Jahrgang 
1857
Seite
298
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fanden, denn bald ſchlug ihr Herz nicht minder heftig als das ſeine.

Ich ſetze dich auf das Thier, ſagte Michel mit be⸗ klommener Stimme,und gehe nebenher, und halte dich, daß du nicht herunterfällſt, denn heim müſſen wir doch, und laufen kannſt du nicht mehr.

Engel nahm nach einigem Bedenken den Vorſchlag V des Knechtes an; ſie that es ungern, aber was wollte ſie anders machen? Er nahm ſie auf ſeine Arme und trug ſie nach der Stelle, wo die geduldige Kuh harrte, und ſetzte ſie darauf. Die ungewohnte Laſt ſchien jedoch dem Thiere nicht recht zu behagen, denn es machte verſchiedene

Verſuche, ſich ihrer zu entledigen, und Engel wäre ſicher zum erſtenmale. Der anbrechende Tag fand ſie noch wach.

ohne Michels Unterſtützung bald wieder heruntergerutſcht, aber der Knecht hatte große Fürſorge, er umfaßte bei der geringſten Veranlaſſung das Mädchen und hielt ſie feſt auf dem glatten Rücken des Thieres. Ihre Hand ließ er gar nicht aus der ſeinigen, und ſo ging es langſam, ſehr

langſam vorwärts, was Michel übrigens ſehr erwünſcht

war. Auch Engel fühlte trotz des ſchmerzhaften Fußes eine ſo ſüße Empfindung in ſich, wie noch nie; ſie über⸗ ließ ſich auch, ſo lange die Dunkelheit des Waldes ſie umfing, dieſem glücklichen Gefühle, und Michel wäre wohl das Herz vor Freude zerſprungen, wenn er das wonnige Lächeln auf Engels Geſicht hätte ſehen können; doch die neidiſche Nacht verbarg es ihm, und als ſie wieder ins Feld hinauskamen, wo die Sterne durch gebrochene Wol⸗ ken glitzerten und die Dunkelheit etwas lichteten, da nahm das Mädchen eine ſchmerzliche Miene an und klagte über den Unfall, der dem Knechte ſo viele Mühe mache. Michel ſchwieg und ſah zu ihr empor mit einem Blicke, der ſo glühend durch das Halbdunkel ſtrahlte, daß es ihr feurig durch den ganzen Körper zuckte wie ein elektriſcher Funke; ihre Hand bebte in der ſeinen und ſie ſchloß eine Weile feſt die Augen zu.

Sie gelangten auf einem Umwege an den Grasgarten, der zur Hinterthüre in des Höhlenbauers Haus führte; dort hob Michel das Mädchen herab. Sie wollte allein durch den Garten gehen, doch es war nicht möglich, und nur feſt von dem Knechte umſchlungen, halb getragen, konnte ſie den Weg zurücklegen. Als ſie an der Thüre ankamen, und der Burſche ſie nun aus den Armen laſſen mußte, zauderte er einen Augenblick damit es war ihm,

als verliere er für immer ſein höchſtes Glück. Von ſeinem Gefühle überwältigt drückte er Engel ans Herz und küßte ſie da riß ſie ſich los, und trotz des großen Schmerzes am Fuße, hinkte ſie ſo geſchwind wie möglich der Stube zu.

Das Mädchen hatte eine ſehr unruhige Nacht, zwar nicht wegen dem verrenkten Fuße an dieſem hatte der ſchleu⸗ nigſt herbeigerufene Bader aus Leibeskräften gezogen und ihn ſo wieder in das richtige Geleiſe gebracht aber mit ihrem Herzchen wollte es nicht wieder ſo ſchnell in Rich⸗ tigkeit kommen, ſo ſehr ſie ſich auch Mühe gab, ſein unru⸗ higes Klopfen zu befchwichtigen. Es wurde Engel bald heiß, bald kalt dabei, und der bei ihr ſonſt alle Gedanken und Gefühle ſo leicht überwältigende Schlaf floh ſie heute

Sie hatte mehrmals verſucht, an die fatale Marktge⸗ ſchichte zu denken, um ſich weis zu machen, daß die Sorge um den Bruder ſie ſo beunruhige; es ging aber nicht mit dieſer Selbſttäuſchung, denn immer und immer wieder ſtand der Michel ſtatt des Conrades vor ihrer Seele und ſie konnte nicht faſſen, wie der Knecht, der doch ſchon ein halbes Jahr im Hauſe war, ſo auf einmal alle ihre Gedanken und Sinne gefangen nahm. Das mußt du dir aus dem Kopfe ſchlagen, Engel, ſagte ſie zu ſich ſelbſt,ſonſt könnte es herb, grauſig herb werden. Und ſie ſprang aus dem Bette, und griff nach einem Gebetbuche, das auf ihrer Truhe lag. Sie verſuchte, bei dem Dämmerlichte darin zu leſen, aber das Leſen verſtand in damaliger Zeit kaum der Schulmeiſter recht, und Engel hatte es unter ſeiner langjährigen Auf⸗ ſicht nur zum Buchſtabieren gebracht. Das Leſen aber war auf dieſe Weiſe mühſam und langweilig, und gar nicht geeignet, ihre Herzensaufregung zu bekämpfen. Sie mochte dies auch fühlen, denn bald legte ſie das Buch wieder weg, faltete die Hände und betete andächtig ein Vaterunſer, dann ging ſie ſchnell hinab, den noch immer ſchmerzhaften Fuß nicht beachtend.Ich will ſchaffen, dachte ſie,das wird's Beſte ſein, nahm Sichel und Futtertuch und öffnete leiſe die Hausthür, denn ſie hörte den Michel bereits im Stalle. 3

Ein lauter Ausruf entfuhr ihren Lippen, als ſie hin⸗ austrat. Conrad ſaß ſchlafend auf der Bank neben dem kleinen Gärtchen, welches ſich an den niedern Fenſtern des Hauſes hinzog.(Fortſetzung folgt.)

Bilder aus den deutſchen Gauen. IV. Das Eſſaß.

Von Albert Grün.

Wer kennte, wer minnete ihn nicht, unſern herzlieben Rhein, deß Name nach Schenkendorf's ſinnigem Worte ſchon klinget, wie Wein?! Ein kecker Schweizerbub', hüpft er die Bündner Alpen herunter, läuft neugierig in der Ebene umher, beſchaut ſich das Fürſtlein von Liechtenſtein und die kaiſerlich öſterreichiſchen Schnurrbärte in Vorarlberg und ſpringt dann erhitzt in die kühlen Fluthen des Bodenſee's, um jenſeits friſch erquickt den tollen Schaffhauſer Purzel⸗ baum zu ſchlagen, daß ihm die krauſen Locken wild um's Antlitz wogen. Mittlerweile aber iſt er herangewachſen,

ſteht ein Jüngling, der in die Fremde muß an do Heimath Grenze. Vor ihm liegt Frankreich, doch frem weht's von dorther. Deutſches Blut ſchwellt ſeine Adern raſch entſchloſſen macht er rechtsum und eilt Berge un Dome in ſich aufnehmend, voll poetiſchen Jugenddrang' widerſpiegelnd dem Lande der Zecher, dem luſtigen Rhein- gau zu, bei Liederſang und Becherklang: Und ſo trink' ich, trinke, trinke, Stoßet an, ihr! Tinke, tinke! Dahinzuſchweifen durch die ſagenrauſchenden Franken⸗

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