Jahrgang 
1857
Seite
299
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über den Rhein gemacht. Wohl klingt's unglaublich, iſt

gauen wer fragt, wohin und wohinaus?.... Jugend aber und Jugendrauſch können nicht ewig währen. Auch er wird älter, am Ende alt und kalt. Dem Toben folgt die Ermattung; abgehetzt ſchleicht er einher, phlegmatiſch, ein Philiſter. Um's tägliche Brod werden nun Wieſen bewäſ⸗ ſert, Colonialwaaren geſchleppt für Mynheer, den Holländer. Nur hin und wieder noch dehnt ſich der Alte wie in träu⸗ mender Rückerinnerung, überfluthend, als wollte er Land und Leute, die ganze Welt in ſein Herz zurückſchlingen. Ein Augenblick indeß, und er nimmt ſich wieder zuſammen, frohnt weiter und verſchwindet zuletzt unbeachtet aus der Lebendigen Reihe. Ruhe iſt die erſte Bürgerpflicht*).

Da ſtreitet man, ob der Rhein ein deutſcher Fluß ſei! Ei, mein Gott: der Rhein iſt der Deutſche ſelbſt, wie er leibt und lebt ein verunglückter Fauſt.

Doch wir wollten ja von Anderem reden. Nun, an dieſen Rhein legte ſich einſt, als die Adler noch ſangen, als auf Schätzen noch Drachen brüteten, ein liebliches Kind: das Elſaß. Sein Köpflein auf's weiche Kiſſen des rhein⸗ pfälziſchen Bienenwaldes geduckt, die Füßchen gegen den Jura geſtemmt, lag's behaglich am ebenen Strande, und um es zu ſchützen, ſtellt' ihm Gott der Herr den felsknochigen Vogeſus zur Seite. Schon Cäſar ſah ihn da ſtehen und Wacht halten, und wer ihn heuer ſo anſchaut, der ſollte mei⸗* nen, an ehrenfeſter Treue gebe er ſelbſt dem Warner am Venusberge, dem alten Eckart nichts nach. Und doch iſt der Schelm einmal, im romantiſchen Mittelalter, von muthwil⸗ V liger Laune befallen worden und hat unter dem angenom⸗ menen NamenWasgau einen Spaziergang nach Norden

aber doch ſo, denn es ſteht geſchrieben, gedruckt, und zwar nicht im Münchhauſen, ſondern im altehrwürdigen Nibe⸗ lungenliede, allwo im fünfzehnten und ſechszehnten Abenteuer des Breiteren zu leſen iſt, wie die Burgunderherren von Worms ausüberrhein ritten, um denWasgauwald mit des edlen Siegfried Blut zu tränken. Ja, es ſcheint faſt, der ungetreue Knecht iſt ſo lange ausgeblieben, bis der dreißigjährige Krieg vorbei war und die bebrillten Völker⸗ händler zu Münſter und Ryswijk ſeinen Schützling der deut⸗ ſchen Mutter abgeſprochen und unter die Vormundſchaft desgroßen Königs in den Tullerien geſtellt hatten, und als der verlaufene Kamerad endlich zurückkehrte, war er ein Weltmann geworden, ließ das Geſchehene gelten, weil es geſchehen war, und hütete im Dienſte des neuen Herrn pflichtſchuldigſt weiter. Vertauſchte er doch, vom Schwindel der Mode ergriffen, ſogar ſeine bisherigen Namen, das ver⸗ alteteVogeſus und das tüdeskeWasgau gegen den feinen Titelles Vôsges, um fortan, den Fürſten und Kritikern gleich, von ſich ſelbſt in der Mehrheit reden zu können.

Brav war das gewiß nicht von ihm, aber es iſt ſchon lange her, und wenn man den Menſchen nichts nachtragen ſoll, warum denn den Bergen? Auch begreift ſich nur allzu⸗ leicht, wie Einer des ewigen Zankes und Haders im deut⸗ ſchen Reich einmal müde werden und ſeine Freude haben kann an jener Einheit und Einigkeit, die man den Leuten zwiſchen Rhein und Ozean nimmermehr abſprechen ſoll, auf die ſie ihren Ruhm, ihre Größe gebaut. Laſſen wir drum unſern Ueberläufer, der ja bei ſo viel Köpfen auch viele Sinne haben muß, in Ruhe. Schön iſt er trotz Alledem in ſeiner enganliegenden, dunkelgrünen Jägertracht ſchön,

*) Vergl. Anaſtaſ. Grün's ſonniges Gedichtder Pfaff vom Kalenberge, Seite 1924.

wie zu ſeinen Füßen das lachende Kind im buntgeſtickten Kleide. Denn was die Leute ſo Flüſſe und Straßen nennen, das ſind eigentlich nur die Gold⸗ und Silberſtreifen ſeines Gewandes, und in den ſogenannten Städten und Dörfern ſieht das erleuchtete Auge nur die größern und kleineren Figuren, die der Schöpfer durch folgſamer Geiſter Hände hineinſticken ließ. Daß endlich die vermeintlichen Menſchen im Lande nichts weiter ſind, als eine Million beflügelter und unbeflügelter Inſekten, die ſich auf Streifen und Figuren in bunterem Wirrwarr umhertreiben, als die Zwerglein unter dem Bette des Goethe'ſchen Grafen, nimmt der geneigte Leſer von ſelbſt wahr. Doch ſoll damit durchaus nicht ge

ſagt ſein, daß dieſe krabbelnde und zappelnde, dieſe klirrende,

durcheinanderſchwirrende Million um ein Haar breit ſchlech⸗ ter ſei, als was da ſonſt auf Erden kreucht und fleugt. Wer möchte das behaupten vom Lande der Gottfried von Straß⸗ burg, der Brandt und Geiler, der Fiſchart und Spener? Und ſind in unſern Tagen auch nicht gerade Pracht⸗, Juwe⸗ len- und Kabinetkäfer in Menge darunter, ſo doch mancherlei Honigbienen, farbenreiche Schmetterlinge und liebliche Jo⸗ hanniswürmchen, von denen wir das eine oder andre Exem⸗ plar, wie ſie uns gerade in den Wurf kommen, anzuführen nicht verſäumen werden. Möglich iſt's allerdings, daß hier und da ein Grashüpfer, eine bloße Livreeraupe oder Viſiten⸗ ameiſe, wohl gar ein Krebs oder eine Hausſpinne mit unter⸗ läuft; nur Eins iſt gewiß: Skorpionen gibt's bei uns nicht.

Man wage es alſo getroſt, dem Verfaſſer einmal in das geſegnete Ländchen zu folgen, das er mit dankbarem Beha⸗ gen ſeine zweite Heimath nennt. Daß es ſeit hundert Jahren vielfach in eigenen Werken geſchildert und illuſtrirt worden, zum Theil noch ohnlängſt in Piton's unterhaltendem KupferwerkeStrasbourg illustré iſt ihm nicht unbe⸗

kannt; wer aber in Deutſchland hat die meiſt franzöſiſch ge⸗

ſchriebenen Folianten, Quartanten und Oktavbände geleſen? Auch weiß der Schreiber ſehr wohl, daß man ſtolz und un⸗ zufrieden dreinſehn muß, um für etwas Rechtes zu gelten, daß unverhohlene Freude an Menſchen und Orten der hohen und höchſten Kritik gemeine Dinge ſind; doch fühlt er auf tiefſtem Grunde der Seele weder Neigung noch Berechtigung, von oben herab zu reden, und ohne die Liebe möchte er gar nicht da ſein. So lebt er über den anzuſchlagenden Ton keinen Augenblick in Zweifel; das Einzige, was ihm Sorge macht, iſt die Frage, wo und wie er ſeine Schilderung be⸗ ginnen, von welcher Seite er den freundlichen Leſer einführen, was ihm zuerſt vor's Auge ſtellen ſoll.

Aber halt! Wenn ein Poet das ganze Elſaß alsdas ausgeriſſene Herz Deutſchlands bezeichnet hat, ſo iſt ja wohl die Stadt Straßburg, die unſerm Kindlein gerade auf der linken Seite der Bruſt liegt, wiederum das des El⸗ ſaſſes. Wie alle Pulsadern des Menſchen vom Herzen ausgehen, alle Blutadern zum Herzen zurückführen, derge⸗ ſtalt, daß es die ganze Circulation bewirkt und regelt, ſo gehen von Straßburg aus nach allen Seiten des Elſaſſes ſtrahlenförmig die Landſtraßen, die Hauptflüſſe aber: Rhein und Ill und Breuſch laufen, wenn nicht direkt, ſo durch Kanäle hier zuſammen, wonach aller provinzielle Verkehr in erſter Linie an die Stadt gebunden erſcheint. Ja, dieſe Stadt bildet einen Knotenpunkt des weſteuropäiſchen Verkehrs überhaupt. Durch Eiſenbahnen und elektriſche Telegraphen verknüpft ſie die Schweiz mit der Pfalz, mit Rheinheſſen und Frankfurt, die Nordſee, den atlantiſchen Ozean und Paris mit dem ſüdlichen Deutſchland, binnen Kurzem wohl auch die Pyrenäen und das Mittelmeer mit dem Centrum unſres Welttheils, während die ſchönen Kanäle einerſeits

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