Jahrgang 
1857
Seite
333
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Kommſt Du aber zu anderer Zeit nach Straßburg, ſo

laß Dir rathen und geh vor Sonnenuntergang in den größ⸗ ten der beiden Gärten, die ſich an den Contades anlehnen, in denJardin Lips. In dem italieniſchen Hauſe, deſſen flaches Dach mit Bildſäulen geſäumt iſt, wohnt ein dicker Phlegmatikus, dem man geniale Anlagen zum Erſinnen der mannigfachſten Lock⸗ und Reizmittel nicht abſprechen kann. Ganz abgeſehen von den Beleuchtungen à giorno und den brillanten Feuerwerken, die er gelegentlich zu veranſtalten weiß, wie von der nicht immer gleich correkten Muſik, die ſich allabendlich hören läßt, hat er den Garten durch größere und kleinere Pavillons, Puppentheater und Carouſſel, zier⸗ liche Bauer für Eichhörnchen und Turteltauben, eine Bären⸗

grube mit ihrem nach Zucker, Kuchen und Bier lüſternen Bewohner, endlich durch Springbrunnen und Gewächſe aller Art zu einem eigenthümlichen Aufenthaltsorte gemacht, der Abends, wenn die als Lampenträger dienenden, aus Blumen⸗ töpfen hervorwachſenden Mädchen von bemaltem Holze aus den Glasroſetten, die ſie in der Hand halten, zahlreiche Lichter zwanzig⸗ fach zurückblitzen laſſen, etwas gar Freundliches, Be⸗ hagliches hat. Wer indeß den edleren Genuß ſucht, den wir im Sinne hatten, der ſetze ſich, wenn des TagesGeſtirn niederzugehen be⸗ ginnt, das Antlitz dem Parke zuge⸗ wendet, zur Seite des Hauſes, all⸗ ein, am ſtillſten Wochentage. Der Eindruck, den das immer dunklere Erglühen, dann

das leiſe Erſterben der Gluth durch die vielgeſtaltigen Laubmaſſen hin⸗ durch macht, läßt ſich nicht beſchreiben nur empfinden.

Frauenhaus.

Rechts am äußerſten Ende des Platzes, nicht weit vom

Geburtshauſe König Ludwigs von Baiern, liegt die auf unſrer Zeichnung unſichtbare Präfektur, ein ſtattliches Ge⸗

bäude aus dem vorigen Jahrhundert. An ihrer Stelle lag vordem der israelitiſche Kirchhof, auf welchem in dem gott⸗ verfluchten Jahre 1349, wo Wahnſinn und grenzenloſe Schurkerei die Juden als Urheber der ganz Europa verhee⸗ renden Peſt,des ſchwarzen Todes, anklagten, zweitauſend Menſchen von ihren zu Beſtien gewordenen Brüdern auf den Scheiterhaufen geſchleppt und in der ſcheußlichſten Weiſe verbrannt wurden. Mein edler, großer Lehrer, der Philo⸗ loge Welcker in Bonn, gerieth in ſeinen Vorleſungen faſt jedesmal außer ſich, wenn er der Religionsverfolgungen chriſtlicher Zeiten gedachte. Wer da meint, er habe ſich deſſen zu ſchämen, der leſe einmal, ohne daß ihm die Flamme zu Kopfe ſteigt, die einfachen Worte, die Twinger von Königs⸗ hofen kaum fünfzig Jahre nach der erwähnten Greuelthat in ſeiner elſäſſiſchen Chronik niederſchrieb:Das waz ouch die Vergift, die die Juden dote(tödtete); wan wärent ſü arm geweſen unn we⸗ rent in(ihnen) die landesherren nüt ſchuldig geweſen, ſo werent ſü nut gebrantworden! Wenn es aber

noch jetzt Dörfer um Straßburg giebt, wo ſich keine Juden aufhalten, am Wenigſten Ei⸗ genthum erwer⸗ ben können, ſo mag das aus den aller Welt bekann⸗ ten wirthſchaftli⸗ chen Gründen zu erklären ſein; ob das Verhältnißzu rechtfertigen iſt und ob auf dieſe Weiſe wirklich ein Uebel vermieden, ein guter Zwecker⸗

reicht wird, mag Jeder ſich von Herz und Kopf zugleich ſagen

Die vom Contades zum Thore führende Doppelallee,

gerade jetzt in herrlicher Blüthe prangend, weiſt uns, einem Zeigefinger gleich, ins Innere der Stadt zurück. Den ſchief⸗ ſtehenden Thurm der Wilhelmskirche an dem Theile der Ill, wo vor Zeiten die berühmten Schifferſtechen und ſonſtigen Waſſerſpiele ſtattfanden, wie das uralte Mönchsinſtitut

St. Stephan, einen jetzt verſchändeten romaniſchen Bau aus

dem elften Jahrhundert, laſſen wir rechts liegen; das Auge fällt vom Thore aus geradeswegs auf den ſchönſten freien Platz, den die Stadt beſitzt, den Broglie. Sein Taufpathe iſt abermals ein Marſchall, der im ſiebenjährigen Kriege unter Soubiſe diente und 1789 Kriegsminiſter war; auf ſeinem Sande tanzten einſt die ſtarken Roſſe buhurdirender Ritter, heute ſind es die Lack⸗ und Zeugſtiefelchen ſchauluſti⸗ ger Herren und ſchauenswerther Damen, die ſich gegen des Tages Neige aus dem inmitten des Platzes errichteten Pavil⸗ lon Meyerbeer's maſſenſtarke, Röſſini's und Bellini's ſchmel⸗ zendweiche, mitunter auch Herrn Müſard's prickelnde, allen Gliedern zwickende Klänge zufließen laſſen.

an achtens immerhin eine Erwähnung. Die aber gebührt nicht

laſſen.

Unter den Gebäuden, die den Broglie einſchließen, ſtehen außer dem bereits erwähnten Arſenale, vor deſſen Fronte in geordneter Reihe etwa ſechzig gewaltige Kanonenläufe gähnen, insbeſondere drei hervor: im Hintergrunde das in unſerem Jahrhundert erbaute Theater, deſſen wuchtvoller, von coniſchen Säulen getragener Balkon mit Muſenbildern von Ohmacht geſchmückt iſt; rechts das von hübſchen Kaffee⸗ häuſern benachbarte, wohl angelegte Stadthaus aus dem vorigen Säculum mit ſeinen phantaſtiſchen Altanſtützen, Fenſtermasken und Reliefgewinden, und links am Eingange des Platzes die eben vollendete, geſchmackvoll gehaltene Banque de France, da wo vorher das Haus des Herrn Humann ſtand. Halten Sie die letzte Bemerkung nicht für überflüſſig! Ein Schneidersſohn, der, nicht befriedigt durch eine Stellung, wie ſie ſein Bruder als Biſchof von Mainz ſich errang, es bis zum Finanzminiſter in einem der bedeutendſten Reiche der Welt bringt, verdient meines Er⸗