Jahrgang 
1857
Seite
302
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und in geringer Entfernung ſteht vor uns die reine, die edle Weſtfagade des Münſters mit dem leichten, lichten Thurme drüber ein fernes Gebet, das im Entſchweben verſteinert. Das zieht und feſſelt wie eine Bergpredigt, die Jungfrau mit dem Kinde, die über dem Hauptportale thront, blickt ſo magnetiſch herüber: vorwärts, die kurze Krämergaſſe entlang, zum Hauſe der Häuſer! Nur einmal noch darf ich Sie wohl abziehen und im Vorübergehen auf jenen einfachen Eckbau hinweiſen: nicht, weil vor Jahrhunderten Aeneas Sylvius (Pius II.) zweideutigen Angedenkens dort wohnte, ſondern weil in Geſellſchaft der Salzmann, Engelbach und Weyland, der Lerſe, Jung-Stilling und Meyer von Lindau der Mann dort ſeine Tiſchgeſpräche führte, der mit feuriger Zunge den chriſtlich⸗germaniſchen Charakter des gothiſchen Bauſtyls pro⸗ klamirte und ihn in heiliger Begeiſterung für ſein Volk, ſein Vaterland den deutſchen taufte.*) War doch Goethe ſelbſt ein anderer Erwin von Steinbach, hat aus dem edelſten Geiſte ſeiner Zeit heraus den gen Himmel ſtrebenden Dom ſeiner Werke geſchaffen und ihm wie Jener, im Entwurfe wenigſtens, dem Münſter zwei Thürme aufge⸗ ſetzt, von deren Spitze, wer Kraft und Muth hat, ſie zu erklim⸗ men, das weite Weltall überſchaut! Goethe's Thürme heißen Wilhelm Meiſter undFauſt; wer die Erwinſchen ſehen will, laſſe ſich den ſchönen etwa acht Fuß hohen Aufriß von ſeiner Hand, den das hieſigeFrauenwerk bewahrt, zeigen und wo möglich deuten von unſerm lieben Louis Schnee⸗ gans, dem die Freunde der Kunſt keine Ruhe laſſen ſollten, bis er allen widrigen Umſtänden zum Trotze, die Welt mit einer monumentalen Geſchichte des Münſters beſchenkt, die nur er, der gediegene Kenner und unermüdliche Forſcher, zu ſchreiben vollkommen befähigt iſt.

Doch knöpfen Sie, wenn ich bitten darf, den Rock zu. Wir ſtehen ſo ziemlich auf dem höchſten Punkte der Stadt und jedesrichtige Straßburger Kind kennt das alte Sprüchlein:

Wer um's Münſter geht ohne Wind, Durch's Spittelgäſſel ohne Kind, Durch de Kurwegaſſ' ohne Spott, Genießt ä große Gnad von Gott.

Den Hut alſo feſtgedrückt, und dann aufgeſchaut!

Vier rieſige Pfeiler, die machtvoll dem Boden entſteigen, ſich aufſchießend in Abſätzen verjüngen und unten durch den ſehr einfachen Sockel, oben durch die Baluſtrade der Platt⸗ form verbunden ſind, gliedern die ganze Weſtfagçade von links nach rechts in drei hochſchlanke Wandſtreifen: das dem Hauptſchiffe entſprechende Mittelſtück und die den Abſchluß der Nebenſchiffe bildenden Seitenflügel**). Dem urſprüng⸗ lichen Plane, wie der Geſtalt des Langhauſes gemäß ſollte nun jenes Mittelſtück aus zwei, durch ein augenfälliges Ge⸗ ſimſe geſchiedenen Stockwerken beſtehen, die Seitenflügel aber nur ein Stockwerk haben und auf dieſem ſofort die Thürme aufſetzen. Weil indeß während des Aufbau's Erwin durch andere Baumeiſter, ſeine Zeit überhaupt durch eine andere abgelöſt wurde und weil man beim Schwinden des reinen Schönheitsgefühls den Bau zu Ehren der Stadt immer

*) Wie unſer Dichter als Student indem ſchönen Elſaß, dieſem herrlichen Lande, lebte und liebte, erzählt er ſelbſt in ſeiner reizend ein⸗ fachen Weiſe im neunten, zehnten und elften Buche vonWahrheit und Dichtung. Sein ſchwärmeriſcher Lobgeſang auf Erwin von Steinbach und deſſen Meiſterwerk ſteht unter dem TitelVon deutſcher Baukunſt in den ſämmtlichen Werken.

*) Wer die möglichſt ſparſam gebrauchten techniſchen Ausdrücke nicht verſtehen ſollte, habe die Güte, ſich für ein paar Groſchen Wilh.

Lübke'sVorſchule der Geſchichte der Kirchenbaukunſt anzuſchaffen.

Was in dem guten Büchlein ſteht, ſollte Jeder wiſſen.

höher hinaufzuführen beſtrebt war, ſo hat man, vom erſten Plane weſentlich abweichend, allgemach weiter und weiter gebaut, bis die dreiſtöckige, horizontal abgeſchloſſene, durch Pfeiler und Geſimſe in neun viereckige Felder zerlegte Stein⸗ wand fertig war, wie wir ſie heute vor uns ſehen und deren unterſtes Drittel nunmehr ein wenig gedrückt erſcheint, wäh⸗ rend das oberſte entſchieden anorganiſch iſt.

Blickt man, ſo wie die großartige Wand nun einmal daſteht, zuerſt auf den Abſchluß des Mittelſchiffes, ſo iſt das untere Feld von dem Hauptportal, das folgende von einem herrlich einfachen Radfenſter in Form einer Marienblume, derRoſe, und das obere von einem Zwillingspaar ge⸗ drückter Fenſteröffnungen durchbrochen; der rechte und linke Flügel aber, zu ebener Erde die Nebenportale beherbergend, zeigen im mittleren Gebiete je eine gewaltige, im oberen je drei, zur Gruppe vereinigte, ſtark geſtreckte Fenſteröffnungen, deren Bogenſpitzen und Giebel emporweiſen auf die beiden Thürme, die ſich jetzt vom dritten Stockwerke aus erheben ſollten.

Der eine, wirklich ausgeführte Thurm auf der linken (der Nord-)Seite, der, an ſich 232 hoch, dem Ganzen eine Höhe erſtrebt, die von keinem andern Bauwerke, als der

Pyramide des Cheops, und auch von dieſer nur um etwa

20 überragt wird, beſteht aus zwei Theilen. Den untern bildet eine rechtſeitige, durch hochſchlanke Fenſteröffnungen in jeder Seite gelichtete Säule, der nach den vier Weltgegen⸗ den hin vier ſechsſeitige, in Form von Wendeltreppen auf⸗ ſteigende kleinere Säulen,die vier Schnecken in derſelben Weiſe vorgelegt ſind, wie den Pfeilern im Innern der Kir chen die ſogenannten Dienſte. Der obere Theil, derHelm, iſt eine auf jener mächtigen Hauptſäule ruhende Pyramide, die in dem, das heilige Kreuz über alle Welt emporhebenden Thurmknopfe ſich endigt. Auch dieſer Thurm iſt, wie der Unterbau, während der Conſtruction über die im Plane liegende Höhe hinaufgereckt worden, ſo daß das Ganze den Wolken beträchtlich näher ſteht, als ſelbſt der letzte Bau⸗ meiſter urſprünglich wollte. Aber dieſe und alle übrigen Aenderungen ſind ſo richtig empfunden, ſo wohl überlegt, ſo taktvoll durchgeführt und alle ſtehen unter ſich in einem ſo untadelhaften Verhältniſſe, daß man die gewöhnliche Täu⸗ ſchung der Beobachter, das Werk ſei von Einem Meiſter nach Einem Plane folgerecht hingeſtellt, gar wohl begreift. Mag immerhin Mancher ſich nach dem zweiten Thurm ſeh⸗ nen; mag man, ohne alle Rückſicht auf Das, was der hori⸗ zontale Abſchluß des Unterbau's fordert, behaupten, die vier Schnecken ſollten, ſtatt oben wagerecht abgeſchnitten und mit Geländern verſehen zu ſein, in ſchlanke Spitzen auslaufen, der Helm ſollte minder ſtumpf und maſſig abſchließen, mehr nadelförmig ſich verlieren: es bleibt doch wahr, daß, was uns wirklich geboten wird, in jedem Gliede das mächtige und doch leichte, müheloſe Aufſtreben, deſſen Ausdruck der gothiſche Styl iſt, mit unübertrefflicher Klarheit und Wahr⸗ heit ausſpricht, daß es, um ein Wort Goethe's zu gebrau⸗ chen,ganz, groß und bis in die kleinſten Theile nothwendig ſchön iſt.

Ja, wer ſich den tief ergreifenden und hoch erhebenden Eindruck zum Bewußtſein bringt, den die einfachen Grund⸗ formen und ihre Verhältniſſe auf den unbefangenen Schön⸗ heitsſinn machen, der wird lächeln müſſen über die den Ver⸗ ehrern der Gothik ſo oft zugeworfene Anſchuldigung, ſie begeiſtre nichts als kindiſche Freude an bunten Zierrathen und Schnörkeln! Iſt es denn ſo ſchwer zu faſſen, daß alle die Ornamente, mit denen dieſer Bauſtyl ſo verſchwenderiſch umgeht, nicht um ihrer ſelbſt willen da ſind, ſondern ledig⸗

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