Jahrgang 
1857
Seite
330
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wir ſelber zittern mit und das Herz im Leibe auch, zumal wenn etwa, wie am Vorabend eines Feſttags, das Geläute der proteſtantiſchen Thomaskirche einfällt ein großartiger Hymnus, den die ältere und jüngere Schweſter einträchtiglich dem gemeinſamen Vater ſingen. Dann fühlt man ſich die 330 Stufen bis zur Plattform ordentlich hinaufgetragen, hinaufgeſchaukelt, denn ſeliges Entzücken macht leicht, es hebt und erhebt.

Wird uns aber dieſes Glück nicht gerade zu Theil, ſo kommen wir, ſelbſt nach bedächtigem Steigen, wohl ein wenig erhitzt an und werden wohlthun, einen Augenblick in dem Wächterhäuschen zu verweilen, in das die Stiege zunächſt mündet. Beſchäftigung bietet das aufliegende neueſte der dreizehn Fremdenbücher, in dem wir ſo ganz im Geheimen, unter uns Pfarrerstöchtern ja wohl einmal blättern dür⸗ fen. Vornehm war's allerdings ſchon lange nicht mehr, ſo wenig wie das Hineinſchreiben, denn alles Gemüthliche iſt gemein und will man ſich einmal gemein machen, ſo läßt man heutzutage gleich einen Maroquinband vom Stapel. Wundern wir uns darum auch nicht, wenn unter den Auto⸗ ren aus den fünf Welttheilen, die hier geſammelt vorliegen, die meiſten, wie namentlich die Emigranten, ſich aus guten Gründen begnügt haben, der Nachwelt ihre bloßen Namen in nicht allzugeläufigen Zügen zu übermachen, und wenn ſelbſt diejenigen, deren Feder ſich bequemer bewegte, nicht gerade die Blüthe höchſter Bildung duften laſſen. Unendlich Viele beſcheinigen mit komiſchem Ernſte, das Münſter ſei wirklich ein paſſables Stück Arbeit, wie denn ein Profeſſor unſres muſikaliſchen Conſervatoriums ſich wörtlich, wenn auch in holländiſcher Sprache, vernehmen läßt:Ihr mögt mir im Ernſte glauben, daß ich heute den ſchönſten Thurm von der ganzen Welt geſehn. Andere holen gar weiſe Sprüchlein aus den unterſten Tiefen des Gedächtniſſes, ähn⸗ lich dem:das Leben iſt ein reißender Strom, fahren wir heiter hinüber! eines franzöſiſchen Rechtsbefliſſenen, wo denn ein deutſcher Student ebenſo gut hinſchreiben könnte: Der Tiger iſt ein grauſames Thier, darum ſollen wir in einem neuen Leben wandeln. Noch Andere philoſophiren in der Art eines Herrn Beaulieu:Möchte die majeſtätiſche Größe dieſes prächtigen Denkmals, die uns zur Anerkennung menſchlicher Geiſteskraft zwingt, uns zur ſozialen Wiſ⸗ ſenſchaft führen, die Fourrier zum Heile des Menſchen⸗ geſchlechts entſchleiert hat! Man ſollte meinen, dagegen laſſe ſich abſolut nichts einwenden, und doch iſt ein Forſtin⸗ ſpektor, der hoffentlich ſeine Bäume beſſer kennt, als ſein Franzöſiſch, ſehr anderer Meinung.Die Werke des Men⸗ ſchen, belehrt er uns,vergehen, wie prächtig auch ihre Größe ſei; Gott allein iſt unwandelbar, ihm ſei Preis in Ewigkeit! wozu ſich abermals nurAmen, Herr Forſtin⸗ ſpektor! ſagen läßt. Wenige endlich ſchwingen ſich auf zu einem reinpoetiſchen Erguſſe, bald in ungebundener Form, wie Theodor Mühlſchlegel aus Biberach, derfreundliche Grüße an alle Schwaben ſchickt, bald in ziemlich ungebun⸗ denem Inhalt, wie folgendes großartige Poém eines Poly⸗ technikers aus Lindau darthut:

Ich ſtieg auf den Straßburger Münſter, Hinunter zu ſchauen in's lachende Land, Doch als ich mich oben, hoch oben befand, Vergaß ich es, nieder zu ſchauen. Mir war es, als wär' ich ein Vogel

Und flöge hoch über der Menſchen miſère Allein in der himmliſchen Bläue daher, Mir wares im Herzen ſo ſeltſam. Ich flog vor ein Fenſterlein ſachte

Und ſetzte mich nieder, zu ſingen ein Lied,

Dann ſchwang ich mich wieder in's luft'ge Gebiet, Mir war wie der ſchwirrenden Lerche.

Ich ſtieg auf den Straßburger Münſter,

Doch hab' ich vergeſſen, hinunter zu ſehn;

Ich ſchrieb auf den äußerſten Stein in den Höh'n: Pauline! und flatterte wieder hinunter.

Es iſt bekanntlich ſchwer zu ſagen, ob man in Clemens Brentano'sGockel, Hinkel und Gackeleia vernünftige Weſen oder Hühner vor ſich hat; hier aber ſcheint Einer ſelbſtvergeſſen zu haben, ob er zur Klaſſe der Menſchen oder der Vögel gehört. Der flatterhafte Paulineaner mahnt an die Sirenen des Alterthums, weßhalb auch ſein Lied ſo... ſirenenhaft klingen mag.

Genug! Hinaus jetzt auf die mit reichverzierter Bruſt⸗ wehr umſäumte, gaſtlich mit ſteinernen Tiſchen und Bänken verſehene Plattform. Vor uns ſtrebt der köſtliche Thurm emporwie durchbrochen Alles und doch für die Ewig⸗ keit in dem 170 Stufen Jeden, der da will, bis auf die vier Schnecken, ein noch längerer, um den Helm ſich winden⸗ der Steig den mit beſonderer Erlaubniß Verſehenen bis zum Thurmknaufe, 230 Fuß über unſern Standpunkt hinaufführt. Allerdings ſollte da, wohin wir treten, eigentlich der Zwil⸗ lingsbruder dieſes Thurmes ſtehen, ſo daß uns nur Raum genug bliebe, um das Dioskurenpaar herumzuwandeln; da er aber vor der Geburt ſchon geſtorben iſt und ſchwerlich jemals auferſtehn wird, ſo dürfen wir die Stätte ohne Scheu mit den Herren und Damen aus Oſt und Weſt theilen, die mit Lorgnette und Perſpektiv, Reiſehandbuch, Karten und Notizbüchlein umherſtehn und uns kaum ſo viel Aufmerk⸗ ſamkeit zuwenden, wie den traulichen Storchneſtern drunten auf den Dächern der Stadt.

Allerdings befinden wir uns nicht allein in ihrer Geſell⸗ ſchaft. Die Pfeiler des Thurmes ſind von außen und innen förmlich beſäet mit Namen, und manch' ein Name bannt den Geiſt ſeines Trägers her. Wir reden nicht von den welt⸗ lichen Größen, wie die Frau Kronprinzeſſin von Frankreich, die ſich als ſolche zwei Jahre vor der Julirevolution(!) ein⸗ ſchrieb; von ihnen haben wir kein Bild. Aber da ſtehen Goethe und Herder, die beiden Stollberg, Lavater, Lenz, Schloſſer, Uhland und Gott weiß, wen ich überſehe. Auch Voltaire, der Spötter, fehlte nicht, nur wollte ihn der Him⸗ mel nicht in ſeiner Nähe dulden und ſchickte den Blitz, daß er ihm den Kopf: die beiden Anfangsbuchſtaben wegſchlage. Er hat's gethan; wie aber das Menſchenherz einmal ver⸗ ſtockt iſt, hat man dem Unduldſamen einen koloſſalen Blitz⸗ ableiter entgegengeſtellt und den verſtümmelten Namen trotzi⸗ glich reſtaurirt. Das iſt ſeltſam, doch nicht ſo überraſchend, als daß der Name Schiller's, der nie einen Fuß nach Straß⸗ burg ſetzte, auf einem Fenſterrande zu leſen ſteht. Der arme Schiller! Wäre ihm nur das Schickſal ſo freundlich geweſen, wie die Nachwelt! Wie hätte der Mann aufgeathmet auf den Gipfeln der Alpen, oder hier, auf unſrer Alp in der reinen, friſchen Luft angeſichts der duftigen Blumen, mit denen der Wächter freundliche Hand die Baſis des Thurmes umſtellt hat unter den heiter bewegten Menſchen!

So heiter freilich, ſo lebhaft, wie noch vor wenigen Jah⸗ ren, geht's auf der Plattform nicht mehr zu. Oft wimmelte es damals von bierzechenden Studenten, von ſpringenden, tanzenden Mädchen, auch von Familien, die in heiterem Kreiſe um das mitgebrachte Mahl ſaßen. Feſte ſogar wur⸗ den veranſtaltet, wie das große Bankett, das die Straßbur⸗ ger im September 1834 dem Geologen⸗Congreſſe gaben. So Etwas darf heuer nicht mehr geſchehen; die Behörden haben Sang und Trank und jeglichen Cultus des Magens nachgerade als unſchicklich verboten. Und ſo lieblich es ſich