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Madonnengeſichtchen zeigte ſich in dieſem einfachen Rah⸗ men. Conrad ſchwenkte ſeinen Hut, und ein dunkles Roth uberflog des Mädchens Wange, als ſie ſchüchtern mit dem Kopfe nickte.
Die Bäurin hatte trotz des guten Weines, den ihr Sohn ihr vorſetzen ließ, nicht lange Geduld zu bleiben. Es war ihr entſetzlich unbehaglich in der katholiſchen Wirthſchaft, ſie drängte zur Heimkehr. Auch Engel wurde nicht heiter, was die Mutter der fremden Umgebung zuſchrieb. dem er gekommen war, und daſſelbe junge Mädchen ſtand wieder am Fenſter der kleinen Hütte, nur nickte ſie jetzt freundlicher, ja bedeutungsvoller; und Engel, welche dies bemerkte, durchfuhr es wie ein jäher Schreck.„Dies iſt des Bruders Schatz!“ Dieſer Gedanke erfüllte ſie ſo mit Entſetzen, daß ſie ihr eignes Leid darüber vergaß.
Einen ſo unerhörten Leichtſinn, eine ſolche Gottloſigkeit
konnte ſie kaum faſſen. Daß ein reicher, lutheriſcher Burſche ein armes katholiſches Mädchen lieben könne, war ja gar nicht möglich— nein, ſo etwas Unerhörtes war noch nie dageweſen. An eine Heirath konnte hier ja nie⸗ mals auch nur entfernt gedacht werden,— aber auch nur ein Miteinandergehen(Liebſchaft haben) war nach ihren Anſichten und Begriffen etwas Erſchreckliches.„Es iſt Zeit, daß der Vater bald von giebt(Haus und Hof ab⸗ tritt),“ war endlich das Reſultat ihres Nachdenkens. „Dann muß er ein Weib nehmen, und die ſpinnige(un⸗ ſinnige) Geſchichte hat ein Ende. 1 bang hinzu,„dann kommt auch die Reihe an Dich, und Du mußt auch eine Bäuerin werden— und der Michel— doch das kann ja nicht ſein— und was der Brauch iſt, muß recht werden— da drüber naus ſoll man nicht— drum muß geſchehen, was halt ſein muß.“
Etwa anderthalb Jahre ſpäter ſtarb der Höhlenbauer und ſein Sohn ſollte nach Ablauf der Trauerzeit das Gut
übernehmen. Dies war eine ſich ſo ganz von ſelbſt ver⸗ ) ganz
ſtehende Sache, daß es Dorethai gar nicht einfiel, ſich erſt noch deshalb mit ihm zu berathen; nur über die Wahl ſeines Weibes, der künftigen Höhlenbäurin, wollte ſie mit ihm ſprechen. Wie groß war ihr Erſtaunen, als Conrad ſich dagegen ſträubte und weder von der Uebernahme des Hofes, noch von einer Heirath etwas wiſſen wollte. Beide Dinge waren unzertrennlich, das wußte Conrad ſo gut, wie ſeine Mutter. Eine junge Bäurin mußte auf Haus und Hof, das war durchaus nothwendig, auch brauchte der junge Bauer eine reiche Braut, um das ſeiner Schwe⸗ ſter ſchuldige Heirathsgut ausbezahlen zu können. Dorethai wußte ſich des Sohnes Widerwillen gegen ſein eignes Glück gar nicht zu erklären und hielt es für ſtörrigen Eigenſinn, und zum erſtenmale beſtand ſie ihm gegenüber ſo feſt auf ihrem Willen, daß Conrad zuletzt keine Gründe mehr fand, ihr zu widerſprechen. Er willigte ein, bald auf die Beſehende(Brautſchau) zu gehen, verfiel aber von dieſer Zeit an wieder in ſeine früheren Fehler. vernachläſſigte darüber ſeine Geſchäfte. Die Mutter tröſtete ſich:„wenn er ein Weib hat, wird's ſchon anders werden,“ und beſchloß bei ſich, der künftigen Schwieger⸗ tochter zur Herrſchaft über ihren Mann zu verhelfen. Auch für Engel zeigte ſich eine gute Heirath. Des Aoleuwfeths Sohn trachtete ſchon lange nach ihr, und Niemandd zweifelte mehr, daß ſie bald nach ihres Bruders Hochzeit Adlerwirthin werden würde; aber Conrad zau⸗ derte noch immer mit der Wahl einer Braut, und je mehr
Conrad fuhr auf demſelben Wege zurück, auf
Aber,“ ſetzte ihr Herz
Er trank und ſpielte ärger als je, und
ſeine Mutter in ihn drang, die nöthigen Schritte deshalb zu thun, je mehr ging er ins Wirthshaus, je wüſter wurde ſein Treiben.
Engel, welche tiefer in des Bruders Herz ſchaute, be⸗ ſchloß, ihn ernſtlich zur Rede zu ſtellen, und alles zu ver⸗ ſuchen, ihn auf den rechten Weg zurück zu bringen.
An einem ſchönen Sonntagsmorgen ging ſie mit ihm hinaus ins Feld, nach den Früchten zu ſehen. Wie ein wahrer Segen Gottes breiteten ſich die üppigen Felder in der weiten Ebene vor ihnen aus; die noch grünen Aehren wiegten ſich leicht auf ihren ſchlanken Halmen, welche ſo dicht gedrängt ſtanden, daß ſie eine ſehr reich⸗ liche Erndte verſprachen. Aus der Ferne, auf der an⸗ dern Seite der Gemarkung ſchimmerten in zartem Him— melblau die blühenden Flachsfelder herüber, und Engels Herz, ſo beklommen es auch war, jauchzte vor Freude
auf bei dem Anblicke dieſer Pracht, dieſes Reichthums
ihrer Heimath. „Es iſt doch ein wahrer Staat ein Bauer zu ſein!“ ſagte ſie zu Conrad,„und dazu noch ein rechter, wie ſichs gehört. Aber Du haſt keinen Geſchmack daran,— Dich plagt eine Hexe,— der Teufel iſt hinter Dir— und wenn
Du nicht bald anders wirſt, faßt er Dich mit ſeinen Klauen und läßt Dich nicht mehr los. Drum gehe in Dich; laß von Trunk und Spiel, und thue der Mutter ihren Willen. Geh' auf die Beſehende gen Nellingen, und nimm des Unterbauern Annemei zu Deiner Bäurin. Der Hof iſt einmal Dein, und heirathen mußt Du drauf! Drum mach' der Sach' ein Ende, daß es Ruh und Friede giebt.“
Conrad ließ ſeine Schweſter ruhig ausreden. Er ging vor ihr her in dem ſchmalen Pfade, der durch die Felder führte; als ſie nicht mehr ſprach, drehte er ſich nach ihr um, und ſeine Geſichtszüge waren ſchmerzlich verzogen. „Ich weiß,“ ſagte er mit dumpfem Tone,„daß ich nicht drüber hinaus kann und thun muß, was die Mutter will, und wie's einmal der Brauch iſt; aber Du wirſt ſehen, Engel, bei mir fällt's nicht gut aus, denn wenn ich auch möchte, ſo kann ich nicht, ich kann meinen Schatz nicht vergeſſen;— und ſeit ich weiß, daß es ſein muß, iſt mir's ganz ſpinnig im Kopfe,— und das kommt immer ſchlimmer— wirſt's erleben, Engel.“
„Kannſt denn Deinen Schatz nicht heimführen?“ frug Engel forſchend.
Conrad lachte bitter auf.
„Heimführen? Ein armes Mädle— und noch ein katholiſches obendrein? Glaubſt Du, daß die Strickerin Crescenz von Tomerdingen Höhlenbäurin werden könne?“
„Das gewiß nicht!“ rief Engel erſchrocken.„Eher könnte der jüngſte Tag gleich zur Stunde kommen, als daß ſo etwas geſchähe. Aber das haſt Du ja gewußt von Anfang an, und Dein Schatz auch, und Du darfſt Dich jetzt nicht beklagen, daß Du nicht mehr mit der Crescenz gehen darfſt, und ſie hätte Dich nie zum Schatz nehmen dürfen, wenn ſie wäre, wie ſich's gehört. Wie biſt Du nur zu ihr gekommen?“
„Das will ich Dir ſagen, Engel,“ erwiderte Conrad. „Sieh, ſelbigsmal, als wir auf dem Markte zu Tomer⸗ dingen waren, wo es die Händel im Wirthshauſe gab, und ich den Landjägern davon geſprungen bin, da bin ich hinausgelaufen vors Dorf und hab nicht gewußt, wo naus jetzt, denn auf freiem Felde mußten ſie mich doch gleich erwiſchen. Da ſah die Crescenz in dem kleinen Häusle zum Fenſter heraus und ſah mich an— und Augen hatte ſie wie der blaue Himmel. Mädle, ruf ich,
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