——
der Braut aus der Kirche ſchritt, wo ſich die Muſik zu ſeinem Empfange wieder aufgeſtellt hatte, gleitete ſein Blick unwillkürlich über die ſchwarzen Kreuze hin, welche mit ihren Gräbern die Kirche umgaben;— er ſchrack zu⸗
ſammen— der rothe Kopf des Ignaz erhob ſich hinter
einem derſelben und ſah ihn höhniſch lachend an; dann ſchritt der Burſche hervor, ging auf der Gaſſe neben dem Brautpaare her, und ſein Anblick führte Crescenz Bild in allen Variationen ihm vor die Seele, und die Er⸗ innerung des ſüßen Liebesglückes bei ihr warf einen düſte⸗ ren Schatten auf die Neuvermählte an ſeiner Seite. Der Gedanke, daß der häßliche Ignaz ſeinen heißgeliebten
Schatz nun beſitzen werde, wurde ihm ganz unerträglich.
Liebe und Eiferſucht,
während der Hochzeitfeier ſo weit faſſen, ruhig an dem Brauttiſche ſitzen zu bleiben.
Engel mochte vielleicht ahnen, was in ihrem Bruder vorging, denn ſo oft es ihr möglich wurde, hinter dem langen, ſchmalen, mit Eßwaren überladenen Tiſche her⸗ vorzukommen, oder den Tanzplatz zu verlaſſen, trat ſie zu ihm und ſuchte durch Scherze ihn zu erheitern.
Die Braut, welche viel tanzen mußte, bemerkte die gereizte Stimmung ihres Bräutigams weniger, oder ſchrieb ſie dem allzu reichlich genoſſenen Getränke zu.
Je mehr es in die Nacht hinein ging, je toller wurde die Luſtigkeit, und erſt vor dem Aufbruche, der kurz vor
Schmerz und Reue bemächtigten ſich plötzlich ſeiner, und nur mit Mühe konnte er ſich
der Morgendämmerung ſeattfinden mußte, hörte der Lärm
auf und machte einer feierlichen Stimmung Platz, denn das Brautpaar mußte, ehe der Tag graute, in ſeine Kammer begleitet werden und zur Ruhe kommen— ſonſt war kein Glück in ihrer Ehe möglich. Freundinnen des Brautpaares ſchaarten ſich um dieſes, und es ging, im ſchneidendſten Contraſte zu der eben noch herrſchenden wilden Luſtigkeit, in ſtillem, feierlichem Zuge nach dem Hauſe des Höhlenbauers.
Die Muſik zog voran, rührende Melodien ſpielend und ſtellte ſich dann vor dem Höhlenhofe auf, während Braut und Bräutigam von der ganzen Geſellſchaft in ihre Kammer begleitet wurde. Das junge Ehepaar ſtellte ſich vor die hohe Himmelbettlade, und Engel nahm in ernſt⸗ hafter, feierlicher Weiſe ihrer Schwägerin den jungfräu⸗ lichen Kranz ab, ihn für immer in eine Lade verbergend; ebenſo wurde dem Bräutigam der koloſſale Hochzeitſtrauß von der Bruſt genommen und dazu gelegt. Dann reihte ſich alles um das Hochzeitbett und unter Thränen der tiefſten Rührung ſang man das„B'hüt Gott“(Abſchied) aus dem ledigen Stande, dem ein feierliches Kirchenlied folgte. Als dies beendet war, wurde mit Schluchzen von dem Brautpaare ein rührender Abſchied wie für immer und ewig genommen. Damit war nun das junge Ehe⸗ paar, beſonders die Frau, aus dem Kreiſe ihrer Geſpie— linnen ausgeſchloſſen und durfte es ſich nicht mehr einfal— len laſſen, einem Vergnügen des ledigen Standes beiwoh⸗ nen zu wollen. Dafür wurden ihr jetzt die ehelichen Freu⸗ den und der ſtolze Titel:„Bäurin.“
Conrad, von der innern Anſtrengung, welche ihm der heutige Tag auferlegt hatte, erſchlafft, und etwas betäubt von dem im Uebermaß genoſſenen Weine, kam alles um ihn her wie ein wirrer Traum vor, mit Crescenz Bild durchwoben, welches trotz allen Widerſtrebens ſein Herz erfüllte. Als die Geſellſchaft die Kammer und das Haus verlaſſen hatte, näherte er ſich der Thüre, ſie zu verſchlie⸗ ßen— aber ſie that ſich in dieſem Augenblicke weit auf,
Die Freunde und
und die häßliche Geſtalt des rothen Ignaz ſtand wie ein Geſpenſt auf der Schwelle. Ein grelles, hämiſches Lachen erfüllte die Brautkammer, und Annemei flüchtete er⸗ ſchreckt in eine Ecke derſelben. Conrad, ſeiner nicht mäch⸗ tig, ſtarrte den ungebetenen Gaſt an, deſſen Erſcheinung er nicht begreifen konnte.
„Biſt Du's? Oder iſt's Dein Geiſt?“ ſtotterte er end⸗ lich heraus.
„Ich bin's leibhaftig, ich ſelber,“ antwortete Ignaz mit kaltem, boshaftem Ton.„Ich will Dir noch eine Freude in's Brautbett legen, die Nachricht, daß Du ſchon vor der Hochzeit Vater biſt von einem Kinde, das im Bettelhaus auf die Welt kommen ſoll, denn zu Crescenz Schande mag ich auch für tauſend Gulden meinen Namen nicht hergeben und ein Kukuksei in mein Neſt mir legen laſſen. Vielleicht thut's die Annemei und nimmt das Kind von Deinem katholiſchen Schatze aus dem Bettelhauſe,— ſparſt Du doch jetzt die tauſend Gulden von ihrem Hei⸗ rathsgute.“
Damit warf er die zerriſſene Verſchreibung dem Bauer in's Geſicht, ſchlug lachend die Thüre zu und verſchwand.
In demſelben Augenblicke drangen die erſten Strah⸗ len des Tages in die Brautkammer, mit ihrem matten Scheine ein unglückliches Ehepaar beleuchtend.
Am Tage nach Conrads Hochzeit kniete Crescenz am Lager ihrer todkranken Ahne und betete den Roſenkranz. Worte und Thränen zur Linderung ihres Schmerzes fehlten ihr und das mechaniſche Gebet gab ihr auch kei⸗ nen Troſt. Der rothe Ignaz war gerichtlich eingeſchrit⸗ ten, um ſie aus dem kleinen Häuschen verjagen zu laſſen, und nur der gefährliche Zuſtand des alten Weibes hatte noch eine kurze Friſt hervorgerufen. Das arme Mäd⸗ chen war ſo vom Schmerz und Jammer niedergebeugt, daß ſie der Kranken nicht einmal mehr die nöthigſte Hülfe zu verſchaffen vermochte; auch hatte Ignaz alles mögliche aufgeboten, ſie der öffentlichen Verachtung preis⸗ zugeben, und wo ſie ſich blicken ließ, wandte man ihr den Rücken.—
Die alte Ahne, als ſie überzeugt war, daß keine Ver⸗ einigung zwiſchen Crescenz und Ignaz mehr möglich ſei, und eine völlig troſtloſe Zukunft vor ſich ſah, grämte ſich ſo ſehr, daß ihr ohnedieß ſchon ſehr ſchwacher Körper erlag, und ſie ihr nahes Ende voraus ſah. Der Unwille, welchen ſie gegen Crescenz empfunden, wich und alle Liebe, deren ſie fähig war, erwachte wieder in ihr, und der armen Crescenz Zukunft war ihre noch einzige, ſtete, quälende Lebensſorge;— aber umſonſt quälte ſie ſich ab, irgendwo einen lichten Punkt für die Unglückliche zu entdecken; und wie der Ertrinkende noch an einem Stroh⸗ halm Rettung ſucht, ſo gab ſie, ſich einer höchſt unſichern Hoffnung überlaſſend, ihrer Enkelin den Rath, nach ihrem Tode nach Ulm zu gehen, wo noch eine entfernte Ver⸗ wandte von ihr ſich aufhielt, welche freilich ſchon längſt nichts mehr von ihr hatte wiſſen wollen, ja von der ſie ſelbſt nicht einmal genau wußte, ob ſie noch am Leben ſei. Doch der Gedanke, daß die Baſe ſich vielleicht der armen Crescenz annehmen würde, war eben ihr letzter Troſt, welchen ſie darum auch feſt hielt, und das traurende Mädchen damit zu beruhigen ſuchte. Mit halb gebrochner Stimme ſagte ſie zu ihr:
„Gehe auf Mariä Heimſuchung mit den Wallfahrern gen Blaubeuren und thue Buße am Hochaltare, und bete
für Dich und meine arme Seele, die bis dahin ſchon vor. Gottes Richterſtuhle ſteht. Flehe zu der gebenedeieten


