Jahrgang 
1857
Seite
303
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lich, um die ſpielende, ſelige Leichtigkeit auszuprägen, mit

der der fromme Kinderſinn ſich ſchaukelnd gen Himmel

ſchwingt? All' dieſe Portalſtützen, die im Gefühle über ſchüſſiger Kraft Dutzende von Statuen und Statuetten der⸗ geſtalt tragen, daß ſie in freundlichem Muthwillen die ſtützende

Conſole der einen zum ſchützenden Baldachin der andern

machen; all' dieſe durch Päſſe und Räder detaillirten Wim perge, die, wie nachlockend, den Thür- und Fenſterbögen voran in die Höhe ſpringen; all dieſe Pfeilerabſätze, die ſich

Schickſale und Anſchauungen in Erz und Marmor einzu⸗ ſchreiben, ſondern auch ganz beſonders die Pflicht, die Auf⸗ zeichnungen des vorhergehenden möglichſt zu ſchonen ſo weit dieſelben irgend einen künſtleriſchen oder hiſtoriſchen Werth haben. Zu beſonders günſtiger Beurtheilung mag übrigens den Betrachter dieſer Seite der Umſtand ſtimmen, daß ſich, wenn man ſeinen Standpunkt etwas nordöſtlich vom Portale des Querſchiffes wählt, von dieſer Seite das ſchönſte, das großartigſte Bild des ganzen Münſters darſtellt,

indem die Dachlinien verkürzt und theilweiſe ebenſo ange⸗ nehm verdeckt erſcheinen, wie die maſſiven Strebepfeiler und nackten Strebebögen des Langhauſes. Doch wozu das Ge⸗

in urkräftigem Behagen, wie mit Mützen und Federn, mit luftigen Häuschen und Spitzſäulen zieren, in deren ausge⸗ kehltem Leibe wieder Figuren und Figürchen reiten, ſtehen, tr ſitzen, liegen, während die Ränder ſaftiges Steinlaub, alle rede? Laſſen Sie einfach die nebenſtehende Zeichnung auf Spitzen lodernde Kreuzblumen hervortreiben; all' dieſe Ge ſich wirken und geſtehen Sie mit jener Berliner Dame, die ſimſe und Frieſe und durchbrochenen Geländer, das klare zum erſten Mal die Ausſicht vom Brocken genoß, daß ſo und doch ſo mannigfaltige Gitter- und Stabwerk, die Rohr⸗ Etwasauch nicht von Stroh iſt.

ſäulen, Statuen, Reliefs, Arabesken, Roſetten: das ganze Noch ſtärker wohl, als die nördliche, contraſtirt mit dem üppige Spiel mit geometriſchen und organiſchen Formen bis gothiſchen Hauptbau die ſüdliche Facade des Querſchiffs, die herab zu den häßlichen Fratzen der Waſſerſpeier: was abermals unmöglich unter einen Hut zu bringen iſt. Ein heißt denn das Alles neben und in der ehernen Stetigkeit, rundbogiges Doppelportal, überthront von einer Mutter mit der ſich das Ganze gleichwohl den Sternen zureckt? Gottes, darüber zwei ſpitzbogige Fenſter mit einem mächti⸗ Stell' dich davor, verſinke hinein und empfinde aus dir ſelbſt! gen Zifferblatt in der Mitte, dann Galerien, Radfenſter, als Macht es dir aber einen widrigen Eindruck, oder keinen, Giebel ein gleichſeitiges Dreieck, von zwei Thürmchen mit ſo gehab' dich wohl, laß einſpannen, und ſo weiter nach Kreuzblumen flankirt: das Alles bildet unter Beihülfe von

Paris!*) Statuen und Reliefs ein eigenthümliches, obendrein zwiſchen zwei abenteuerlich abgeſtufte Strebepfeiler förmlich einge⸗ keiltes Ganze. Einen Theil der Bildhauer⸗Arbeit, deren Kunſtwerth wir nicht beſtimmen wollen, ſchreibt man bekannt⸗ lich der problematiſchenTochter des Meiſters Erwin zu, und nicht übel war demnach der Gedanke, auf dem geräu⸗ migen Perron, der durch die Abſchüſſigkeit des Bodens vor dem Portale nöthig geworden, Beiden ein Denkmal zu ſetzen. Es iſt geſchehen; rechts vom Eingange ſteht die Statue des Vaters, links die der Tochter, eine wie die andere auf freiem Poſtamente. Hat aber der Schöpfer der letzteren, unſer hochzuſchätzender Bildhauer Graß, ſeine Aufgabe mit ge⸗ wohnter Meiſterſchaft gelöſt, ſo dürfen wir den Straßbur⸗ gern billiger Weiſe nicht zürnen, wenn ſie die Bildſäule Erwin's geradezu denMünſterſimpel nennen. Der Ver⸗ fertiger, ein ſonſt tüchtiger Mann, hat diesmal Unglück ge⸗ habt, und die Preisaufgabe, eine blödſinnigere Geſtalt zu er⸗ finden, müßte wahrſcheinlich ungelöſt zurückgenommen werden.

Doch kommen Sie! Die krittelige Laune, mit der man ſich und Anderen die Stimmung verdirbt, werden wir am Sicherſten los, wenn wir unſre Schritte in's Innere des Heiligthums lenken, das der Geiſt von zehn Jahrhunderten durchweht. Denn ſcheint die Gruftkirche(Krypte) mit ihren ſchmuckloſen Würfelkapitälern noch aus den Zeiten der Nach⸗ folger Karl's des Großen zu ſtammen, der hier die alte Chlodwig'ſche Kirche umbauen ließ, ſo weiſen Chor und Querſchiff mit ihren romaniſchen Formen auf das elfte und zwölfte, das gothiſche Langhaus auf's dreizehnte und vier⸗ zehnte Jahrhundert hin, während das Baptiſterium und die für den großen Geiler von Kaiſersberg*) in Form eines Kelchglaſes mit Seitenſtützen errichtete Kanzel dem fünfzehn⸗ ten, die Laurentiuskapelle dem ſechszehnten, Andreas Silber⸗ manns zierlich gefällige Orgel dem Anfange des achtzehnten Jahrhunderts und die Sakriſtei mit ihren korinthiſchen Säu⸗ len unſrer Zeit angehört. Sind doch die farbigen Fenſter

Ueberlaſſen wir es den Kritikern von Fache, dem ſo

meiſterhaft gearbeiteten Detailwerke unſrer Facade theilweiſe

einen mehr dekorativen, als conſtruktiven Charakter vorzu⸗ werfen. Wir erfreuen, erquicken uns an der faſt durchaus reinen Durchführung der Spitzbogenform, von den allmäch⸗ tigen Strebepfeilern bis zum kleinſten Fenſterpfoſten, von den Portalen bis zur Bruſtwehr der Plattform, bis zum Knopfe des Thurmes. Könnten wir dieſe Reinheit von der ganzen Kirche behaupten, ſo läge jedenfalls in gewiſſem Sinne ein einheitliches, ein echtes Kunſtwerk vor uns. Nur iſt dem eben nicht ſo, wovon uns ein Spaziergang nach der Nord⸗ und Südſeite die öſtliche iſt leider Gottes durch das katholiſche Prieſterſeminar und das Lyzeum verbaut worden leicht überzeugt.

Da iſt die nördliche Fagade des Querſchiffes mit dem ſtaunenswerth gearbeiteten Martyrium des heiligen Lau⸗ rentius aus romaniſchen und gothiſchen Elementen zuſam⸗ mengeſetzt letztere wieder zum Theil aus der beſſeren Zeit, zum Theil aus der Periode der ſogenannten Entartung und bildet einen ſcharf ausgeſprochenen Contraſt gegen das Langhaus, deſſen Abſtufung von Haupt⸗ zu Nebenſchiff ſich leidlich fortſetzt in der durch Säulen gegliederten, von Fen⸗ ſteröffnungen durchbrochenen und mit einer zierlichen Bruſt⸗ lehne gekrönten Umſchließungsmauer, einem durch die Werk⸗ ſtätten der Steinmetzen erforderten, alſo nothwendigen Uebel. Doch macht dieſer das Kunſtwerk allerdings zerſtörende Gegenſatz im Uebrigen keinen unangenehmen Eindruck; wie von ſelbſt entquillt ihm der erhebende Gedanke, es müſſe doch eine weſenhafte Idee ſein, der Zeit auf Zeit in forter⸗ bender Begeiſterung ſo reiche Kräfte zugewandt. Zugleich dürfte viel Wahres in der Anſicht liegen, die neulich ein Correſpondent der Augsburger Zeitung auf Anlaß der Re⸗ ſtauration der Münchener Frauenkirche ausſprach,daß eine große Cathedrale nicht nur einen einheitlichen Baugedanken darzuſtellen habe, ſondern daß ſie auch in einer beſtändigen Fortbildung begriffen, daß ſie eine Art von lebendiger Chronik ſei, in der jedes Jahrhundert nicht nur das Recht habe, ſeine

*) Goethe, von deutſcher Baukunſt.

*) Dieſer kernhafte Mann, der als Reformator, vorzüglich durch ſeine Predigten über Sebaſtian Brandt'sNarrenſchiff berühmt wurde, liegt im Münſter begraben.Mit Recht beweint ihn nicht

nur Straßburg, wie die lateiniſche Inſchrift ſagt, ſondern die ganze ge⸗

bildete Welt.