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den eine Freundſchaft begründet, welche den Amerikaner in unſrer deutſchen Stadt eine zweite Heimath finden ließ, zu welcher er gern immer wieder zurückkehrt um von den Stra⸗ patzen einer überſtandenen Reiſe auszuruhen und für neue Ausflüge ſich zu rüſten. So hat er vorigen Herbſt mehre Monate in Gotha zugebracht, bevor er ſeine merkwürdige Reiſe nach dem äußerſten Norden der ſkandinaviſchen Halb⸗ inſel antrat, wo er den Winter hindurch unter Mühſelig⸗ keiten und Entbehrungen aller Art naturwiſſenſchaftliche Beo⸗ bachtungen anſtellte. Vor einigen Wochen kehrte er von dieſem Winterausflug, mit erfrorner Naſe, ſonſt aber geſund und munter hieher zu ſeinem Freunde zurück und er iſt jetzt, nach kurzer Raſt, abermals in dieſe Gegenden aufgebrochen, um ſie nun auch während der warmen Jahreszeit zu erfor⸗ ſchen. Die Ausbeute ſeiner Beobachtungen legt Hr. Taylor regelmäßig in Briefen nieder, welche in der New⸗York Tribune abgedruckt werden. Wir hören indeſſen, daß er dieſelben in neuer Bearbeitung nächſten Herbſt in einem größern Werke veröffentlichen wird, welches gleichzeitig auch in einer deutſchen Ueberſetzung erſcheinen ſoll.
Deutſche Blätter haben aus jenen Briefen der New⸗York Tribune Unterredungen mit deutſchen Notabilitäten, wie Humboldt, Uhland, Rückert u. ſ. w., auch wohl ein— zelne Schilderungen der nordiſchen Winterreiſe ihren Leſern mitgetheilt. Uns ſcheint es zunächſt wünſchenswerth, die Perſönlichkeit des Verfaſſers in ſeinem Verhältniß zu Deutſch⸗ land und deutſchem Leben unſerm Publikum vorzuführen. Wir theilen daher, ebenfalls ans jenen Briefen, Einiges aus ſeinem vorjährigen Aufenthalte in Gotha und den Ausflügen in das Thüringerland mit, zu denen ſein dortiger Aufenthalt Gelegenheit gab. Später werden wir vielleicht auch aus ſeinem Werke über die Reiſe nach dem ſkandinaviſchen Nor⸗ den Neues und Intereſſantes ausheben können.
Hr. Taylor hat, was ſonſt nicht eben amerikaniſche Art zu ſein pflegt, Empfänglichkeit und Sinn für die Reize einfacher deutſcher Häuslichkeit. Aus dem Gewühl der Weltſtädte, von der Pracht und Ueppigkeit tropiſcher, von der düſtern Großartigkeit nordiſcher Länder, kehrt er gern zu der ruhigen Gemüthlichkeit Gothas und des thüringer Waldes zurück. Er fühlt ſich behaglich in der Heimath, die deutſche Freundſchaft ihm hier bereit hält, in dem kleinen Gartenhaus mit dem Blick auf die ſtille Lindenallee, die in die Stadt führt, welches, von einem Miniſter Ernſt II. 1760 erbaut, mit ſeinem ſteil ausgebauchten Dach und ſeinen zier⸗ lichen Fenſtern ihn an die Schlöſſer Ludwigs XIV. erinnert, auf der blumenumſäumten Terraſſe, von welcher ſteinerne Treppen, mit Statuen beſetzt, zu einem Baſſin mit Spring⸗ brunnen herabführen. Er ſucht in der heißen Tageszeit gern Kühlung in der anſtoßenden lebendigen Arkade von Zwergbäumen, deren natürliches Dach für die Strahlen der Sonne undurchdringlich iſt. Er wandelt gern in dem anſto⸗ ßenden Hain, unter Föhren, Eichen, Eſchen, Buchen und Kaſtanienbäumen. Er ſchildert ſeinen Landsleuten mit reli⸗ giöſer Genauigkeit alle Einzelheiten einer einfachen, lieblichen Umgebung, die für einen hartgeſottenen NYankee wohl kaum irgend einen Reiz haben würde, deren Schönheiten aber Hr. Taylor mit völlig deutſcher Gemüthlichkeit empfindet. Er erzählt ihnen von dem„Herzogsbaume,“ den Ernſt II. mit eigner Hand gepflanzt und der jetzt, hundert Jahre alt, obgleich der Stamm nur erſt einen Fuß im Durchmeſſer hat, mit ſeinen weiten Aeſten den ländlichen Sitz und den ſteiner⸗ nen Tiſch beſchattet, auf welchem der Touriſt mit ſeinem Freunde je zuweilen eine gemüthliche deutſche Pfeife raucht. Er iſt ſogar ſo gefällig, der Hirtenſpiele zu gedenken, welche
in dem einſt dem herzoglichen Hauſe gehörigen Beſitzthum vom Hof aufgeführt wurden in jener Zeit, als man in Deutſchland nachäffte, was man in Verſailles trieb, die Unwahrheit der Idylle und die Wirklichkeit des Skandals. Es erſcheint ihm„wunderlich“ und der Mittheilung in einem amerikaniſchen Blatte werth, daß er in dieſer ſeiner Woh⸗ nung in Gotha, obgleich dieſelbe zwiſchen dem Palais des Herzogs und der Wohnung der verwittweten Herzogin liegt und unmittelbar an beide anſtößt, jeden Morgen das land⸗ wirthſchaftliche Geräuſch, den regelmäßigen Schall der Dreſch⸗ flegel in der Tenne, das ſelbſt in Deutſchland ſelten gewor⸗ dene Horn des vorüberfahrenden Poſtillons hört und mit Rüben und Kartoffeln beladene Feldwagen vorbeiziehen ſieht, in derſelben Stadt, in welcher ein großes, impoſantes Schloß weit hinausſieht über die blauen Hügel des Waldes, eine Bibliothek von 200,000 Bänden und ein chineſiſches Cabinet die Aufmerkſamkeit des Forſchers anziehen und die Juſtus Perthes'ſche Anſtalt ihre geographiſchen Werke und Karten (denen Hr. Taylor das beſte Zeugniß durch die Bemerkung gibt, daß er auf ſeinen Reiſen in Aſien und Afrika in Zweifels⸗ fällen ſtets den Perthes'ſchen Karten, ſelbſt im Widerſpruch mit einheimiſchen Führern gefolgt ſei und ſie ſtets richtig und genau gefunden habe) in alle Welttheile ausgehen läßt. In Deutſchland freilich iſt man an dieſe Verbindung des Länd⸗ lichen mit dem Großſtädtiſchen in den kleinen Reſidenzen beſſer gewöhnt, da wir deren eine gute Zahl haben.
Aber auch das deutſche Volks⸗ und Landleben mit ſeiner Derbheit und mitunter noch ziemlich mittelalterlichen Eigen⸗ thümlichkeit, wie es ſich in den verſteckten Thälern des thü⸗ ringer Waldes findet, hat für unſern Touriſten einen beſon⸗ dern Reiz. Er fliegt gern aus in den Wald, wenn er in ſeinem Gartenhäuschen in Gotha von ſeinen Wanderungen ausruht. Er hat dort vor Jahren eine herzliche Freundſchaft geſchloſſen mit dem alten, graubärtigen Förſter von Thal. Einſt auf der Höhe des Gebirgs in einer Jagdhütte ſaßen ſie zuſammen um ein Feuer von Fichtenklötzen, erzählten ſich Geſchichten, brieten ſich Kartoffeln und ſchliefen dann Seite an Seite auf einem Bündel Stroh. Hier wurde die Freund⸗ ſchaft gegründet, die einen regelmäßigen Beſuch des Touriſten in Thal veranlaßt, ſo oft er in der Gegend iſt. Dann ſteht der alte Förſter ſchon auf der Warte unter der Linde vor dem Dorfe und heißt die Freunde mit deutſcher Umarmung willkommen, und nach kurzem Verweilen in der Förſterwoh⸗ nung geht's hinaus in den Wald, wohin Bier und Kartoffeln und die nöthigſten Vorräthe ſchon vorausgeſchickt ſind, über Bergwieſen und Forſt auf die Höhe des Gebirgs nach dem „Königshaus,“ der Stätte der erſten Bekanntſchaft. Hier brennt ſchon an windſichrer Stelle das luſtige Feuer, ein großer Bierkrug lehnt an der Hütte, ein Laib Schwarzbrod, ein Säckchen Kartoffeln und ein Topf mit Butter liegen auf
dem Tiſch und reizen den Appetit, den die ſcharfe Luft bereits
geweckt hat. Denn es iſt Herbſt und in der Abendluft auf der Höhe des Thüringer Waldes zeigt der Thermometer be⸗ reits den Gefrierpunkt. Da ließ ſich mit Brod, Butter, Kartoffeln und Wurſt und einem guten Quantum Bier ein königliches Mahl halten, doch wie lange es dauerte, ſagt unſer Touriſt, iſt ein Geheimniß, das nur unter der Frei⸗ maurerſchaft von Jägern und Trappern enthüllt werden kann. Dann ſetzten ſie ſich ans Feuer, das die Baumſtämme ringsumher beleuchtete und eine angenehme Wärme aus⸗ ſtrömte und unter dem friedlichen Glitzern der Sonne hörten und erzählten ſie ihre Abenteuer und Erlebniſſe. Der alte Förſter erzählte von Napoleon, den er als Knabe zweimal geſehen während des Erfurter Congreſſes, das eine Mal zu


