprache auszudrücken. Sein Bruder E. B., bei der Auf⸗ nahme 7 Jahr alt, wurde mit vollkommen wohlgebildetem Körper geboren. Nach 4 Wochen ſtellten ſich Blutandrang nach dem Kopfe und Zuckungen ein, welche von 3 zu 3 Wochen ſich regelmäßig wiederholten. Während ſein Körper vollkommen gedieh und immer die dem Alter angemeſſene Größe hatte, blieb die geiſtige Entwickelung aus, ſo daß er nie ein Wort ſprechen lernte. Der Knabe verſchlang ellen⸗ lange Bindfaden und war von Zeit zu Zeit ſo aufgeregt, daß er Alles zerriß und zerſchlug, was ihm in den Weg kam. Er war körperlich überaus ſtark, die Augen zeigten einen leb⸗ haften Glanz und das Geſicht war ſo lebhaft und regelmäßig gebildet, daß viele der Beſuchenden glaubten, man hätte einen geſunden Knaben unter die übrigen gemiſcht. Auch die Kopfbildung ließ keinen Mißfall bemerken. Die Zuckun⸗ gen beſſerten ſich unter dem Gebrauche des Kupfers und

ſpäter der Prießnitziſchen Schwitzmethode, aber der geiſtige

Zuſtand blieb ſo ziemlich derſelbe; mit unglaublicher Mühe brachte man es dahin, daß er ein paar Worte ſprach, folg⸗ ſam wurde, ſich an Reinlichkeit gewöhnte und das Stein⸗ und Kotheſſen bleiben ließ..

Da bei dem eigentlichen Kretinismus oft nur die Anlage angeboren iſt, welche bei günſtiger Behandlung des Kranken wieder bekämpft und zur normalen Entwickelung Leibes und

der Seele übergeleitet werden kann, ſo lieferten die unter

Dr. Guggenbühl's Leitung behandelten Kretinen des erſten und zweiten Grades günſtige Reſultate; nur der ſchon voll⸗ kommen ausgebildete Kretinismus widerſteht allen Anſtren⸗ gungen der Kunſt.

War die erſte Periode der Guggenbühl'ſchen Wirkſam⸗ keit auf dem Abendberge das Experiment, dem bald die zweite

vielſeitige Ausbreitung der neuen Rettungsidee und Aner⸗

kennung von Seiten der Wiſſenſchaft und Philanthropie folgte, ſo iſt die dritte gegenwärtige die Einführung vorbeugender (prophylaktiſcher) Maßregeln im Großen, vermittelſt einer Geſellſchaft nach dem Muſter der engliſchen Antislavery Society. Dr. Guggenbühl äußert ſich über dieſen Punkt in der von ihm 1853 bei Huber in Bern und St. Gallen erſchienenen Broſchüre:Die Kretinen⸗Heilanſtalt auf dem Abendberge, wie folgt:

Urſache des Kretinismus iſt Alles, was ſchwächt und die Lebenskraft unterdrückt; Vorbauungsmittel dagegen alles dasjenige, was den phyſiſchen und moraliſchen Charakter des Volkes hebt. Die Verhütung des Kretinismus iſt daher ein großartiges Kulturwerk, welches alle Elemente der öffent⸗ lichen Geſundheitspflege und Volkserziehung in ſich ſchließt. Die wichtigſten prophylaktiſchen Maßregeln ſind folgende:

1.Sorgfältige Bearbeitung des Bodens in den Kretinen⸗ diſtrikten, hauptſächlich durch die Spatencultur, weil der Er⸗ fahrung gemäß die miasmatiſchen Erdausdünſtungen dadurch zerſtört werden, welche eine Anlage zum Kretinismus begün⸗