Jahrgang 
1857
Seite
288
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Glanzpunkt die in wunderbarer Klarheit zu uns herabnei⸗ genden lichten Ausläufer der Engelshörner und Roſenlaui⸗ Gletſcher ſcheidend gegrüßt, bieten wenig Abwechslung und ſind in demſelben Maaße mehr ermüdend. Auch hörten, je weiter wir auf unſerm Marſche vordrangen, je mehr die frü⸗ her belobten günſtigen Gletſcherverhältniſſe auf; ja unſere Führer verſicherten, es geſchähe ſelten, daß gerade dieſer ge⸗ wöhnlich ſehr leicht zugängliche untre Gletſchertheil ſo viele Schwierigkeiten darbiete. Die feſten Schneeſchichten, welche hier meiſt die kleineren Schründe ausfüllen und die einzelnen Eisblöcke verbinden, waren jetzt geſchmolzen, und wir mußten, ſtatt wie ſonſt über eine warzige Rinde uns gleichmäßig fort⸗ zubewegen, den Alpſtock zur Hand, ſtundenlang ſpringend von Eisblock zu Eisblock überſetzen. dieſe heftig erſchütternde Bewegung furchtbar an, und hier war es, wo ich zum erſten Male die hoch gethürmten, ſchwan⸗ kenden Moränen freudig begrüßte, welche wie überall den Ausgang des Gletſchers bezeich⸗ nen. Es iſt doch wirklich ein merkwür⸗ diges Ding um dieſe ungeheuern, wild durcheinander gewor⸗ fenen, mit Schlamm und Erde vermiſch⸗ ten Schutthaufen, welche ſich vielleicht

eben hier. Zur lin⸗ ken Seite des Unter⸗ Aargletſchers ziehen ſie faſt in ſeiner gan⸗ zen Länge mit in das Thal hinab, da endlich auslaufend in einen feſten, etwa eine halbe Stunde breiten rieſigen Wall, welchen der Wandrer überſchreiten muß. Mühſam daran auf und ab klimmend, glaubt er gern den Ausſprüchen kühner und emſiger Gletſcher⸗

Staubbach im Lauterbrunner Thale.

Mich griff auf die Dauer

beobachter, welche als neueſte Ergebniſſe ihrer raſtloſen For⸗ ſchungen in dieſen Regionen berichten, daß der Unter⸗Aar⸗ gletſcher mit jedem Jahre um 240 vorrücke. Ueber die Ur⸗ ſachen dieſer außerordentlichen Bewegung ſind die Meinungen getheilt. Sauſſure erklärt dieſelbe aus der Wärme der Erde und der Einwirkung der Luft, wodurch die untere Schicht des Gletſchers geſchmolzen, die feſte Verbindung der Eismaſſe mit dem Boden gelockert und dieſe durch den Druck der Schwere allmälig auf der ſchiefen Ebene hinabgeſchoben werde; während Agaſſiz und andere das durch die feinen Haarſpalten des Gletſchereiſes eindringende und daſelbſt zu Eis erſtarrende Waſſer zu Hülfe nehmen. Der Laie ſteht vor dieſer ihm fremden, ihm unbegreiflichen Welt wie vor dem unlösbaren Räthſel einer uralten Sphynx. Wie Vieles hat die Wiſſen⸗ ſchaft in den letzten Jahrzehnten zu deſſen Löſung gethan, wie

Vieles bleibt ihr zu thun noch übrig! Die Moränen ver⸗

nirgends ſo maſſen⸗ haft anhäufen, als

laſſend, führt ein leidlicher Fußweg in etwa zwei Stunden nach dem Hospiz. Wir erreichten daſſelbe bei völliger Dunkel⸗ heit. Unter gewöhnlichen Verhältniſſen iſt dies bedenklich, weil das Haus nicht ſelten von Gäſten ſo überfüllt iſt, daß der verſpätete Wandrer kein Unterkommen mehr findet. Unſere Führer hatten uns jedoch hierüber vollſtändig beruhigt. Wann Gäſte von der Strahleck kommen, und gar eine Frau in ihrer Mitte haben, was freilich bis jetzt höchſt ſelten geſchah,(die Annalen berichten kaum wenige Beiſpiele, keines, das einer Hülfe von blos zwei Führern gedenkt,) ſo wird Platz gemacht, und müßte es in der Wirthin eigner Kammer ſein. Wie geſagt, ſo geſchehen. Ein wohnliches Zimmer nahm uns auf, und eine mehr als freundliche Wirthin war bemüht, reichlich für Küche und Keller und alle wünſchenswerthen Bequemlichkleiten zu ſorgen. Ruhe that uns am meiſten noth; doch Ruhe wohnt zwiſchen den Gletſchern, nicht in den Gaſt⸗ höfen des Berner⸗Oberlandes. Wir ſind wieder auf der breiten Straße, wo Kellner und Mägde an unſrer Thüre vorüberjagen und wo durch die dünnen Wände ein tolles Ge⸗ miſch der verſchiedenſten Wünſche in den verſchiedenſten Sprachen betäubend an unſer Ohr ſchlägt, wo es vor und über und neben uns lärmt und poltert.

Ich lag ſtille und rührte mich nicht. Die Bilder des

Tages zogen noch einmal an meiner Seele vorüber, groß

und ſchweigend! Ich dachte auch zurück an die friedliche Senne, an das Lager von Heu und an den Donner der Lawinen.

Der amerikaniſche Reifende Bayard Taylor

in Kotha und dem Chüringer Walde.

Die Stadt Gotha hatte in den letzten Wochen einen in⸗ tereſſanten Gaſt in ihren Mauern, den bekannten amerikani⸗ ſchen Reiſenden Bayard Taylor. Die deutſche Zeitungs⸗ preſſe hat längſt von den Reiſen dieſes unermüdlichen jungen Touriſten Notiz genommen, der bereits Amerika, Afrika, Aſien und Europa nach allen Richtungen durchreiſt hat und deſſen Reiſeſchilderungen, in Amerika längſt gern geleſen und

begierig erwartet, auch in Deutſchland die Aufmerkſamkeit

eines größeren Publikums zu erregen anfangen. Sie ver⸗ dienen dieſe Beachtung nicht blos durch ihren reichen Inhalt, durch die klarſte Beobachtungsgabe, durch die Vorurtheils⸗

freiheit und ächt humane Bildung, von der ſie Zeugniß

geben, ſondern noch insbeſondere durch eine Vorliebe für unſer deutſches Vaterland, welche bei fremden Reiſenden bis⸗ jetzt noch nicht allzuhäufig angetroffen wird. Hr. Taylor hat eine Zeitlang auf einer deutſchen Hochſchule(Heidelberg) zugebracht und ſich die deutſche Bildung in ihren verſchie⸗ denſten Richtungen angeeignet, er weiß das deutſche Gemüths⸗ leben zu wüedien und ſteht nicht an, die Vorzüge, die er bei uns findet, unbefangen auch ſeinen Landsleuten gegen⸗ über anzuerkennen. Auf einer ſeiner Reiſen in Syrien und Aegypten iſt er mit einem Deutſchen, einem Einwohner von Gotha, zuſammengetroffen und die gemeinſamen Erlebniſſe und Abenteuer ihrer Wanderung haben zwiſchen den Bei⸗