kehren, alle Hinderniſſe beſeitigen und ſie doch noch zu ſeinem Weibe machen. Das Leben ohne ihn erſchien ihr ſo grauenhaft, daß ihr auf der weiten Welt nichts fürch⸗ terlicher vorkam;— auch war ihr Glaube an ſeine Liebe ſo groß, daß ſie nicht faſſen, nicht begreifen konnte, von ihm vergeſſen zu werden. Wochenlang harrte ſie mit feſtem Glauben auf ſeine Wiederkehr, jeden Sonntag Abend lief ſie in den Wald hinaus, wo ſie ſo oft in ſeinem Arm geruht, ſo ſelige Stunden mit ihm verlebt hatte,— doch er kam nicht. Des armen Mädchens Wangen wurden immer bläßer und ihr ſonſt ſo ſtrahlendes Auge trübe und thränenſchwer.
Da trat eines Morgens Ignaz mit freudig grinſendem Blicke herein, ein Papier in der Hand haltend, trium⸗ phirend zeigte er es Crescenzen, indem er rief:
„Siehſt Du, was Du werth biſt? Tauſend Gulden giebt Dein Schatz noch dazu, daß er Dich los wird. Dafür kaufe ich Dich, und auf Conrads Hochzeit wollen wir auch die unſrige halten. In drei Wochen iſt ſie. Geſtern hielt er Verlobungstag mit des Unterbauern Annemei von Nellingen.“
Crescenz zitterte am ganzen Körper und der Athem drohte, ihr auszugehen.
„Laß' michs leſen;“ ſtammelte ſie kaum hörbar und nahm das Blatt aus Ignaz Hand; aber ſie vermochte nicht zu leſen, es wurde ihr ſchwarz vor den Augen.
„Das iſt mein Todtenſchein,“ lispelte ſie vor ſich hin.
„Tauſend Gulden will Er Dir geben, wenn Du mich nimmſt?“ frug ſie mit tonloſer Stimme.„Und weiß Er denn auch,— hat Er es Dir geſagt?“ ſchrie ſie plötzlich auf, denn es regte ſich unter ihrem Herzen und ein neues, mächtiges, nie gekanntes Gefühl erfaßte ſie mit fürch⸗ terlicher Gewalt. Leichenblaß ſchritt Sie auf Ignaz zu, faßte ihn an der Hand und ſprach langſam:„und er giebt Dir tauſend Gulden, daß Du mich zum Weibe nimmſt und ſeinem Kinde Deinen Namen gibſt? Pfui über Dich! Du biſt ſo ſchlecht wie er.“
Sie ließ die Hand des rothen Ignaz los, der ſie ver blüfft anſtarrte, zerriß die Verſchreibung und warf ſie ihm vor die Füße.
„Packe Dich hinaus, und betritt dieſe Schwelle nicht mehr.— Ich laſſe mich nicht verkaufen, und eher will ich in die Hölle fahren, als Dein Weib werden.“
Dann brach ſie kraftlos zuſammen, ihr Geſicht in die Arme vergrabend, welche ſie, ſich ſtützend, auf die Bank legte.
Ignaz blickte voll tiefen Ingrimms auf das Mädchen, dann hob er das zeriſſene Papier auf, ballte ſeine Fauſt gegen die Unglückliche und ihre Großmutter, welche zit⸗ ternd und bebend mit gefalteten Händen daſtand.
„Ihr ſollt's büßen!“ brüllte er.„Ihr und er! Das ſchwöre ich bei allen Heiligen!“
Er rannte fort,— und in dem engen, kleinen Stüb chen, das der alten Ahne und ihrer blühenden Enkelin ſo viele Jahre ein freundliches Aſyl geweſen, und in wel⸗ chem Crescenz noch vor kurzer Zeit ſo ſüße Stunden be glückter Liebe durchlebt hatte, blieb nichts von alle dem zurück als Schmerz und Leid, Noth und Elend.
Der Tag war angebrochen, an welchem Conrad ſeine Braut zum Altare führen ſollte. Seit mehreren Wochen hatte er mit dem Gedanken, daß er für Crescenz geſorgt, ſein Herz zu beruhigen geſucht. Seine Braut, ein derbes, rothbackiges Mädchen, mißfiel ihm nicht, ſie verſprach eine recht tüchtige Bäurin zu werden, und dies befriedigte ſeinen Bauernſtolz. Engel, nach deren Begriffen er unge⸗
9
heuer viel für ſeinen Schatz gethan, ja mehr, als er eigen⸗ lich verantworten könne, pries ihm dieſe That ſo hoch an, daß ſein Gewiſſen dadurch beſänftigt war. Die Liebe zu Crescenz aber und die Sehnſucht nach ihr, welche er nicht überwinden konnte, ſuchte er durch Trinken und Spielen zu übertäuben. Seine Schweſter hoffte, wenn Annemei ſein Weib ſei, werde er wieder davon abkommen, und alles gut werden; an ihre eigne Verheirathung dachte ſie mit Ruhe als an eine Nothwendigkeit ihres Lebens, und nur hier und da ſtieg noch ein leiſer Seufzer aus ihrer Bruſt, wenn ſie des fernen Knechtes denken mußte.
Die Hochzeit des Höhlenbauern war eine der präch⸗ tigſten, welche man jemals im Dorfe erlebt hatte. Die ziemlich weiten Räume des Wirthshauſes zum Adler faßten kaum die Zahl der Gäſte, obgleich die Zeche, welche jede Perſon für die aufgetragenen Speiſen ſelbſt bezahlen mußte, höher geſtellt war, als ſonſt gewöhnlich der Ge⸗ brauch mit ſich brachte; ja der ſonſt höchſte Preis von vier und zwanzig Batzen war auf zwei Gulden erhöht worden, und ſtatt viermal, mußte ſechsmal Fleiſch aufgetragen wer⸗ den, und zu dem üblichen Sauerkraut auch noch Reisbrei und ſüße Zwetſchen kommen. Die alte Höhlenbäurin war hoffärtig und ihr nichts gut genug für ihres Lieblings Ehrentag. Muſikanten waren von allen Dörfern zuſam⸗ menberufen, ja ſelbſt von Blaubeuren ein paar flotte geholt worden, und die Geigen, Klarinetten und Waldhör⸗ ner erſchallten gewaltig die Gaſſe hinab, als ſie an der Spitze des Hochzeitzuges ſich in Bewegung ſetzten und luſtige Weiſen aufſpielten. Von allen Seiten hinter den Bäumen und Häuſern hervor knallten die Büchſen ein donnerndes Accompagnement dazu.
Die Braut mußte nach der Sitte auf dem Wege zur Kirche Thränen vergießen, aber Annemei hielt es ſchwer, welche hervorzupreſſen, ſie wiſchte ſich zwar wiederholt die Augen, aber es wollte doch nicht recht gehen, und ihr rundes, volles Geſicht verzog ſich eher zum Lächeln, denn ſie merkte wohl, wie alle Blicke auf ihr ruhten und ſie bewunderten. Ihre große, ſtämmige Geſtalt nahm ſich auch recht gut in dem ganz ſchwarzen Anzuge aus, der von feinem Tuche, ausgeſchmückt mit ſeidenen Bändern und ſammtartigen Borten war,— das blendend weiße Koller von Spitzen, mit ſilbernen Ketten gehalten, ſah unter dem ſchwarzen Steiner(Jacke) hervor, und nahm dem Anzuge das Düſtere, das ſeine Farbe mit ſich brachte. Der bunte Aufſatz, wunderbar verſchlungen von rothſei⸗ denen Bändern und fahlweißen Flachszöpfen, auf denen eine Krone von Flittergold und Glasperlen ſaß, war zu⸗ ſammengehalten von einem blinkenden Pfeile und verziert von einer wahren Unmaſſe roth und blauſeidener Schlei⸗ fen, welche über den Nacken hinabflatterten. Er erhob und verſchönerte auf das vortheilhafteſte den dunklen An⸗ zug der Braut, und gab auch der etwas ſeltenen Tracht der Brautjungfern, welche gleiche Aufſätze trugen, ein eigenthümliches, fröhliches Ausſehen.
Minder hübſch nahm ſich der Bräutigam mit ſeiner Umgebung aus. Die langen Röcke und dreieckigen Hüte ſtanden den jugendlichen Geſichtern und Geſtalten nicht allzu gut; ſie waren erſt hübſch im Tanzkoſtüm, mit den weiten Hemdärmeln und den ſcharlachrothen Weſten.
Conrad ſah bleich aus und ſein Blick haftete ſcheu am Boden. Man erkannte in dem düſter dahinſchreitenden Bräutigam den übermüthigen Sohn des Höhlenbauern nicht mehr.
Als die Trauung vorüber war und er an der Hand
———,—— ½
—.—9——


