aber auch die ſtrengſten Maaßregeln blieben erfolglos. Im Jahre 1724 wurde ſelbſt der päpſtliche Bannfluch wieder aufgehoben, weil Papſt Benedict XIII. das Tabackſchnupfen außerordentlich liebte. Später erſchienen nur noch Verbote, welche das Taback⸗ rauchen in Städten und an feuergefährlichen Orten unterſagten, übrigens aber duldete man den Taback, da er durch die auf ſeinen Verbrauch geſetzten Steuern große Summen einbrachte.
Jetzt iſt der Taback zum allgemeinſten Bedürfniſſe gewor⸗ den und kann unbedenklich zu den wichtigſten Handelsartikeln der Erde gerechnet werden. Europa verbraucht allein gegen 50,000,000 Pfund und baut jetzt etwa die Hälfte dieſer ungeheu⸗ ren Maſſe auf eignem Grund und Boden. Der Anbau, die Fa⸗ brikation, die Verpackung und Verſendung des Gewächſes be⸗ ſchäftiget gegenwärtig Millionen von Menſchenhänden und ſelbſt Aſien und Afrika lernen das Product in ſeiner hohen Wichtigkeit für den Handelsverkehr ſchätzen und pflegen.
Die Arten der Tabackspflanzen ſind ſehr verſchieden; man zählt ihrer jetzt 27. Ihr Heimathsland iſt Amerika, beſonders Virginien und die Inſel Tabago, wo ſie wild und cultivirt gedeihen. Man hat ſie nach vielen Ländern verpflanzt und dadurch Unſummen von Gold und Silber in Umlauf geſetzt. Die Pflanze kann je nach Beſchaffenheit des Landes 3 bis 8 Fuß hoch wer⸗ den. Sie hat ſtielloſe, lanzettförmige Blätter und roſenrothe, trichterförmige Blüthen. Ihr Geruch iſt betäubend. Sie ſchmeckt beißend und enthält ein ätheriſches Oel mit einem flüchtigen, giftigen Stoffe.
In China iſt der Taback ſchon ſeit den älteſten Zeiten bekannt, doch hat er dort nie eine ſolche Verbreitung gefunden, wie bei uns. Die Chineſen nennen ihn Hun und verarbeiten ſeine Blätter zu Bonckos, einer Art Cigarren.
Die Cigarren haben in der jüngſten Zeit die meiſte Verbrei⸗ tung gefunden. Zu ihrer Fertigung ſind beſondre Blätter noth⸗ wendig. Das Wort Cigarro ſtammt aus dem Spaniſchen und bedeutet eigentlich ein röhrenförmiges Stück Papier, worin eine Tabacksfüllung ſich befindet. Durch die Spanier wurde auch das Cigarrenrauchen in Europa eingeführt,
Das Kauen des Tabacks iſt, außer bei Matroſen uud Schaf⸗ hirten, jetzt faſt ganz aus der Mode gekommen.— Die eingebor⸗ nen Indianer kauten und rauchten den Taback, um ſich zum Kampfe zu begeiſtern und in faſt wahnſinnigen Rauſch zu ver⸗ ſetzen. Sie ließen bei wichtigen Beſchlüſſen, wie z. B. über Frie⸗ den oder Krieg, gewöhnlich das Calumet, eine große Tabacks⸗ pfeife im Kreiſe herum gehen und dampften daraus. Zuweilen verſchluckten ſie wohl auch ganze Kugeln, aus Tabacksblättern zuſammen geknetet, was auch die beklagenswerthen Männer aus dem Volke thun mußten, welche bei den Begräbniſſen ihrer Ober⸗ häupter(Caziken) geopfert werden ſollten. Die armen Schlacht⸗ opfer wurden durch übermäßige Gaben von Taback ſinnlos gemacht, dann ſchlang man ihnen einen Strick um den Hals und ließ ſie wahnſinnig umher rennen, bis einige Männerauf ein gege⸗ benes Zeichen den Strick ſchärfer anzogen und die Berauſchten in faſt bewußtloſem Zuſtande ſtrangulirten.
Bei Zubereitung des Tabacks ſind die Beizen und Saucen eine Hauptſache, da durch ſie die Schärfe der Pflanze gemildert und verbeſſert wird. Man benutzt dabei Salmiak, Salz, Pott⸗ aſche, Syrup, Honig, Thee, Fruchtſäfte und wer weiß, was noch. Selbſt der giftige Bleizucker findet zuweilen Anwendung, ohne daß der fürchterliche Schaden bedacht wird, welcher dadurch der Geſundheit zugefügt werden kann. Betrüger miſchen jetzt auch Blätter von andern Gewächſen— namentlich von Runkeln— unter den Taback.
Die Blätter, welche zum Schnupftaback beſtimmt ſind, wer⸗ den nach geſchehener Beizung zu einem ſpindelförmigen Körper, den man wegen der Aehnlichkeit mit einer Rübe Carotte nennt,
zuſammen gepreßt und gemahlen, oder auf einer Reibemaſchine Rape genannt, gerieben oder rapiert. Rob. Wolfram.
Wir leben jetzt in der Zeit der Handelsverträge, nach⸗ dem die Periode der Eroberungskriege abgelaufen. Für das Wohl
der Bürger wird unſtreitig durch einen ausgedehnten Handels⸗
betrieb, zumal wenn er ſich auf eine bedeutende Induſtrie ſtützt, beſſer geſorgt als durch Eroberungskriege, aber an Conflikten und Kriegen wird es darum in Zukunft auch nicht fehlen. Die Fran⸗ zoſen, bis vor kurzem die vorzugsweiſe erobernde Nation des Continents, wollen in dieſer neuerwählten Laufbahn natürlich ſogleich den erſten Rang einnehmen, obgleich ihr Handel verhält⸗ nißmäßig unbedeutend iſt, und man ärgert ſich in Paris, wenn man von irgend einem Handelsvertrag lieſt, den eine andere europäiſche Macht mit irgend einem„barbariſchen“ Staate abge⸗ ſchloſſen. So hat man es jetzt übel vermerkt, daß Rußland vor Kurzem einen günſtigen Vertrag mit Japan abgeſchloſſen und ſich die drei Häfen, Simota, Nangaſaki und Hakodadi hat öffnen laſſen. Den neulich zwiſchen England und Marokko zu Stande gekommenen Handelsvertrag findet man ſogar gefährlich; denn grenzt nicht Marokko an Algier? Hat Frankreich nicht ſchon Kriege gegen Marokko führen müſſen und könnte nicht eine Feſt⸗ ſetzung des engliſchen Einfluſſes den franzöſiſchen Intereſſen in Afrika nachtheilig werden? Auch Frankreich will ſeiner Handels⸗ politik Aſien eröffnet ſehen, das bisher faſt nur von Engländern, Amerikanern und Holländern ausgebeutet wurde. Die Intereſſen, die Frankreich bis jetzt dort zu vertreten hat, ſind außerordent⸗ lich geringfügig; aber darum ſchließt es ſich doch der engliſchen Expedition gegen China an. Es hat auch einen Geſandten nach Siam und Anam, die zwei ſüdlich von China gelegenen reichen Mongolenſtaaten, geſchickt und wenn derſelbe in Anam ohne weite⸗ res abgewieſen wurde, ſo iſt es ihm doch gelungen, mit Siam einen Friedens⸗ und Freundſchaftsvertrag abzuſchließen. Hatte doch ſchon Ludwig XIV. einen Herrn von Chaumont nach Siam geſandt, um mit dieſem Staat ein Freundſchaftsverhältniß anzu⸗ knüpfen. Hier alſo war Hr. von Montigny glücklich; aber ganz ohne Aerger und Beſchämung ging die Sache nicht ab. Er fand nämlich in dem erſten Kaiſer(das glückliche Siam hat deren zwei) einen ganz europäiſch gebildeten Mann, in den kaiſerlichen Ge⸗ mächern ſogar franzöſiſche Möbel, aber der Kaiſer, der ein aus⸗ gezeichneter Kenner der orientaliſchen Sprachen iſt und deshalh unter ſeinen vielen Titeln auch den eines Lehrers der Sprachen führt, ſprach zwar vortrefflich engliſch, viel beſſer als Hr. von Montigny, aber kein Wort franzöſiſch, ſo daß die Unterhal⸗ tung vermittelſt eines Dollmetſchers geführt wurde. Von franzö⸗ ſiſcher Seite ſcheint ſomit das engliſche Uebergewicht in Aſien noch nicht gefährdet zu ſein.
Der vor Kurzem erſchienene„Briefwechſel zwiſchen Friedrich Gentz und Adam Heinrich Müller“ hat hohen geſchichtlichen Werth und wirft ein intereſſantes Licht insbeſondere auf die Zeit der Reſtauration, auf die Periode der Congreſſe von Aachen, Carlsbad, Laibach und Verona. Man thut hier einen Blick hinter die Couliſſen und in die eigentliche Werkſtätte der Reaktion und ſchöpft die menſchlich befriedigende Ueberzeugung, daß die Quelle jener beklagenswerthen, ebenſo drückenden als unfrucht⸗ baren und vergeblichen Reſtaurationsmaßregeln weniger eine Luſt am Böſen oder eine Verderbtheit des Charakters als ein Irrthum und eine falſche Berechnung des Verſtandes war. Wir theilen hier eine intereſſante Stelle aus einem Bri von Fr. Gentz mit, welche jedenfalls ein Zeugniß gibt, wie haft ſich dieſer viel geſchmähte und, wie wir glauben, zu ſtreng veraltheilte Mann, dem Ausländer gegenüber, ſeines deutſchen Chara. 3
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