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Kruzifixe knieend ein„Vater unſer“ betete. Die Erſchei⸗ nung, daß dieſer zwergartig verkrüppelte und völlig dumm ausſehende Menſch noch im Stande war, ein Gebet zu ſprechen, frappirte ihn; er folgte demſelben in die nahgele⸗
gene Hütte zu ſeiner Mutter, und dieſe erzählte, daß ſie ihrem unglücklichen Kinde in den erſten Lebensjahren mit
ziemlicher Leichtigkeit das Gebet gelehrt habe, welches er nun regelmäßig immer um die gleiche Zeit, wie auch immer die Witterung ſei, an jenem Kruzifixe verrichte; aber ihrer gro⸗ ßen Armuth wegen könne ſie ihm keine weitere Hülfe und Aufmerkſamkeit ſchenken, und ſo verſinke er von Jahr zu Jahr immer mehr.
Das Bild dieſes Kretinen ſchwebte dem menſchenfreund⸗ lichen Arzt ſtets vor der Seele und erweckte in ihm den Ge⸗ danken, ob, wenn zeitig Hülfe gebracht werde, nicht doch eine Heilung oder wenigſtens Verbeſſerung des für unheilbar gel⸗ lenden Gebrechens möglich ſei? Zunächſt zog er in's Klein⸗ thal im Kanton Glarus, wo es an Kretinen nicht fehlte, und überzeugte ſich in einer zweijährigen Praxis daſelbſt, daß Hülfe möglich ſei; der Entſchluß war in ſeiner Seele reif geworden, ſein Leben fortan ganz den Kretinen zu widmen und eine Heilanſtalt zu gründen, in welcher die Heilverſuche vor aller Welt Augen vor ſich gehen ſollten. Von den Männern der Wiſſenſchaft und den Freunden der Menſch⸗ heit, denen er ſeinen Entſchluß mittheilte, ward derſelbe ein⸗ ſtimmig gut geheißen; der bekannte Oekonom und Pädagog Fellenberg in Hofwyl lud ihn ein zu einer gemeinſchaftlichen Berathung und rieth zur Anſiedelung in der Nähe von Bern. Dr. Guggenbühl richtete an die ſchweizeriſche naturforſchende Geſellſchaft ſeine Abhandlung„Chriſtenthum und Huma— nität in Bezug auf den Kretinismus in der Schweiz“, welche vollſte Billigung fand, und veröffentlichte im erſten Bande von Maltens Weltkunde den Plan der neuzugründenden Anſtalt.
Es ward ſogleich zum Werk geſchritten und der Abend⸗ berg bei Interlaken, in einer der ſchönſten Gegenden der Schweiz(1400“ über dem Thuner⸗ und Brienzer⸗See, 3500“ über dem Meere liegend) angekauft, den der Beſitzer, Herr Kaſthofer, mit großer Liberalität unter billigen Bedin⸗ gungen abtrat. Eine günſtigere Oertlichkeit hätte nicht leicht gefunden werden können. Der Berg iſt gegen Morgen ge⸗ legen, hat reine Luft, vortreffliches Trinkwaſſer, ein verhält⸗ nißmäßig ſehr mildes Klima, dazu den Kranz jener Hochalpen des Berner Oberlandes, die alljährlich ſo viele Reiſende in dieſe Gegend ziehen. Das Gut iſt ſeiner ſonnigen Lage willen im Stande, hinlänglich Milch und Butter, ſelbſt meh⸗ rere zuträgliche Gemüſe zu produciren. Im Jahre 1855 konnte Dr. Guggenbühl von ſeinem Gute ſchon Folgendes berichten:„Die 40 Morgen Land, die einem Theile nach eine mit Steinen überſäete Wildniß bildeten, ſind gegenwärtig in gutes Pflanzenland verwandelt, woraus die Anſtalt einen Theil ihrer Subſiſtenzmittel zieht. Zwei neugebaute, be⸗ quem eingerichtete Häuſer mit Oekonomiegebäude, Garten und Turnplatz entſprechen jeder billigen Forderung, die an ein ſolches Unternehmen zu machen iſt. Die Häuſer ſind von Holz gebaut, da es ein ſchlechter Wärmeleiter iſt und die Feuchtigkeit weniger Platz greift, was bei Behandlung dieſer Krankheit hoch angeſchlagen werden muß. Es ſind bei 20 Zimmer, darunter drei größere Säle, Badezimmer und Turnſaal mit der nöthigen Einrichtung für den Winter. Alle Zimmer ſind heizbar, und zwar die größeren mit ſteinernen Oefen, wie ſie im Lande gebräuchlich ſind, die kleineren ver⸗ mittelſt der ſogenannten Tambours, welche eine äußerſt gleichmäßige Wärme verbreiten. Für die Lüftung der Schlafzimmer ſind beſondere Ventilatoren augebracht. Die
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Küche hat ein eiſernes Kochwerk mit Baſſin für Bereitung der Bäder.“
Mit 12 mehr oder weniger mit dem Kretinismus be⸗ hafteten Kindern wurde die Kur begonnen, und lieferte ſo günſtige Reſultate, daß der im Frühjahr 1842 von dem Chef des Departements des Innern von Bern erſtattete Bericht ſagte, daß die Ergebniſſe der Bemühungen des Dr. Guggenbühl um die Heilung des Kretinismus und Blödſinns zu den ſchönſten Hoffnungen berechtigten.„Ich gehe noch weiter“, heißt es darin unter Anderm:„und ſpreche mich gegen alle meine früheren Zweifel dahin aus, daß ſolche Anſtalten in Zukunft ebenſo ſehr Bedürfniß der Zeit werden, als es bereits die Blinden- und Taubſtummen⸗ Anſtalten geworden ſind. Ich glaube auch, daß die Hülfs⸗ mittel, welche hier verwendet werden, um die erſten Verſuche zu machen, aus elenden körperlich und geiſtig verkrüppelten Weſen brauchbare Menſchen zu bilden, weiſe, nützlich und vortheilhaft angewendet werden.“
Gleich vortheilhaft ſprach ſich Dr. Brechtold aus Frei⸗ burg aus, der in ſeinem Bericht an die badenſche Regierung beſonders die reine Bergluft als Hauptbedingung für derar⸗ tige Heilverſuche hervorhob. Im Jahre 1844 ſandte die k. würtembergiſche Regierung den Oberamtsarzt Dr. Röſch nach dem Abendberge, der einen ſehr umfaſſenden, die Lei⸗ ſtungen des Dr. Guggenbühl warm anerkennenden Bericht erſtattete*), worin es unter Anderm heißt:„Die allen Kre⸗ tinen gemeinſchaftlichen Symptome ſind: Abmagerung, Schlaffheit und Schwäche ſämmtlicher Muskeln, zuweilen mit Fettbildung; träges, unſtetes, mürriſches Weſen, Mangel an Aufmerkſamkeit aus Apathie oder Zerſtreutheit, Gedächt⸗ nißſchwäche, übermäßige Eßluſt, kühle, ſchlaffe, ſchmutzige Haut, ſaurer moderartiger Geruch der Hautausdünſtung und lähmungsartige Zufälle. Durch ſolche Erſcheinungen giebt ſich die Entartung ſchon in ihrem Beginn zu erkennen. Je früher die Kinder der Anſtalt übergeben werden, deſto eher läßt ſich Herſtellung in leiblicher und ſeeliſcher Bezie⸗ hung hoffen. Unter allen Umſtänden ſchreitet aber die Hei⸗ lung nur langſam vorwärts, und etwas vollkommen Befrie⸗ digendes kann nur dann erlangt werden, wenn die Kinder der Anſtalt übergeben werden, ſobald man die erſten Zeichen der Entartung an ihnen bemerkt, und wenn ſie in der An⸗ ſtalt verweilen, bis zur Vollendung der Entwickelung und Erziehung. Wo aber auch nicht vollſtändige Heilung zu Stande gebracht werden kann, da wird doch merkliche Beſſe⸗ rung erzielt und Alle können wenigſtens zu äußerlicher Ord⸗ nung und Reinlichkeit, zu einiger Aufmerkſamkeit und Stetig⸗ keit, zu beſſerem leiblichen Gedeihen und zur Erlernung mechaniſcher Verrichtungen gebracht werden. Das hat die Erfahrung auf dem Abendberge bereits zur Gewißheit er⸗ hoben, und ſchon dieſes würde das Beſtehen dieſer erſten Anſtalt der Art rechtfertigen.“
Nicht bloß aus Deutſchland, ſondern auch aus Italien, Frankreich, England, Nordamerika pilgerten Aerzte auf den Abendberg, um die von Dr. Guggenbühl gewonnenen Reſul⸗ tate zu prüfen und ihre Regierung für Anſtalten zur Kre⸗ tinenheilung zu gewinnen. Dr. Guggenbühl ſelber unter⸗ nahm alljährlich weitere Reiſen, theils um ſich nähere Kenntniß der Krankheit zu verſchaffen und ihre Erſcheinungs⸗ formen zu vergleichen, theils aber auch um edle Menſchen⸗ freunde für die Sache zu gewinnen. Dieß gelang ihm
*) Ueber Heilung und Erziehung unentwickelter oder kretiniſcher Kinder, mit Rückſicht auf die Guggenbühl'ſche Stiftung. Abgedruckt in den Blättern aus Suddeutſchland für Volkserziehung ꝛc. Stutt⸗ gart, 1845.


