Jahrgang 
1857
Seite
300
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die Rhone, andrerſeits Seine und Marne für den Handel zu Einem Strome mit dem Rheine machen. Das wimmelt bei und in der Stadt von deutſchen und franzöſiſchen Schiffen, Waarenzügen, Auswanderern, Schweizerreiſenden, Baden⸗ Badener Kurgäſten und Gott weiß, was ſonſt noch Allem: friſch, lebendig und belebend. Zur Vermittlerin des geiſti⸗ gen Verkehrs aber zwiſchen Oſt und Weſt iſt ſie in ihrem Doppelverhältniß zu Deutſchland und Frankreich wie gemacht. Daß ſie, obwol ſelbſt ein wenig wunderſüchtig, den Mesmer, Caglioſtro und Gall nicht die Thore und Börſen von Paris geöffnet, mag ein zweideutiges Verdienſt ſein; auch wäre es eine gewagte Behauptung, das ſichtliche Streben der Be⸗ wohner, dem Deutſchen zu zeigen, wie ſich ſein gediegenes Weſen in die gefällige Form des Franzoſen gießen laſſe, ſei

bereits mit glänzendem Erfolge gekrönt. Umgekehrt dagegen iſt nicht zu leugnen, daß durch die franzöſiſch ſchreibenden Gebildeten unter den Eingebornen, namentlich durch Pro⸗ feſſoren, Geiſtliche und ſonſtige Schriftſteller, unter denen der Archivar der Präfektur, Herr L. Spach, eine hervor⸗ ragende Stellung einnimmt, dem inneren Frankreich viel deutſche Gründlichkeit, Gefühlsinnigkeit und ſittliche Tiefe zugeflößt wird. Das aber iſt ein würdiges Thun, weithin wirkend, von ewigem Werthe.

Sie ſehen, ich habe nicht üble Luſt, das alte Lied:

O Straßburg, o Straßburg,

Du wunderſchöne Stadt! neuerdings anzuſtimmen, und wenn ich Sie bei Abendbeleuch⸗ tung einmal ins Centrum des Centrums, d. h. auf die Platt⸗ form des Münſters führe, ſo ſingen Sie am Ende ganz leiſe mit. Hin müſſen wir ja doch, denn wer Straßburg beſuchte und ſeinen Dom überſähe, könnte faſt ebenſo gut nach Berlin gehn, ohne Weißbier zu trinken. Bin ich kein ſo geiſtreicher Führer, wie weiland v. Thümmel auf derReiſe in die mittäglichen Provinzen von Frankreich, ſo verſpreche ich dafür, auch minder ſchlüpfrig zu ſein, Und großer Kunſt der Schilderung bedarfs am Ende nicht, wo die Sache für ſich ſelber redet.

Reißen Sie ſich nur einmal los aus dem gemüthlichen Rebſtock, den Sie, an germaniſche Einfachheit gewöhnt, jedenfalls dem prachtvollenHôtel de la Ville de Paris mit ſeiner reichverzierten und balkonirten Facade, ſeinen vier ganzen und zwei halben Stockwerken und den hundert Fen⸗ ſtern Fronte vorgezogen haben, um mir dielange, aber nicht allzubreite Straße hinaufzufolgen. Den Blick, der gleich beim Heraustreten über das kleine Geländer rechts auf die ältere Partie des Gerbergrabens fallen ſollte, werden Sie ſchnell genug wieder zurückziehen, denn wenn die gruſe⸗ ligen Mordgeſchichten in Guſtav Freytag's ſonſt ſo lebens⸗ friſchemSoll und Haben irgendwoanders, als im Kopfe des Dichters vorgefallen ſind, ſo muß es unfehlbar hier, um das alte Beguinenhaus herum, geweſen ſein, wo modrige Häuſer in ſchmutzigen Wellen ſich ſpiegeln und manch' eine halbverfallene Treppe, manch' eine in die Fluth ragende

Terraſſe Herrn Veitel Itzig in nächtliche Verſuchung führen konnte. Um ſo begehrlicher werden Sie dagegen ein paar⸗ hundert Schritte weiter auf den Palaſt blicken, den ſich Herr Hummel aus lauter Gänſeleberpaſteten zuſammengebacken, und da Sie zweifelsohne zu den Gebildeten gehören, ſo bleiben Sie auch wohl einen Augenblick vor der wohlaſſor⸗ tirten deutſchen Buchhandlung von Treuttel und Würtz ſtehen. Wenn über der Thür eines Bäckerladeus, an dem wir vorbeikamen, ein Bär an einerBretſtelle(Bretzel) kaute, gleich daneben ein anderer Ihnen durch Bierſchlürfen Durſt machen ſollte, ſo haben Sie das, denk' ich, natürlich

gefunden, da ein weidender Ochſe uns bekanntlich entſchiede⸗ nen Appetit zum Graseſſen erregt; wenn Sie aber weiterhin die Inſchrift:Poéle des Maréchaux leſen, ſo wird Ihr fragender Blick mir Gelegenheit geben, ſachkundigſt zu er⸗ zählen, daß hier nicht etwa ein Ofen ſteht, in dem Marſchälle gebacken werden, ſondern jenes poéle die Ueberſetzung des deutſchenStube iſt ein Name, mit dem man im Mittel⸗ alter die Verſammlungslokale der Zünfte und Gilden der Handwerker und Gewerbtreibenden belegte, die ſeit Tell's Zeiten nach der Schweizer glorreichem Beiſpiel dem trotzigen Adel, der imhohen Steg und anderenCurien ſeine Zechgelage hielt, immer entſchloſſener zu Leibe gingen, bis ſie ihm die vielgeprieſene, nach Erasmus Meinung dem pla⸗ toniſchen Ideal ſehr nahe kommende Verfaſſung von 1482 abrangen. Daher die vor uns liegendeSchmidtſtube, der in andern Theilen der Stadt die Metzger⸗, Fiſcher⸗, Schiffer⸗ ſtube u. ſ. w. entſprechen.

In einem dieſer Lokale, der Maurerſtube, deren Platz jetzt von der Präfektur eingenommen wird, ſpeiſten 1576 die Straßburger und Züricher Hirſebrei, der durch Fiſchart's wackeres Gedichtdas glückhafte Schiff weltberühmt ge⸗ worden. Das iſt eine erbauliche Geſchichte, wie die Straß⸗ burger meinen, der Bund mit den Zürichern helfe nicht viel, da ſie gar zu weit wohnten, und wie dieſe, um ſothanen Zweifel mächtig niederzuſchlagen, bei Gelegenheit eines Arm bruſtſchießens in Straßburg ſich Morgens um zwei Uhr in der Heimath zu Schiffe ſetzen, Limmat, Ahr und Rhein hin⸗ unterfahren und, obgleich ſie am Rheinfall das Boot wech⸗ ſeln müſſen und die Juniſonne mörderlich niederbrennt, Abends ſieben Uhr unter Trommelwirbel und Trompeten⸗ geſchmetter auf dem Straßburger Staden ausſteigen. Zum Zeichen aber der raſchen Fahrt brachten ſie einen Hirſebrei, der in Zürich gekocht und in heißem Sande transportirt worden, nicht etwa bloß lau, nein: heiß ans Ziel und ſetzten ihn den Gaſtfreunden vor,

Deſſen ſich mancher gewundert hat, Wenn er ihm am Mund brennen that.

Es iſt eine noble Geſchichte, und wenn man ſie lieſ't oder hört, ſo wächſt man um eines halben Kopfes Länge und fragt unwillkürlich mit dem mannhaften Fiſchart:

Wer will forthin noch können ſagen, Daß Arbeit nicht könnt' All's erjagen 27

Das fühlt auch ganz Straßburg, denn wenn bei dem erſten elſäſſiſchem Geſangfeſte, das im Juni des verfloſſenen Jahres unter der meiſterhaften Leitung des hier eingebür⸗ gerten Magdeburgers, Herrn Louis Liebe, ſtattfand, die Züricher Geſellſchaft ganz beſonders gefeiert wurde, ſo wirkte da eben die Erinnerung an jene That, zumal da die Gäſte ſelbſt ſie durch einen als Geſchenk mitgebrachten Becher auffriſchten.

Aber wohin gerathen wir? Schnell die Straße durch ſchritten bis zum Ende, wo ſich uns gegenüber dieGewerbs⸗ laube, ein mit Läden geſäumter, zum Fiſchen im Trüben, zum Munkeln im Dunkeln nicht ungeeigneter Bogengang hinzieht, dann rechtsum über denGärtnersmarkt, auf dem einſt die Pfalz, die Reſidenz des hochweiſen Senats reichsfreier Stadt ihre wunderlichen Formen entfaltete. Jetzt heißt er der Gutenbergsplatz, weil der bedeutende Bildhauer David von Angers eine unbedeutende Schlafmütze von Gutenberg auf einem mit Lebkuchenmännlein beklebten Poſta⸗ mente dorthin geſtellt hat. Iſt man einmal um die Statue herumgegangen, ſo ſucht das Auge von ſelbſt einen würdi⸗ geren Ruhepunkt, und daß es den ſofort finde, dafür iſt

geſorgt. Denn nur einer Wendung des Körpers bedarf's