fürchtete, in der Schöpfung ſcheinbar vergeſſene, ſich ſelbſt
genügſame Welt, wie ein ewig verſchloßnes, unergründ⸗ liches Grab verblichner Heldengeſchlechter. Keine Spur des Lebens, keine Blume, kein Wandrer in der weiten öden Stille! So weit das Auge reicht und ferne darüber hinaus in tageweiter Runde nur Eis⸗ und Schneewüſten und Trüm⸗ mer geborſtener Felscoloſſe. Furchtbar ſchöne Einſamkeit! Ein Nebel, eine Wolke zieht über dich hin, wie über den Leichnam einer Welt!———
Die Führer machen auf eine wenige Schritte ſeitwärts liegende, aus Steinen roh übereinander gewölbte Höhle auf⸗
Strahleck herab.— Wir ſtampfen, ein Führer voran, der andere zurück, auf dem Gletſcher fort, ſo weit die ſchneeige Decke dieſen und etwaige Eiſesklüfte verbirgt, alle in grader Linie je fünf Schritte aus einander an dem Seile befeſtigt, auf daß, wenn ja einer ſinkt, ſein Hintermann ihn ſogleich an der ſchützenden Leine wieder heraufziehe. Dieſelben Ver⸗ hältniſſe jedoch,(Folge vorhergegangener Witterung) welche gerade damals den gefürchteten Bergſchrund minder furcht⸗ bar geſtaltet hatten, begünſtigten uns auch hier, wie denn überhaupt der Spätſommer(Ende Auguſt und Anfang Sep⸗ tember) die für ſolche Gletſcherpartieen räthlichſte Zeit ſein ſoll, weil man da von niederſtürzenden Lawinen wenig mehr
merkſam, welche müden, vom Unwetter überfallenen Wand⸗ rern als Nachtherberge dienen kann, zeitweiſe ganz von Scchhnee verſchüttet, und mahnen dabei zum Aufbruche. In oben beſchriebener Weiſe geht es jetzt langſam die ſteile Fels⸗ wand hinab bis zum Fuße der Strahleck, wo die den Füh—
zu beſorgen hat. Auch hier lagen die Schneeſchichten meiſt feſt auf einander geballt, und es fanden ſich zur Hülfe nur wenige, höchſt unbedeutende Anläſſe;— wir wurden bald wieder in Freiheit geſetzt.— Raſtlos geht es nun viele Stunden lang über die blaſige Eisdecke hin, ſtets eng um
rern bedenklichſte Stelle, der ſogenannte Bergſchrund, uns droht. Die geſammte Gletſchermaſſe nämlich, nach innen hohl, ruht auf theils ſehr maſſiven, theils ungemein zierlich gebauten Eisfüßen und bildet dazwiſchen bald eine feſte un⸗ durchdringliche Schicht, bald aber auch eine dünne, leicht zer⸗ brechliche, dem einſamen Wandrer höchſt gefährliche Decke; denn bricht dieſe unter ihm zuſammen, ſo ſtürzt er rettungs⸗ los in eine oft viele hundert Fuß tiefe Kluft hinab. Nach der Mitte zu, wo die Gletſcher frei und in dichteren Maſſen liegen, ſind ſolche Stellen ſelten und leicht zu vermeiden. Doch hier, wie überall am Fuße ſteiler Gebirge, wo die Eiſesſchichten dünn und vielfach zerklüftet anlehnen, die nie⸗ derſtürzenden Lawinen aber ungeheure Schneemaſſen darüber⸗ häufen, iſt alles gleichmäßig davon umhüllt, dem Argloſen ein durchaus nicht erſchreckendes Bild. Und dennoch kann ein unbedachter Schritt, eine flüchtige Bewegung ihn in ein ewiges ſchauervolles Grab ſtürzen. Die größte Vorſicht, der unbedingteſte Gehorſam den Anweiſungen der Führer, iſt mehr als an irgend einer andern Stelle nothwendig. Auch werden die Führer nicht müde, durch ſtete Ermahnung uns regungslos an ihre Seite zu feſſeln. Dieſe in den Gletſchern groß gewordnen Alpſöhne kennen die Gefahr, es trügt ſie kein Schein. Leicht klimmen ſie die ſteilſten Felſen hinan und hinab, hängen lachend über finſtern Abgründen und er⸗ meſſen ſteten Auges die ſchwindelndſten Tiefen; doch ängſt⸗ lich, verzagt, wie ſchüchterne Knaben, weichen ſie ſcheu vor der friedlich ſchlummernden Schneebraut zurück und ſchauen ihr mißtrauiſch in das trügeriſch lächelnde Angeſicht. Einer muß zuerſt hinüber und den übrigen einen Pfad treten; doch keiner thut es, ohne vor dem möglichen Sturze geſichert zu ſein. Das Seil wird ihm um den Leib gebunden, in feſten Händen halten es die andern, und ſo mit Vorſicht wagt er den erſten Sprung, ſondirt und ſtampft den Weg. Diesmal
ſchloſſen von grotesken Felſen und glänzenden Firnen; lange behalten wir ſo das Finſteraarhorn mit dem Wetter⸗ und den Schreckhörnern zur Seite. Die hohen, ſteilen Felswände der Strahleck hinter uns waren bald in dichte Nebel gehüllt, während vor uns die hellen, ſchneeigen Felder der Bergli's⸗ Alp im durchbrechenden Sonnenſtrahle erglänzten. Der Raub, welchen ein hämiſches Schickſal auf den Höhen der Strahleck an uns begangen, wurde hier durch die herrlichſte und ſeltſamſte Beleuchtung vergütet. Hinter uns zwiſchen ſchattigen Abgründen und finſtern Klüften die wunderlichſten Nebelgebilde, wirr einherjagend wie eine wilde, phantaſtiſche Geiſterſchaar, und vor uns die ſtillen, ſonnegekrönten, leuch tenden Säulen einer gigantiſchen Welt. Ewiger Tod und ewiges Leben! wunderbares, gewaltiges Chaos!
Ein großes Felsſtück im Mittelpunkte der breiten Glet⸗ ſcherſtraße ladet zur Mittagsruhe ein. Wir raſten gerne und überſchauen von da in einem langen trunkenen Blicke des rieſigen Bildes weiteſten Rahmen. Hier iſt es, wo Finſter⸗ und Lauter⸗Aargletſcher ihre mächtigen Eiſeswellen zuſammen⸗ ſtoßen und unter dem gemeinſamen Namen des Unter⸗Aar⸗ gletſchers ſich brüderlich vereinen. Dieſer zieht dann in einer unabſehbaren vielſtündigen Länge bis eine Meile vor Grimſel⸗ Hospiz das ganze Aareboden genannte Thal hinab. Früher, wie uns die Führer erzählten, ſoll dies Alles zum größten Theile fruchtbares Weideland geweſen ſein und den Namen der Blümlis⸗Alp geführt habeu.— Drei Stunden vom Hospiz entfernt, am Fuße eines Felſens auf dem Unter⸗Aar⸗ gletſcher hatte der berühmte ſchweizeriſche Naturforſcher Hugi bereits im Jahre 1827 eine Hütte erbaut, das ſtets vorrük⸗ kende Gletſchereis aber dieſe im Jahre 1840 ſchon um 4600“ vorgeſchoben. Im Jahre 1841 legte deßhalb Profeſſor Agaſſiz aus Neuenburg zum Behufe neuer Gletſcherbeobach⸗
var trafen wir es gut, denn eine dichte, feſt zuſammengeballte tungen auf derſelben Stelle eine neue Hütte an, zuſammen⸗ nes Schneemaſſe wich nicht unter unſern Tritten und brachte geſtellt aus drei großen Steinen mit einer gewaltigen Schiefer: u uns ſchnell und ſicher hinüber,— für heute aus dem Be⸗ platte bedeckt, und bekannt unter dem Namen„Hôtel des dur reiche aller Schrecken. Neufchatelois“.— Auch die Gebrüder Dollfuß aus Mühle 2 11 Michel allein blieb jenſeits zurück, ſeine Pflicht war er⸗ hauſen errichteten zu demſelben Zwecke am Rande des Unter⸗ ch 4 füllt, ſeine Zeit abgelaufen, und er mußte eilen, vor Einbruch Aargletſchers eine Hütte„Pavillon“, welche Bezeichnung von — der Nacht ſeine Senne, ſeine Knaben und Ziegen wieder zu Wirthen und Führern in die ihnen mehr mundgerechte„Baby⸗-⸗ 4, V erreichen. Nicht ohne Schmerz trennt man ſich in ſolcher lon“ übertragen wird.— Hier bringen die von Grimſel nach une 1 Einſamkeit und nach gemeinſam überſtandenen Mühen und Grindelwald auswandernden Strahleck⸗Gäſte gewöhnlich ihre
ſechlen Gefahren von einem braven Reiſegefährten. Wir nahmen, erſte Nacht zu. Auch ſolche, welche von Grindelwald kommen Fin durch den verhängnißvollen Bergſchrund getrennt, herzlich und ihre Kraft zu Ende fühlen, mögen hier eine zweite Nacht veit i von einander Abſchied, ihm noch die unterwegs theils leer, raſten; doch nur, wenn die eiſerne Nothwendigkeit dies gee ilt„ theils mit einem ſtärkenden Reſtchen zurückgelaſſenen Wein⸗ 3
bietet; ſonſt iſt es jederzeit räthlich, mit möglichſt wenig Unterbrechung dem Ziele zuzuſteuern.— Die letzten Stun⸗
flaſchen empfehlend,— und bald ſchallte das frohe Gejodel den auf dem Unter⸗Aargletſcher, nachdem man als äußerſten V
des Heimkehrenden wieder von den höchſten Spitzen der


