Jahrgang 
1857
Seite
332
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folgenden Jahre ſtand geſchrieben:Gloria in excelsis Deo!*) Und das weite, deutſche Reich? Nicht wahr, es giebt Dinge zwiſchen Himmel und Erde, von denen ſich die Schulweisheit nichts träumen läßt?!

Nun, in unſern Tagen iſt ein unmittelbarer Zuſammen⸗

hang zwiſchen Citadelle und Stadt hergeſtellt, und jene ſteht dieſer nicht mehr feindlich gegenüber, ſondern als weiterer Schutz zur Seite. Denn bekanntlich iſt die nie eingenom⸗ mene Stadt ſelbſt mit grandioſen Feſtungsmauern umpan⸗ zert, deren innere, mit Bäumen bepflanzte Wälle zum Luſt⸗ wandeln dienen, und mit einem Arſenale gerüſtet, in welchem in beſter, faſt maleriſcher Ordnung, Waffen für eine halbe Million Krieger aufbewahrt werden. Auch die Kanonen⸗ reihen und Kugelpyramiden in den Höfen der Kaſerne dort gerade vor dem ſtädtiſchen Thore der Citadelle, an der ſogenannten Esplanade mahnen an den ſprüchwörtlichen Ruhm, den das Straß⸗ burger Geſchütz im Mittelalter mit dem Nürnberger Witz, mit Augsburgs Pracht und Venedigs Macht theil⸗ te, und verurſachen mit ihrer ehernen Solidi⸗ tät dem nervöſen Be⸗ ſchauer ein Gefühl zwi⸗ ſchen den Zähnen, als ſollte er den bekannten Ring an der Pforte des Heidelberger Schloſſes durchbeißen. Im Uebri⸗ gen ſieht's in jener Ge⸗ gend der Stadtfriedlich genug aus; denn dieſ⸗ ſeit der Kaſerne hat ſich links der botaniſche Garten, rechts die Aka⸗ demie gelagert: ein Stück von dem Inſti tute, das man in Deutſchland Univerſi⸗ tät nennt, während die⸗ ſen letztern Namen in Frankreich der ge⸗ ſammte Lehrkörper trägt. Ich ſage: ein Stück, denn die theo⸗ logiſchen und ein Theil der mediziniſchen Vorleſungen werden anderwärts, jene in den Gebäuden von St. Thomas reſp. im katholiſchen Seminar, dieſe im Hoſpital gehalten, das in einer alten Kirche ein ohnlängſt reſtaurirtes Amphitheater beſitzt. Die Gebäude der Akademie umſchließen zugleich ein naturhiſtoriſches Mu⸗ ſeum, das ſich mit den beſten Sammlungen meſſen darf.

Laſſen wir den Blick zurückſchweifen auf die Robertsau und von da etwas nach Norden, ſo haftet er zunächſt auf der zuſammenhängenden Gruppe der drei Dörfer Schiltig⸗ heim, Hönheim und Biſchheim, die als Ganzes betrachtet, gar wohl für eine mäßige Stadt gelten können. An dem uns zugekehrten Ende der Häuſermaſſe iſt ein echtdeutſcher Bier⸗ garten mit Felſenkeller, Hallen, Lauben, ſchmuckloſen Tiſchen

*) Frankreich den Deutſchen geſchloſſen. Ein Zügel den Feinden, den Verbündeten zum Schutze. Gott in der Höh' ſei Ehre!

Gedeckte Brücken.

und Bänken unter Baumgängen angelegt, der, da er ziem⸗ lich hoch liegt, eine angenehme, im Lichte des Abends wahr⸗ haft ſchöne Ausſicht über die Robertsau und den Rhein hin auf einen Theil des Schwarzwalds gewährt. Der Stadt um ein Weniges näher erblicken Sie, ſeitwärts von einer Reihe großartiger Landhäuſer in ſinnigen Gärten, einen armſeligen Meierhof, aus Erdgeſchoß und Manſarde beſte⸗ hend und mit verwitterten Ziegeln bedeckt. Dort ſuchte 1753 und 54 Voltaire, als der große Friedrich ſeines unverſchämten Treibens in Berlin endlich müde geworden, den bitteren Groll in der Bruſt niederzukämpfen; er wollte allein ſein, arbeiten, aber die Bewohner der umliegenden Gärten ließen es ſo wenig zu, daß er ſich weiter, ins ober⸗ elſäſſiſche Münſterthal zurückzog. Die gute Frau, die jetzt in jenen Räumen waltet, meint, er habe dortdie Revolu⸗ tion geſchrieben und ſich dann aus dem Staube gemacht!

Von dieſem Häus⸗ chen aus führt der Weg zur Stadt über den früherenSchützen⸗ rain, der ſeit dem Endedesvorigen Jahr⸗ hunderts in einen Park verwandeltworden und zu Ehren eines franzö⸗ ſiſchen Marſchalls und elſäſſiſchen Militair= Commandanten jetzt den Namen Contades trägt. Dies rundliche, ſchattigkühle Wäld⸗ chen, nach allen Rich⸗ tungen hin von Wegen durchzogen, an denen ſteinerne Bänke zur Ruhe laden, wird den größten Theil des Jah⸗ res hindurch von der feineren Welt duxch⸗ wandelt; einmal 8 kommt eine Zeit, w ſich wenigſtens die zart nervige Hälfte derfels ben zurückziehen muß. Dann ſchlägt die St. Johannismeſſe neben demChriſtkindels⸗ markt auf dem Kleber⸗ platze der einzige Jahrmarkt, der ſich noch erhalten ihr Lager dort auf; ſtatt nach Blüthen duftet's nach Lebkuchen, Waffeln und friſchgebratenen Würſten; ſtatt der Stimmchen befieder⸗ ter Sänger vernimmt man Trommeln, Trompeten und Pauken, brüllende Tiger und ſchreiende Ausrufer ſammt dem Schnarren der Carouſſells und Drehbretter, und durch das Alles hindurch lacht wohl mit unbezahlbarer Herzlichkeit le Guignol, d. h. unſer urdeutſches Hänneschen oder Kasperle, wenn's dem Teufel eine Tracht Prügel applizirt oder einen erzgemeinen Witz geriſſen. Dann wogt's von redlichem und unredlichem Geſindel durch die halbdunklen Hallen, und wenn Abends der wildeſte Lärm verſtummt iſt, wenn Hunderte von Lichtern in das dichte Laubdach hinein⸗ ſcheinen und die erquickende Nachtluft durch die hochgewölb⸗ ten Räume ſtreift: dann wird's Dir ſelber, wie hochmüthig Du ſei'ſt, am Arme des Freundes herzinniglich wohl.