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Gotha, das andre Mal auf der Straße nach Erfurt, in einem offnen Wagen.„Damals,“ erzählte er,„pflegten die Deutſchen zu ſagen, Napoleons Tod wäre das Heil der Welt und der Gedanke fuhr mir durch den Kopf: wenn du jetzt nur ein Piſtol hätteſt, ſo könnteſt du ihn leicht todtſchießen, bevor er etwas von deinem Vorhaben wüßte.“ Bekanntlich war um jene Zeit Napoleon wirklich von einer ernſten Gefahr dieſer Art bedroht. Wie Fr. v. Wolzogen in ſeinen Memoi⸗ ren mittheilt, lauerten einige preußiſche Grenadiere dem Kaiſer, als er auf die Jagd fuhr, auf und waren entſchloſſen, auf ihn zu feuern, und nur als ſie den Bruder ihres Königs an Napoleons Seite ſitzen ſahen, wurden ſie bedenklich und die Ausführung des Planes unterblieb.
Auch eine thüringer Kirmſe macht unſer Touriſt mit.
Die uralten Volksgebräuche, die bei dieſer Feier zu Tage kommen, ſcheinen ihn beſonders zu intereſſiren. Zwar die alte Sitte vor dem feierlichen Kirchgang einen Hahn zu tödten und nachher ein Schaf zu braten und damit die Kirmſe ein⸗ zuweihen, iſt abgekommen. Doch iſt noch immer Manches übrig geblieben, was nicht blos dem Fremden, ſondern ſelbſt dem deutſchen Städter ſeltſam erſcheint. Ein Ausſchuß der jungen Bauern, die ſogenannten Kirmſejungen, beſorgen die Feſtordnungen und wählen einen Obmann, deſſen Wille Ge⸗ ſetz iſt. Jeder Junge wählt ſich ein Mädchen, das ſeinem Partner ein helles ſeidnes Band kaufen muß, welches er wäh⸗ rend des Tanzes auf die rechte Schulter ſteckt, und ihn wäh⸗ rend der drei Kirmſetage in Eſſen und Trinken frei hält. Dieß macht eine Ausgabe von zwei bis drei Thalern, die man indeſſen durch Miethen eines gemeinſamen Speiſezimmers und durch Erhebung von Contributionen an Mehl, Kar⸗ toffeln, Würſten und Bier von allen benachbarten Familien zu vermindern ſucht. Tanzſaal und den Schnaps; die Koſten dafür werden von denen erhoben, die nicht zum Ausſchuß gehören. wird zu einer Art Carneval für den deutſchen Bauer und während derſelben ſind alle möglichen Freiheiten geſtattet. Auf den Herzoglichen Gütern bei Coburg z. B. wohnen der Herzog und die Herzogin der Kirmſe an und jeder Kirmſe⸗ junge iſt berechtigt die letztere zum Tanz aufzuziehen, wäh⸗ rend der Herzog mit den hübſcheſten Bauernmädchen tanzt. Drei Tage währt die Feierlichkeit; wenn Fremde zum Beſuch
Die Jungen liefern die Muſik, den
Die Kirmſe
erſcheinen, ſo wird zunächſt eine Beiſteuer von ihnen erhoben, ſodann folgt eine Einladung zum Tanze um die verſchiedenen Linden in und um das Dorf. Je nach dem Anſehen, das ſie genießen oder ſich durch ihr Benehmen und ihre Freige⸗ bigkeit zu erwerben wiſſen, ſetzen in dem Saal, wohin man ſich des Abends regelmäßig zurückzieht, die Uebrigen den Tanz aus und laſſen ihnen den Raum frei. Natürlich werden ſie auch mit den erſten d. h. mit den reichſten Mädchen verſorgt, die freilich nicht immer die ſchönſten ſind. Unſrem Amerikaner erſchien als das Merkwürdigſte an dieſen ländlichen Schön⸗ heiten das bedeutende Talent, Schnaps zu trinken und er zieht daraus günſtige Folgerungen für ihre geſunde und kräf⸗ tige Conſtitution.
Wir wiſſen nicht, ob das Geplauder des Amerikaners über Gotha, den thüringer Wald und thüring'ſche Kirmſen bei ſeinen Landsleuten großes Intereſſe erregte. Uns erſchien es von nicht geringer Bedeutung, einen ſo vielgewanderten, kenntnißreichen und angeſehenen Mann, der zugleich ein ſtahl⸗ feſter, energiſcher Charakter und ganz von jenem Holze ge⸗ ſchnitzt iſt, welches in Amerika die großen Staatsmänner liefert, dem ſomit in ſeinem Vaterland vielleicht eine große Zukunft winkt, in ſo inniger Vertrautheit mit deutſchem Leben und deutſcher Bildung zu ſehen, denn es iſt nichts Geringes was dieſer jetzt 34jährige Mann aus eigner Kraft bereits errungen und erreicht hat. Bloß bis zu ſeinem 15. Jahre auf Koſten ſeiner wenig bemittelten Eltern in einer Freiſchule gebildet, verdankt er ſeine ganze äußere Stellung und ſeine höhere Bildung ſich und ſeiner Willenskraft. Nach ameri⸗ kaniſcher Weiſe in den verſchiedenſten Berufen, bald mit Glück bald unglücklich, ſich verſuchend, Mitbegründer der New⸗York Tribune, von einem unwiderſtehlichen Bildungs⸗ trieb nach dem Continent und beſonders nach Deutſchland gezogen, hat er außer Europa Kleinaſien und Aegypten, Oſt⸗ indien, China und Japan, außerdem Amerika nach allen Richtungen durchzogen, die Schilderungen dieſer Reiſen in großen, viel geleſenen Werken niedergelegt, und wir hören daß er mit einer jungen Dame aus Gotha, der Tochter eines berühmten deutſchen Gelehrten, vor Kurzem verlobt, nach ſeiner Rückkehr vom Norden die Brautreiſe nach Auſtralien machen werde. Einen ſolchen Mann halb den Unſrigen nennen zu dürfen, ſcheint uns ehrenvoll und erwünſcht.
Was heliebt.
Die kleine Paſſion Albrecht Dürer's. Der Kupferſtecher und Xylograph C. Deis in Stuttgart hat es ſich vorgeſetzt, dieſe unſterblichen Holzſchnittcompoſitionen, deren bleibender Werth längſt von Künſtlern und Kunſtkennern gewürdigt iſt, mit der möglichſten Treue nachzubilden. Dieſe Nachbildung ſoll in 6 Lieferungen zu je 6 Blättern im Selbſtverlage erſcheinen und im Laufe des nächſten Jahres vollendet ſein. Die erſten beiden Lieferungen ſind bereits ausgegeben worden. Wir finden uns nach Einſicht derſelben veranlaßt, unſeren Leſern die Subſcrip⸗ tion auf das vortreffliche Unternehmen dringend zu empfehlen. Es ſei uns hierbei geſtattet, das Urtheil des Herrn J. D. Paſſa⸗ vant in Frankfurt a. M.— bekanntlich einer Autorität in dieſem Fache— zu unterſchreiben, welches bei Erſcheinen der erſten Lie⸗ ferung im„deutſchen Kunſtblatte“ mitgetheilt wurde:
„Zu den erfreulichen Erſcheinungen der auch in Deutſchland wiedererworbenen Behandlung des Holzſchnittes gehören auch mehrere neue Nachſchnitte älterer Blätter dieſer Kunſt. Zu den gelungenſten dieſer Art zählen wir namentlich diejenigen, welche wir der geſchickten Hand des Herrn Deis in Stuttgart verdanken. Derſelbe hat es kürzlich unternommen, die ſchönen Blätter der kleinen Paſſion von Albrecht Dürer vollſtändig nachzubilden und bereits 6 Blätter davon vollendet. Sie ſind mit wahrhaft meiſterlicher Genauigkeit und Freiheit in Holz geſchnitten, und wohl die beſten Copien, welche wir davon beſitzen. Unſer tüch⸗ tiger Künſtler glaubt hierdurch nicht nur dem Wunſche der Freunde Dürer'ſcher Kunſt entgegenzukommen, ſondern auch theilnehmenden Beifall in weiteren Kreiſen zu finden. Der Preis der Lieferung(20 Sgr.) iſt ſo billig geſtellt, daß deren Erwerb
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