Jahrgang 
1857
Seite
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nicht bloß unpaſſend, ſondern geradezu unſinnig, die Chine ſen ein barbariſches Volk zu nennen. Sie ſind früher civi⸗

liſirt geweſen als wir, ihre Bildung iſt um Vieles älter als

die unſrige, ſie haben in ihrer politiſchen und ſocialen Ent⸗ wickelung unendlich viele Kriſen durchgemacht und Stufen

zurückgelegt, die uns noch bevorſtehen; kann uns dieß berech⸗

tigen ſie Barbaren zu nennen? Wir haben dazu weit weniger Recht, als die alten Römer oder Griechen Barbaren zu

ſchelten; denn die genannten Völker ſind längſt untergegangen,

während die Chineſen im Stande waren, ihre uralte hohe

Bildung und Geſittung durch ſo viele Jahrtauſende hindurch Denn was iſt am Ende das Reſultat dieſer vielgeprieſe⸗

bis heute zu erhalten.

In der That, wenn wir nicht der Meinung ſind, daß bloß das Chriſtenthum im Stande ſei, von der Barbarei zu befreien, ſo müſſen wir bekennen, daß wir wohl keinem Volk der Erde gegenüber weniger das Recht haben, mitBarba⸗ ren um uns zu werfen, als den Chineſen gegenüber. iſt wahr, ſie haben keine Eiſenbahnen und keine Dampfma⸗ ſchinen; aber ſie haben Canäle und Straßen und mittelſt dieſer Communicationsmittel, auf welche ja auch wir vor noch nicht ſehr langer Zeit beſchränkt waren, haben ſie einen Binnenhandel in ihrem Lande entwickelt, von deſſen Umfang

und Bedeutung man in Europa, trotz Dampf und Eiſen⸗

bahnen, noch keine Ahnung hat. Wie viele Erfindungen aber haben ſie zu einer Zeit ſchon gemacht, als ſämmtliche europäiſche Nationen noch Eicheln aßen oder kaum in die Anfänge der Geſittung eingeweiht wurden! Sie verfertigten Seide, erfanden das Pulver, bereiteten das ſchönſte, noch

heute bewunderte Porzellan, hatten ſogar wahrſcheinlich die

Blitzableiter zu einer Zeit, als von ſämmtlichen Hauptnatio⸗ nen Europas noch gar nicht die Rede war. Dürfen wir eine ſolche Nation eine barbariſche nennen?

Ihre einzige Schwäche iſt ihre politiſche Apathie, ein politiſcher Indifferentismus, der mit den heftigſten und blu⸗ tigſten Revolutionen abwechſelt.

Es

Der Geiſt des Handels

und des Erwerbs hat die Chineſen dergeſtalt erfüllt und

durchdrungen, daß ſie ſchlechterdings nicht begreifen, wie man ſich mit den Staatsangelegenheiten beſchäftigen könne, ohne dafür bezahlt zu ſein. Wozu ſich beunruhigen und den Kopf beſchweren, ſagen ſie, mit unnützen Gedanken? Sieh, die Mandarinen ſind angeſtellt, ſich der Staatsgeſchäfte anzu nehmen, ſie werden dafür bezahlt, alſo mögen ſie ihr Geld auch verdienen. Wir andern wollen uns nicht mit dem plagen, was ſie angeht; wir wären ja närriſch, wenn wir uns umſonſt mit den Staatsgeſchäften abgeben wollten! Es iſt freilich wahr, daß ein ſolcher politiſcher Indifferen⸗ tismus, eine ſolche Alleinherrſchaft des Handels- und Er⸗ werbsgeiſtes die ſchlimmſten Folgen haben und den Verfall des Staates nach ſich ziehen muß. Es iſt auch richtig, daß die Folgen ſchon ſehr deutlich in China heraustreten und ſich bereits ſehr weit entwickelt haben. Ebenſo wie die Chi⸗ neſen im Ganzen nur ſich zu bereichern ſuchen, ſehen die Beamten ihre Aemter nur als Mittel der Ausbeutung und Bereicherung an, eine ſchlechte Verwaltung, eine beſtechliche, geradezu verkäufliche Juſtiz zerſtört immer mehr die Quellen der Geſundheit des Staates und führt zu jenen gräßlichen Revolutionen, von denen man in der chineſiſchen Geſchichte

lieſt. Aber haben denn die Europäer etwa nur die Engländer ausgenommen das Recht, die Chineſen des⸗

halb Barbaren zu nennen, weil ſie ſich um Staatsangele⸗ genheiten nichts oder wenig bekümmern und nur die Berei⸗ cherung im Auge haben? Derſelbe Geiſt iſt es ja auch, der das ganze europäiſche Feſtland beherrſcht, auch hier wechſelt ja der äußerſte politiſche Indifferentismus mit heftigen revo⸗

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thum in Peking.

lutionären Bewegungen ab, und wenn vielleicht bei uns der⸗ ſelbe Geiſt noch nicht dieſelben zerſtörenden Wirkungen her⸗ vorgebracht hat, wie in China, ſo iſt dieß wahrhaftig kein Grund uns über die Chineſen zu erheben, die ſchon vor 1000 Jahren in die Periode der Revolutionen eingetreten ſind, in der wir ſeit kaum 70 Jahren leben.

Was die Bildung und Erziehung des Einzelnen betrifft, ſo wird gerade hierauf nirgends ſo viel Mühe verwendet, als in China, und die Deutſchen, welche ſich ſo außerordent⸗ lich viel auf ihre Volksſchulen und ihre Volksbildung zu Gute thun, können nur mit Beſchämung nach China blicken.

nen deutſchen Volksbildung? Daß Jeder nothdürftig leſen, ſchreiben und rechnen lernt, und ſelbſt einen guten Theil dieſes Nothdürftigen bis zur Begründung eines eignen Ge⸗ ſchäftes wieder vergißt, ſo daß er ſelten im Stande iſt, ſeine Bücher und Rechnungen ſelbſt zu führen. In China wird und zwar ohne eine drängende und beaufſichtigende Kirche eine weit höhere Bildung des gemeinen Mannes erzielt, und daß ein Geſchäftsmann in China nicht ſoviel in der Schule gelernt haben ſollte, als er zur Führung ſeines Geſchäftes braucht, iſt geradezu undenkbar.

Wir haben alſo großes Unrecht, die Chineſen Barbaren zu nennen. So fremd uns ihr Weſen ſein mag, wir haben in ihnen ein Volk von alter und hoher, allerdings jetzt über⸗ reifer Cultur anzuerkennen, ein Volk, an welchem wir, auch wenn wir es jetzt beſiegen und überwältigen ſollten, ohne Zweifel unendlich viel lernen können. Schon das hohe Alter dieſer Geſittung ſollte uns einige Ehrfurcht einflößen.

Nicht bloß die chineſiſchen Schriften, ſondern auch äußere Zeugniſſe, die wir beſitzen, beweiſen, daß China ſchon zu einer Zeit, als in Europa tiefe Finſterniß herrſchte, auf einer hohen Stufe der Kultur ſtand. Der Verkehr der Fremden mit China iſt ſehr alt; ſie waren offenbar früher nicht, wie heute, ausgeſchloſſen. Das Chriſtenthum konnte ſich ſchon im 6. Jahrhundert in China verbreiten; man hat ein Denk⸗ mal aus dem Jahre 635 aufgefunden, wodurch dieß außer Zweifel geſetzt wird. In den arabiſchen Chroniken des 9. Jahrhunderts findet man mancherlei Notizen über China. Damals war das römiſche Reich in China unter dem Namen desReichs der ſchönen Männer bekannt. Die hohe Entwick⸗ lung der chineſiſchen Induſtrie wurde damals von allen Reiſen⸗ den bewundert. Sie wurde durch zweckmäßige Regierungs⸗ maßregeln ermuntert. Die Zahl der Fremden, welche China beſuchten, war ſo bedeutend, daß gegen Ende des 9. Jahr⸗ hunderts in der Stadt Hantſcheu⸗fu aus Anlaß einer Revo⸗ lution 120,000 Fremde, Chriſten, Juden und Muhamme⸗ daner umkommen konnten. Die römiſche Kirche hat China niemals außer Acht gelaſſen, obwohl ihre vielen Anſtrengun⸗ gen nur unvollkommen belohnt wurden, da die Chineſen einen viel zu weltlichen, rationaliſtiſchen Sinn haben und immer gehabt haben, als daß ſie an den chriſtlichen Myſterien großen Geſchmack hätten finden können. Sie benutzte die Kreuzzüge und die Tartareneinfälle um Verbindungen mit dem oſtaſiatiſchen Reiche anzuknüpfen. Im Anfang des vierzehnten Jahrhunderts beſtand ein katholiſches Erzbis⸗ Im 15. Jahrhundert wurden die Ver⸗ bindungen durch die Mongolenherrſchaft unterbrochen, der ſich China unterwerfen mußte. Was der venetianiſche Reiſende Marco Polo über dieſes Land berichtete, klang im Occident wie eine Fabel. Erſt die Portugieſen entdeckten China aufs Neue. Von Goa aus wurde 1517 eine Expedition nach Canton abgeſchickt, die einen Handelsvertrag zwiſchen den beiden Staaten zu Stande brachte. Später gründeten die