Jahrgang 
1857
Seite
314
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Bis jetzt ſteht das Verhältniß Europa's zu China ſo: Europa iſt von China abhängig geworden, es kann insbe⸗ ſondere den Thee nicht mehr entbehren, der Verbrauch deſ⸗ ſelben nimmt mit jedem Jahre zu, er wird immer mehr zu einem nothwendigen Nahrungsmittel. Dagegen iſt China von Europa völlig unabhängig geblieben, es hat ſich gar keine Bedürfniſſe angewöhnt, die von Europa her befriedigt werden müßten und ſelbſt das Opium, ein Produkt Indiens, womit England einen kleinen Theil ſeiner chineſiſchen Ein⸗ fuhr bezahlt, begründet keine Abhängigkeit Chinas von dem engliſchen Handel, da es entweder in China ſelbſt erzeugt oder zu Land eingeführt werden könnte. Europa führt ſo⸗ mit chineſiſche Produkte in ungeheuren Maſſen ein, ohne ſie durch ſeine Fabrikate bezahlen zu können; es muß ſie in baa⸗ rem Silber bezahlen und dieſes Abhängigkeitsverhältniß verſchlimmert ſich noch dadurch, daß auch Amerika ſeinen ſtarken Theebedarf durch Wechſel auf England, d. h. durch geſteigerte Ausfuhr nach Europa, deckt. In dieſem Verhält⸗ niß hat der außerordentlich ſtarke Abfluß des Silbers aus Europa ſeinen Grund, welcher überall Beſorgniſſe und Ver⸗ legenheiten hervorruft.

Ob ſich dieſes Verhältniß in Folge des nächſten Sieges über China oder vielmehr über die chineſiſche Regierung ändern wird, läßt ſich nicht ſagen. Wenn der bevorſtehende Krieg weiter kein Reſultat liefert, als daß die chineſiſche Regierung dadurch genöthigt wird den Engländern und den übrigen europäiſchen Nationen noch mehr chineſiſche Häfen zu öffnen und dem Handelsverkehr weniger Schwierigkeiten, als bisher, entgegenzuſetzen, ſo wird das Abhängigkeitsverhält⸗ niß Europas von China ſich vorausſichtlich nur vermehren, nicht vermindern. Denn die Chineſen werden ſich darum noch lange nicht an europäiſche Bedürfniſſe gewöhnen, ſie werden volkswirthſchaftlich von Europa unabhängig bleiben, ſie werden nur von ihrem Ueberfluß an Thee, Seide, Baum⸗ wolle u. ſ. w. immer mehr an die europäiſchen Kaufleute abgeben und ſich mit gutem Silber dafür bezahlen laſſen, und ſelbſt die Steigerung ihres Opiumverbrauchs wird in keinem Verhältniß ſtehen zur Vermehrung ihrer Ausfuhr nach England und Europa. Nur die Begründung einer dau⸗ ernden Herrſchaft Europas in China und in Folge davon die Einbürgerung europäiſcher Bedürfniſſe daſelbſt, mit an⸗ dern Worten die Europäiſirung Chinas und die innere Auf⸗ löſung der chineſiſchen Nationalität könnte dieſes für Europa ſo überaus ungünſtige Verhältniß ändern; dieſe Aufgabe aber wäre ſo rieſengroß, daß man kaum im Stande iſt die praktiſche Möglichkeit ihrer Löſung ſich zu denken. Und doch läßt ſich nicht abſehen, zu welchem andern Ziel der einmal begonnene Conflikt zwiſchen Europa und China hintreiben ſollte; denn England handelt in dieſer Angelegenheit weſent⸗ lich als der Agent aller europäiſch civiliſirten Völker, alſo auch Nordamerikas, und nur den vereinten Anſtrengungen aller dieſer Nationen könnte zuletzt auch die Löſung gelingen. Es iſt keine Privatangelegenheit Englands und England hat die chineſiſchen Händel auch nie als Privatangelegenheit be⸗ handelt. Es hat die Vortheile, die es bisher der chineſiſchen Regierung abgerungen, allen Nationen zu Gute kommen laſſen, in der ganz richtigen Erkenntniß, daß keine einzelne europäiſche Nation ſtark genug ſei, um jenes ungeheure Reich ſchließlich zu bewältigen. Daher ſehen wir denn auch, daß ſowol Frankreich als Nordamerika nicht bloß ohne Neid das Vorgehen Englands gegen China geſchehen laſſen, ſon⸗ dern ſich ſogar bereit halten, als Englands Verbündete ſich daran zu betheiligen.

deln würde, ſo ließe ſich nach den bisherigen Zuſammen⸗ ſtößen zwiſchen China und England nicht ſchließen, daß eine völlige Ueberwältigung dieſes Landes große Schwierigkeiten darbieten könnte. Die Engländer haben bis jetzt ſtets leichtes Spiel mit den Chineſen gehabt und der geringfügige und meiſt lächerliche Widerſtand, den dieſe zu leiſten im Stand waren, hat viel dazu beigetragen, ſie der öffentlichen Mei⸗ nung Europas als eine im Verfall begriffene, unfähige, barbariſche und zur Unterjochung reife Nation erſcheinen zu laſſen. Allein dies iſt eine ganz oberflächliche, in ihrer All⸗ gemeinheit unhaltbare Auffaſſung der chineſiſchen Nation, die übrigens mit allgemein bekannten Thatſachen im Wider⸗ ſpruch ſteht. Alle Reiſende, welche China durchwandert und Gelegenheit gehabt haben mit der chineſiſchen Nation ſich näher bekannt zu machen, räumen ein, daß dieſes Volk

des höchſten Muthes und der größten Selbſtverläugnung

noch heute fähig iſt, daß es einen ungemeinen Aſſociations⸗ trieb und eine ſcharf ausgeprägte Eigenthümlichkeit beſitzt, die ſich, auch bei der Verſetzung auf einen fremden Boden, nicht verläugnen, ſondern überall, wo ſich Chineſen nieder⸗ laſſen, ſchnell auch eine chineſiſche Gemeinde, einen chineſiſchen Staat hervorbringen, ſo daß ſelbſt die angelſächſiſche Raſſe in Amerika das Anwachſen der chineſiſchen Bevölkerung in Californien gradezu fürchtet. Wenn die Chineſen da, wo ſie nur eingewandert ſind und einen verhältnißmäßig geringen Theil der Bevölkerung bilden, ſchon furchtbar ſind, um wie viel mehr müſſen ſie es in ihrem eignen Lande ſein, da wo ſie in ungeheuren Maſſen vereinigt ſind und nicht bloß ihre Eigenthümlichkeit und politiſche Exiſtenz, ſondern auch große geiſtige und materielle Güter zu vertheidigen haben! Zwiſchen der jämmerlichen Vertheidigung, welche China bei ſeinen bisherigen Zuſammenſtößen mit England in ſeinen Truppen gefunden hat und zwiſchen dem Nationalgeiſt, der ſich unter den Chineſen überall findet, beſteht ein offenbarer Wider⸗ ſpruch. Derſelbe löſt ſich einfach dadurch, daß die Regie⸗ rung von China nur auf der Eroberung ruht und ein be⸗ ſtimmtes Intereſſe hat, die chineſiſche Nation unkriegeriſch und ohnmächtig zu erhalten. Würde die Regierung einen nationalen Charakter tragen, ſchwänge ſich ein Mann an die Spitze, der es verſtände die Kräfte der Nation zu orga⸗ niſiren und zu nutzen, ſo würden für Europa ganz andere Schwierigkeiten zu überwinden ſein, als es bisher gefunden hat. Die Mandſchuregierung mit ihrem Mißtrauen gegen die chineſiſche Nation ſelbſt, mit ihrem Geiſt der Abſchlie⸗ ßung und Selbſtüberhebung iſt es, was den Engländern bis heute ſo außerordentlich zu Statten kam. Gegen dieſe Mandſchuregierung iſt die große Revolution gerichtet, welche China ſchon ſeit einer Reihe von Jahren erſchüttert, und es iſt von Seiten Europas ſehr wohlgethan, wenn es dieſe letzte Zeit der offenbar zu Ende gehenden Mandſchuherrſchaft be⸗ nutzt, um ſein Verhältniß zu China zu ordnen; denn wenn

aus der Revolution der Sturz der Mandſchu und eine natio⸗

nale Regierung hervorgehen ſollte, ſo wird Europa in der letztern eine weit gefährlichere Feindin haben, als bisher in den Mandſchus. England mag ſich nur beeilen, denn eine günſtigere Zeit als die jetzige, wird niemals wiederkehren. Man nennt in Europa die Chineſen Barbaren. Im antik griechiſchen Sinne iſt die Bezeichnung ganz richtig. Die Chineſen ſind für uns Barbaren, inſofern ſie eine ganz an⸗ dere, keine chriſtliche Geſittung haben. Dieß iſt aus dem einfachen Grunde unmöglich, weil die Chineſen zu der Zeit, als das Chriſtenthum erſt in die Welt trat, im Weſentlichen

¹ bereits auf derſelben Culturſtufe ſtanden, auf welcher wir Zwar wenn es ſich nur um den Erfolg der Waffen han⸗

ſie heute finden. In jeder andern Beziehung aber iſt es

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