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unter dem weiten Himmel, hoch über Stadt und Land, unter dem Geſchwirre von Dohlen und Sperbern ſchwelgte, im Grunde hatten ſie Recht. Hieher trete man zu frommem
Empfinden, zu ſtillem Schauer; der Alltagslärm findet drunten Raum genug.
Laſſen Sie jetzt einmal den Blick hinab- und hinauseilen nach allen Himmelsgegenden bis an die Grenze des Geſichts⸗
kreiſes, hinaus„über die anſehnliche Stadt, die weitumher⸗ liegenden, mit herrlichen dichten Bäumen beſetzten und durch⸗ flochtenen Auen, dieſen auffallenden Reichthum der Vegetation, der, dem Laufe des Rheins folgend, die Ufer, Inſeln und
Werder bezeichnet. Nicht weniger mit mannigfaltigem Grün
geſchmückt iſt der von Süden herab ſich ziehende flache Grund, welchen die Ill bewäſſert; ſelbſt weſtwärts, nach dem Ge⸗ birge zu, finden ſich manche Niederungen, die einen ebenſo reizenden Anblick von Wald und Wieſenwuchs gewähren, ſo wie der nördliche, mehr hügelige Theil von unendlichen klei⸗ nen Bächen durchſchnitten iſt. Denkt man ſich“— fährt Goethe fort, deſſen„Wahrheit und Dichtung“ die einfach klare Schilderung entnommen iſt—„nun zwiſchen dieſen üppig ausgeſtreckten Matten, zwiſchen dieſen fröhlich ausge⸗ ſäeten Hainen alles zum Fruchtbau ſchickliche Land trefflich bearbeitet, grünend und reifend, die beſten und reichſten Stellen deſſelben durch Dörfer und Meierhöfe bezeichnet und
eine ſolche große und unüberſehliche, wie ein neues Paradies
für den Menſchen recht vorbereitete Fläche näher und ferner von theils angebauten, theils waldbewachſenen Bergen be⸗ grenzt: ſo wird man das Entzücken begreifen, mit dem ich mein Schickſal ſegnete, das mir für einige Zeit einen ſo ſchö⸗ nen Wohnplatz beſtimmt hatte.“
Anſchaulicher kann man die im Oſten vom Schwarzwald, im Weſten von den Vogeſen begrenzte, nach Nord und Süd in’s Unbegrenzte ſich dehnende Landſchaft mit dem altehrwürdigen Straßburg in der Mitte, an deſſen eiförmigen, von den beiden Hauptarmen der Ill umſchloſſenen, von drei kleineren theil⸗ weiſe durchfloſſenen Kern ſich im-Laufe der Zeiten immer neue Vorſtädte angeſetzt haben, im Ganzen und Großen nicht charakteriſiren. Verſuchen wir alſo nur, uns nach jegsr der vier Weltgegenden hin im Einzelnen leidlich zu entiren— ein Unternehmen, das die Mühe nicht unbe⸗ int Jaſſen dürfte. Zuerſt alſo,„wenn's beliebt,“ an das Geländer der Sffſeite! Daß ſich der Blick nicht in die baare Unendlichkeit verliere, Hafür ſorgt der etwa drei Meilen entfernte dorfge⸗ ſchichtliche Schwarzwald, den man vom Murgthale, von Raſtadt ſchauerlichen Andenkens bis zur Schweizergrenze hinauf überſieht— eine Kette von rundlichen Höhen, die in Folge ihres vielgeſtaltigen Baues, der Abwechslung von Feld und Wald und Oede, wie der zahlloſen Thalein⸗ ſchnitte, durch die ſie getrennt werden, bei günſtiger Beleuch⸗ tung einen reizenden Farbenreichthum entfaltet. Voraus drängt ſich der breite Rücken der Hornisgrinde, der den wildromantiſchen Mummelſee trägt; weiterhin, ſüdlich von dem freundlich reſtaurirten Schloſſe Ortenberg, als inſularer Vorſprung der Kaiſerſtuhl, rechts hinter dieſem der deutſche Bölchen und endlich, wenn's hell genug iſt, die Krone des Ganzen, der Feldberg. Mit Behagen ruht das Auge auf den weichen, wogenden Linien des Gebirges, um dann über die vorgelagerten Städte und Dörfer, unter denen Offen⸗ burg, Gengenbach und Erwin's Geburtsort Steinbach ſich auszeichnen, hinabzuſinken auf den Rhein und die üppige Ebene dieſſeit deſſelben. Da liegt denn gerade vor uns, zwiſchen Rhein und Ilb, der große, an maleriſchen Partien ſo reiche Robertsauer Wald. Seinen Namen hat er von
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dem mit einem Kranze von Landhäuſern umgebenen, ausge⸗ dehnten Dorfe am Saum, an das ſich nach der Stadtſeite hin— nur durch den Rhein⸗Ill⸗Kanal, über den diverſe elegante Brücken führen, davon getrennt— unſere„Oran⸗ gerie“ anſchließt, ein nach dem Plane des berühmten Lenoôtre angelegter, prächtig bepflanzter und von ſchattendunklen Baum⸗ gruppen eingefaßter öffentlicher Garten. Auf einen freien Raſenplatz deſſelben hat der Bildhauer Graß zwei Frauen geſtellt, die ſich ſchweſterlich an einander ſchmiegen; ſie ſollen Frankreich und Elſaß vorſtellen. In dem großen Gebäude aber, das ſich mitten im Garten erhebt, wohnte mehr als einmal, zuletzt im Jahre 1809, die Kaiſerin Joſephine. Ob ſie ahnete, daß der heimkehrende Sieger von Wagram ſie zu opfern gedachte, und ſchon nach wenigen Monaten der allzeit willfährige Senat ſie zur Wittwe dekretiren werde?! Eine Mahnung an die Gefahr, mit Frankreichs Herrſchern den Thron zu theilen, lag nahe genug, denn wenden wir den Blick um ein Weniges nach Süden, ſo ſtreift er, wie drüben das Städtchen Kehl, ſo dieſſeit der Rheinbrücke, an der man dem Iertreſ Oeſtreich's gerade damals einen Triumph⸗ bogen errichtete, die fatale Stelle, wo vierzig Jahre vorher Marie Antoinette in einem improviſirten Palaſte die erſte Nacht auf franzöſiſchem Boden geſchlafen— wohl ebenſo unfreiwillig, wie ſie ſich ſchließlich für immer ſchlafen legen mußte.
An der Straße, die von dort zum einſtigen Metzger⸗, jetzt ſeit fünfzig Jahren zum„Auſterlitzer“ Thore führt, ſteht ein Monument des General Deſaix, des trefflichen Auvergna⸗ ten, der an dieſer Stelle zweimal mit geräuſchloſer Tapfer⸗ keit den Rheinübergang erzwang und nach mancher Helden⸗ that bei Marengo die tödtliche Kugel empfing. Wer vor⸗ beikommt, verſäume nicht, die Skulpturen des Denkmals zu betrachten; ſie ſammen von Ohmacht, demſelben Künſtler, der unter vielem Andern auch das Urtheil des Paris im königlichen Garten zu München und das Grabmahl Rudolphs von Habsburg im Speierer Dome geſchaffen. Den Werken, namentlich ſeinen Statuen der Venus, Flora und Hebe, ſieht man's an, daß ihr Urheber den Winckelmann ſtudiert und bei Canova gearbeitet; ihn ſelber aber, den in Straßburg ein⸗ gebürgerten ſchwäbiſchen Bauernburſchen mit dem böotiſchen Kopfe, dem borſtigen Haare und der näſelnden Sprache wird wohl der größte Phyſiognomiker ſo wenig als genialen Künſtler, wie als Freund Klopſtocks und Lavaters erkannt haben.
Kennen Sie die mächtigen Bauten, die uns zwiſchen jener Straße und der Stadt als Vorſprung dieſer letzteren ins Auge fallen? Es iſt die Citadelle, das Zwing⸗Uri, das Ludwig XIV. durch ſeinen Vauban errichten ließ, gleich nach der famoſen Uebergabe Straßburgs am 30. September 1681. Das war ein kurioſe Geſchichte, wie Louvois, der Fuchs, Frühmorgens in aller Stille Vorwerke nehmen und der Stadt zu Leibe rücken ließ, dann mit koloſſalen Drohungen um ſich warf, die hinausgeſandten Rathsherren durch Blick und Wort, vielleicht auch theilweiſe durch lindere Mittel ent⸗ mannte und es trotz der Oppoſition des Commandanten von Janeck dahin brachte, daß ſchon Nachmittags um vier Uhr das Illkircher Protokoll von zitternden Händen unterzeich⸗ net, die Thore den franzöſiſchen Truppen geöffnet waren. Und obgleich dieſes Protokoll vom Könige und Colbert nur mit Reſerven über Reſerven ratifizirt wurde, hat man gleich⸗ wohl Denkmünzen„zu Ehren“ der Uebergabe geſchlagen, auf denen ein„Clausa Germanis Gallia,“ als Umſchrift des Vater Rhein„Fraenum hostibus, opem sociis““ zu
leſen war; ja, auf den kleinen Verkehrsmünzen der nächſt⸗


