Jahrgang 
1857
Seite
286
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Wermuth. Beides von armen

thum an Bergkryſtallen und bildet einen nicht unbe⸗

Leuten, meiſt Hirten, geſammelt, trächtlichen Erwerbszweig der Gegend. Ich hatte mit mir ſelbſt und dem anfangs ſehr ſteil anſteigenden Wege hin länglich zu thun; doch mein Begleiter, gewandter und leicht füßiger als ich, behielt Zeit, mit dem Hirten Michel dieſen verborgenen Bergſchätzen nachzuſtreifen, und brachte auch wirklich davon alle Taſchen voll mit nach Hauſe. Das lockre, theils mit dünner Schneelage überdeckte Gneis⸗Gerölle um den Fuß der Strahleck verliert ſich allmälig, und wir ſteigen eine geraume Zeit mit mehr Sicherheit unter den Füßen große, mächtig über einander gelagerte Granitblöcke

bleiben hinter den Felſen zurück, welche wieder nackt und ſchroff hervortreten. Wir athmen leicht und wähnen, damit ſei auch alle Gefahr und Mühe hinter uns. Doch keine zwei Minuten der ſüßen Beruhigung und wir ſtehen, um eine ſcharfe Ecke biegend, urplötzlich auf einem kleinen holpri⸗ gen Felſenvorſprunge am Rande des erſchreckendſten Ab⸗ grundes. Wir beben davor zurück; denn ſchauerlich tönt es von den Lippen der Führer:Hier geht es hinunter.

Eine ſenkrechte, zackige Felswand hinab von etwa halb⸗ ſtündiger Tiefe, nur hie und da in Entfernungen von je dreißig Schritten durch ähnliche Felsvorſprünge unterbrochen wie der, woran wir uns eben feſtgeklammert halten, zu klein, um dem ängſtlichen Auge als beruhigende Anhalts⸗

hinan, welche uns raſch in die Höhe fördern, dabei oft von

einem jähen

Vorſprunge herab einen wundervollen Rück⸗ punkte zu dienen. Zum Glücke ſieht die Sache ängſtlicher blick in das eben verlaſſne Gletſcherthal gewährend. Doch aus, als ſie in der Folge ſich bewährt, und mit zwei tüchtigen

plötzlich hört die ſichre Grundlage auf, und wir ſtehen vor einem weiten Eismeere, gerade damals durch friſch gefallne

Führern zur Seite müßten für eine wirkliche Gefahr ganz eigenthümliche Zufälle Scchneemaſſen beſonders unſicher gemacht, da dieſe nach unſrer

eintreten. Der Wandrer nämlich wird mit einem etwa vierzig Fuß langen, ſehr ſtarken Seile

17 Sceette hin den ganzen Gipfel des

Berges gleichmäßig bedeckten, mit ihrem ſtarren, öden, ſpurloſen Einerlei alles und jedes, Riffe und Abgründe, formlos umhüllend. Hiezu kam, daß die bis jetzt ſtandhaft mit den Wolken kämpfende, in Streif⸗ lichtern auf- und niedertauchende und die Scene beleuchtende Sonne plötzlich verſchwand und dichte Nebel drohend aus dem Thale heraufzogen. Zugleich heulte es wild und ſchaurig V durch die Luft, und ein Sturm, wie ich keinen je zuvor erlebt hatte, peitſchte ſeine toſenden Wogen uns entgegen. Die Führer ſahen ſich zweifelnd an; es war ein bedenklicher Augenblick, die nächſte halbe Stunde die beſchwerlichſte, wo nicht gefährlichſte des ganzen Tages. Doch da half kein Beſinnen, wollte man nicht das Schlimmſte, die vom Sturme

umgürtet, welches einer der Führer, auf der ſichern Felsklippe

zurückbleibend und gegen dieſelbe angeſtemmt, ſtraff geſpannt in Händen behält, während der andre vorangeht, mit Händen und Füßen an den vorſpringenden, theils zerbröckelten Zacken und Riffen ſich haltend. Wir folgen behutſam all ſeinen Bewegungen nach, und kommt ja eine Stelle, wo die größre Entfernung von einem Anhaltspunkte zum andern für unſre weniger geübten oder kürzern Beine bedenklich wird, ſo ſtemmt er, mit dem Bauche platt gegen die Felſen gedrückt, ſeine beiden Ellbogen auf und bildet ſo für unſre Füße in

ſeinen ausgehöhlten Händen eine ſichre Zwiſchenſtation.

Zugleich läßt der oben Zurückgebliebene nach Maaßgabe

unſrer Senkung an dem Seile nach, ſo daß, ohne in der

freien Bewegung merklich gehindert zu ſein, wir für den Fall eines Fehltrittes vor dem Sturze geſichert bleiben und,f an der Leine feſthangend, den ſchlüpfrigen Boden leicht wie⸗ der gewinnen. Es kann dieſe Vorſicht keinem noch ſo ge

noch zurückgehaltnen Nebel, erwarten. Nach einer kurzen Berathung, ob rechts, ob links, worin Michel die Oberhand behielt, ſchritt dieſer behutſam voran, jeden Schritt feſt in ddie dichte Schneelage einſtampfend,

und wir andern folgten

A Fuß in Fuß einander nach. Doch je höher wir kamen, le wandten Bergſteiger ſchaden; denn wie Michel in ſeiner 1 1 gräßlicher tobte es um uns her; immer ſchwerer wurde der lakoniſchen Weiſe meinem etwas wagehalſigen Begleiter ganz nn Athem; wir hielten uns mühſam aufrecht. Mein Führer, richtig bemerkte, indem er gleichmüthig in die ſchwindelnde 1 Andreas Jaun, erbot ſich mir zur Stütze, was ich dankbar Tiefe wies:da ſehen Sie hinunter, und geben Sie acht; 9 annahm. Er verließ den getretnen Pfad und ging, meinen denn wenn Sie ausrutſchen, ſind Sie verloren, ſo it Arm unterſtützend, mir dicht zur Seite. Doch nicht lange, es. Doch wir, die wir am Seile hangen, haben davon nichts

l ſo rächte ſich der Verſtoß gegen die Vorſicht, und der Arme zu befürchten. Wir gelangen ungefährdet von einem Vor hätte faſt ſeine Gutmüthigkeit theuer bezahlen müſſen; er ſprunge zum andern, wo wir jedesmal ſo lange raſten, bis ſank bis an den Hals in den weichen, unter ſeinen Tritten der nachkommende Führer uns eingeholt und das, ſobald wir A nachgebenden Schnee. Ich ließ jedoch meine Hand nicht feſt ſtehen, herabgelaſſene Seil wieder aufgenommen hat. voon der ſeinen los, bis er mit einiger Mühe ſich wieder Ehe wir aber ſo weit ſind und bis wir zum Bewußtſein 8 ddaran emporgearbeitet hatte und nun auf meinen Wunſch gelangen all der Vorſichts⸗ und Sicherheitsmaaßregeln, wo⸗

in den gangbaren Pfad zurücktrat. So näherten wir uns mit man uns umgiebt, wird ein jeder, welcher ſo wie wir

vom Sturm durchpeitſcht, erſchöpft, alle Nerven fieberhaft erregt, plötzlich auf die ſchmale überhängende Felsſpitze vor tritt und das verhängnißvollehinunter hört, ſich eines lauten oder geheimen Schreckens nicht erwehren können. Ich

V

G dem erſehnten Ziele, doch leider diesmal ohne im Vollge

nuſſe der ſo mühſam erbeuteten Früchte zu ſchwelgen, bei deren Beſchreibung ſelbſt die roheren Naturen der Führer in

preiſenden Jubel ausbrachen. Während der kurzen Friſt, 1 woo wir, dem Unwetter trotzend, auf dem Gipfel ausharren geſtehe, daß, über dieſem Abgrunde rathlos ſchwebend, ich von 1 konnten, war Alles um uns her in dichte Nebel gehüllt. Nur einer furchtbaren Beklemmung ergriffen wurde, und ſich in zuweilen dämmerte wie ein ungeheures Irrlicht eine ferne den geheimſten Falten meines Herzens etwas wie Reue regte. glänzende Schneekuppe dazwiſchen hervor und zog durch unſre Doch nur wenige Augenblicke der Faſſung bedarf es, nur Seele in ſehnſüchtiger Ahnung all der Pracht und Herrlich- eines einzigen unbefangenen Blickes in die gigantiſch, uner⸗ eeit, welche andre beglücktere Wandrer als wir, bereits ge⸗ meßlich vor uns ausgebreitete Natur, auf die zur Rechten ' ſchaut⸗ oder, vielleicht durch uns angeregt, dereinſt noch hoch in die Wolken ſich recende Rieſenpyramide des Fin⸗ hauen und uns davon erzählen mögen! ſteraarhorns, die unabſehbar durch die ganze meilenweit zu Hat man den Gipfel des Berges erreicht, ſo geht es in unſern Füßen ſich hinziehende Thalſchlucht ihre gewaltigen 1 aſcher Wendung um denſelben herum nach der gegenüber Eiſeswellen entſendet, um alle feige Schwäche einer klein⸗ 1 llegenden Seite, dort dieſelbe Höhe, welche man ſoeben er⸗ müthigen Menſchenſeele zu beſiegen. Sie liegt ſo groß, ſo klommen, wieder hinabzuſteigen. Sturm, Schnee und Nebel ungeheuer vor uns da, dieſe ſtarre, von den Menſchen ge⸗