Jahrgang 
1857
Seite
334
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minder der vom Broglie zur innern Stadt führenden Meiſengaſſe, ſo benannt nach dem Namen einer alten, ſtundenweit tragenden Kanone, und zwar nicht weil das prunkendeHôtel de la Ville de Paris dort liegt, ſon⸗ dern weil in ihr einſt ein junger Offizier, nachdem er eben bittere Klagen über den Mangel an patriotiſchen Liedern ver⸗ nommen, ſich hinſetzte und ein Lied ſchuf, das ſeitdem alle Welt⸗ theile durchklungen und Millionen Herzen emporgeriſſen hat zu lodernder Begeiſterung. Der junge Offizier hieß Rouget de l'Isle, und das Lied, es heißt die Marſeillaiſe. Während wir quer über die Plattform ſchreiten, um uns der entgegengeſetzten Seite des Panorama's zuzuwenden, darf ich Ihnen wohl ein Wörtlein über die Gemälde⸗Aus⸗ ſtellung vorplaudern, die in dieſem Augenblicke die unteren Räume des Stadthauſes belebt. Veranſtaltet wird eine ſolche alljährlich vomRheiniſchen Kunſtverein, den die Städte Freiburg, Straßburg, Karlsruhe, Stuttgart, Mann⸗ heim, Darmſtadt und Mainz bilden. Seit Jahren iſt uns viel Schönes gebracht worden, das von Jedermann bewun⸗ dert, leider aber zum beſten Theil von Niemand gekauft wurde. Auch diesmal fehlt es nicht an rühmenswerthen Arbeiten aus Deutſchland, der Schweiz, den Niederlanden und Frankreich, wiewohl die gleichzeitige Pariſer Ausſtel⸗ lung uns namentlich aus letzterem Lande das Werthvollſte entzogen haben wird. EngelhardtsMondſee mit dem Schaafberg und Weiß'Seeſtück von der engliſchen Küſte aus Berlin, das Rhonethal von Düntze in Düſſeldorf, des Dresdener OehmePark im Mondſchein, das über den Zaun mit dem Geliebten ſprechendeBauernmädchen von van der Embde in Kaſſel,der kleine Raucher von Stuff und der wunderbar durchleuchteteSchloßhof zu Meißen von Thake in München, das aus ähnlichem Grunde ſchöne Kloſter am Wintermorgen von Hironymi in Mainz, Vene⸗ dey's hochblondes Bruſtbild von dem Pfälzer Portraitmaler Serr, Widmayers aus Stuttgartfatale Entdeckung(ein friſcher Schlingel, der ſeinem Schweſterlein Aepfel gekauft, für die er, während ſie ſchon angebiſſen ſind, unglücklicher⸗

weiſe keinen Heller in der Taſche findet) und dasBerner⸗ mädchen auf dem Kirchwege vom Hofmaler Grund in Karls⸗ ruhe: das Alles ſind, jedes in ſeiner Art, anſprechend ge⸗ lungene Werke. Die Niederländer haben außer den unaus⸗ weichlichen Waſſerbildern und einemAlchymiſten von Linnig in Antwerpen ein wahres Meiſterſtück von van Schen⸗ del in Brüſſel geliefert, einen Markt bei Kerzenſchein dar⸗ ſtellend, auf dem nicht etwa das Geflügel, ſondern die bedeu⸗ tenden Menſchen, die darum handeln, derartig ins Licht geſtellt ſind, daß man ihnen bis auf den Grund der Seele ſieht. Rapp aus Baſel zeigt uns den mondbeglänztenalten

Rhein bei ſeiner Vaterſtadt in wahrſter und doch zaube⸗

riſcher Art, und A. Lorent ſendet große Photographieen aus Venedig, die, das Stück zu 30 Franks verkäuflich, kaum etwas zu wünſchen übrig laſſen. Von den Pariſern malt C. Brün in ſeinemChymbelſchläger die energiſche Sinnlichkeit zu⸗ gleich ſchön und mit einer Wahrheit, daß Einen ein leiſes Grauen befällt, und Fräulein Lina von Weiler nach Uhlands Gedichtdes Goldſchmieds Töchterlein, groß, farbenfriſch und von einer Auffaſſung zeugend, die das Herz anzieht und etwaigen Tadel über Einzelnes nicht aufkommen läßt. Die Werke unſerer Straßburger Künſtler endlich, ſo weit dieſe vertreten ſind: Flaxlands Bauernkinder, der tempelſäubernde Chriſtus von Lix, Touchemolins Schlacht von Kloſterkamp in Weſtfalen, das Bruſtbild des bekannten Theologen Bruch von Karl Schuler, Theophile Schulers Roſſebändigerin, die Büſte und Statuette von F. Kirſtein u. ſ. w.; aber ich werde mich hüten, ihre Vorzüge nach Gebühr zu preiſen; man würde mich unfehlbar parteiiſcher Ueberſchätzung zeihen. Weiß doch Jeder von ſelbſt, daß Kinder und Schriftſteller ſtets das Beſte für zuletzt aufſparen, und das mag an dieſer Stelle genügen. Nur eine hieſige Schöpfung zwingt mich zu einer beſondern, allerdings paradoxen Bemerkung: das Portrait eines Mannes(Knieſtück) von Bayer. Das Bild iſt entſetzlich häßlich, und dennoch iſt es bedeutend, gerade wie.... wie der erymanthiſche Eber! (Fortſetzung folgt.)

Aus dem Leben Dr. Guggenbühl's,

Gründers und Vorſtehers der Kretinen⸗Heilanſtalt auf dem Abendberge bei Interlaken.

Von A. W. Grube.

Wer hat nicht ſchon von jenen unglücklichen Geſchöpfen, die beſonders in den von hohen Gebirgen eingeſchloſſenen engen Thälern der Savoyer⸗, Schweizer⸗ und Tyroler⸗ Alpen, aber auch in ganz ebenen Gegenden, wo mit der feuch⸗ ten Lage und Mangel an Sonne ſich das phyſiſche Elend der Bewohner verbindet, von dieſen an Leib und Seele zugleich Erkrankten, die nach einem romaniſchen Ausdruck Kretinen genannt werden, gehört; wenn er nicht ſelber ſchon ihnen begegnet iſt! Körperliche Mißbildung, ein übermäßig großer oder ein zuſammengedrückter Spitzkopf, abgemagerte Glieder, öfters Kropfbildung, eingebogene Kniee, ſchleppender Gang, ſtierer Blick, allgemeine Schwäche der Sinne und Stumpf⸗ heit der Seelenkräfte; das ſind einige Merkmale des Zuſtandes jener unglücklichen Menſchen, die an der Gränze der Thierheit ſtehen und, wenn ſie keine Hülfe finden, noch

mit einer gewiſſen heiligen Scheu an und behandelte ſie mit Geduld und Milde. Zwar hatten dem Erforſchungstriebe unſers Jahrhunderts huldigend, manche berühmte Natur⸗ forſcher und ſelbſt Philoſophen die Erſcheinung des Kreti⸗ nismus genauer ins Auge gefaßt, und darüber manche ge lehrte Abhandlung geſchrieben; doch an die Heilung und Linderung des Uebels, an praktiſche Maßregeln und Verſuche, ihm Abhülfe zu verſchaffen, hatte Niernand gedacht. Man hatte wohl hier und da einige Kreaturen in Hoſpitäler ge⸗ bracht, auch mochten dieſem und jenem liebreichen Geiſtlichen, der ſich eines Unglücklichen der Art in ſeinem Kirchſpiel an⸗ genommen hatte, einzelne Verſuche gelungen ſein: aber das Zeitalter im Ganzen glaubte nicht an die Möglichkeit, durch ärztliche und pädagogiſche Mittel dem Uebel Einhalt thun zu

können. Da geſchah es im Jahr 1836, daß ein junger Arzt aus Zürich, Dr. Guggenbühl, auf einer Wanderung im Kan⸗ ton Uri einem ſolchen Kretinen begegnete, der vor einem

unter dieſelbe herabſinken. Bis auf unſere Zeit herab be⸗ trachtete man dieſe Kretinen als für die Geſellſchaft un⸗ brauchbar, für die Menſchheit verloren; das Volk ſah ſie