Jahrgang 
1857
Seite
282
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derlegten, daß die ihnen folgenden Mädchen Mühe hatten, die Schwaden mit ihren Harken zuſammenzuraffen und in Garben zu binden, ohne zurückzubleiben.

Beim Anblicke dieſer ſtattlichen Mäherſchaar war es mir ſehr erklärlich, daß eins der Bataillone, welches zur Zeit der letzten ſiegreichen Kämpfe der Deutſchen gegen den Kaiſer Napoleon aus der jungen Mannſchaft dieſer Gegend gebildet wurde und ſich in allen Gefechten durch ſeine Tapferkeit hervorthat, den NamenLöwen⸗Ba⸗ taillon führte. Daß die Wenden auf dem linken Ufer der Niederelbe ein kräftiger Menſchenſchlag ſind, iſt nicht zu verwundern; ſind ſie doch die Nachkommen des Sla⸗ venſtammes, der von allen übrigen mit wilder Kühn heit am weiteſten gegen Weſten vordrang und welchen die Germanen trotz der erbittertſten Kämpfe nicht wieder über die Elbe zurückzudrängen vermochten!

Die daheimgebliebenen Frauen ſchienen unterdeſſen auch nicht müſſig zu ſein. Die aus den Schornſteinen aufſteigenden Rauchſäulen verriethen wenigſtens, daß in allen Häuſern des Dorfes tüchtig für die mähenden und bindenden Schaaren zugekocht werde.

Noch vor zwölf Uhr war der Roggen bis auf den letzten Halmen abgemäht. An mehreren weiter gegen Süden gelegenen Orten im wendiſchen Lande bleibt, wie mir der Pfarrer ſagte, auf einem Felde ein Buſch Rog genhalme, Vergodendeel genannt, bis zum Nachmittage ſtehen, wo ſämmtliche Mäher und Binderinnen nach beendigtem Schmaus wieder auf's Feld hinausziehen, einen Rundtanz um denſelben tanzen, ihn dann abſchnei⸗ den und im Triumph in's Dorf hineintragen.

Als ſich die jubelnde Schaar, die Senſen und Har⸗ ken auf der Schulter und Sträuße von Aehren und Korn⸗ blumen auf dem Hut, zum Heimzuge anſchickte, wander ten wir raſch nach dem Pfarrhauſe zurück, vor welchem bereits ein mit vier ſtattlichen Pferden beſpannter, mit dreiStühlen verſehener und mit Zweigen und Korn blumenguirlanden geſchmückter ſtandfeſter Bretterwagen hielt das uns von dem Halbhufener verheißene Gefährt.

Eine Viertelſtunde ſpäter hatten ſämmtliche Pfarr⸗ hausbewohner ein Plätzchen auf dem ländlichen Trans⸗ portmittel gefunden, und mit luſtigem Peitſchenknall ging's die breite Dorfgaſſe entlang hinein in die mittagsſtillen, im Sommerſonnenſchein ſchillernden Felder.

Ich hatte ſchon manche raſche Fahrt auf leichtem Jagdwagen mit rüſtigem Geſpann imeiſenbahnloſen wendiſchen Lande gemacht, aber mit ſolch einer ſauſenden Eile war ich noch nicht durch dieſe geſegneten Gaue dahin⸗ geflogen. Der ſtämmige Sohn des ien ufnes der die glänzendbraunen Roſſe lenkte, ſchien ſich auch nicht wenig auf ſeine Geſchicklichkeit im Fahren einzubilden, und als der Pfarrer ihn ſcherzend ermahnte, Kunſtfertig keit demnächſt einmal mit einem Sechsſpänner*) zu zei⸗ gen, lächelte er verſchmitzt und erwiderte, ſobald die bei⸗ den Füllen ſeines Vaters zum Ziehen tauglich ſeien, wolle er den Verſuch machen, ob ſie ſich vor ſeine vier Braunen vorſpannen laſſen.

Unmittelbar vor der Einfahrt in's Dorf hatten wir noch eine eigenthümliche Begegnung. Ein großer Haufe von jungen Pferden, der auf einer Wieſe ansluß gewei⸗ det hatte und von dem Hirten durch lauten Zuruf und Peitſchenhiebe zur Heimkehr angetrieben worden war,

*) Im wendiſchen Land iſt es Sitte, daß der Bräutigam ſeine

Braut mit einem ſechsſpännigen Wagen vom Hauſe ihrer Aeltern abholt.

kam mit fliegenden Mähnen in vollem Gallopp daherge⸗ ſtürmt und ſauſte rechts und links an unſerm Wagen vor⸗ über, daß die Erde bebte. Einige Minuten ſpäter war nichts mehr von der unbändigen Schaar zu ſehen; nur der Hufſchlag ſchallte noch wie ferner Donner herüber.

Die Pferde gehören im wendiſchen Lande zu den bevorzugten Hausthieren. Faſt jeder Hofbeſitzer zieht eine Anzahl junger Pferde auf; beſonders geſchieht dies in den Dörfern, die von ausgedehnten Wieſengründen und Weiden umgeben ſind. Dieſe Vorliebe ſcheint noch aus der Heidenzeit herzuſtammen, wo das Pferd in hohem Anſehen unter den Wenden ſtand und ſelbſt in der My thologie eine Rolle ſpielte. Dem Swantewit, dem ober⸗ ſten Wendengott zu Arkona, war ein weißes Roß gehei⸗ ligt, welches der Oberprieſter allein füttern und reiten durfte und auf welchem dem Volksglauben zufolge Swan⸗ tewit allnächtlich auszog, um gegen die Feinde ſeines Glaubens zu kämpfen.

Daß die echt wendiſchen Dörfer in Hufeiſenform er⸗ baut ſind und daß das Lieblingsbackwerk der heutigen Wenden ein Paggeleitz genannt dieſelbe Geſtalt hat, hängt ohne Zweifel auch mit jener Vorliebe zuſammen.

Die laute und wilde Fröhlichkeit, mit welcher das Ern⸗ tefeſt ſelbſt in den wendiſchen Gauen gefeiert wird, ſcheint ebenfalls ein Ueberreſt der Heidenzeit zu ſein; denn bei dem Erntefeſt in Arkona, einem der Hauptſitze des alten wendiſchen Götterdienſtes, überließ ſich das Volk nach den Ceremonien in und vor dem Tempel ganz dem Schmauſen und Zechen; Mäßigkeit ward Jedem als eine Sünde an⸗ gerechnet.

So viel iſt wenigſtens gewiß, daß die wendiſchen Gäſte, welche der Halbhufner geladen hatte, bei dem Mittags⸗ eſſen, das gleich nach unſrer Ankunft im Hauſe des letz⸗ teren begann, einen Appetit entwickelten, der ſtark an den der alten heidniſchen Wenden in Arkona erinnerte. Mäch⸗ tige Schüſſeln voll Fleiſch, Gemüſe, Kartoffeln und ge⸗ kochten Pflaumen wurden aufgetragen; aber wie am Morgen die dichten Halmmaſſen auf den Roggenfeldern unter den Senſen der kräftigen Burſchen geſunken waren, ſo ſanken jetzt die Fleiſch- und Gemüſegebirge auf den Schüſſeln unter den ſcharfen Meſſern und Gabeln der von allen Seiten Einhauenden. Es galt aber nicht allein, ſich nach der kurzen Morgenarbeit zu reſtauriren, ſondern ſich auch für die bedeutend angreifendere Nachmittags⸗, Abend⸗ und Nachtarbeit, d. h. für das Tanzen zu ſtärken, welches bei derAuſt mit ganz beſondrem Eifer und auf eine ganz beſondre Art betrieben wird. Nach altem Brauch wird nämlich nicht nur in einem Hauſe des Dorfs ge tanzt nein, alle müſſen davon profitiren, obgleich in jedem nur wenige Tänze ausgeführt werden. In kleinen Dörfern iſt die Runde bald gemacht, aber in großen Orten pflegt das Morgenroth gewöhnlich zum Schlußtanz zu leuchten.

Nachdem von Allen im Vertilgen der wendiſchen Lieb⸗ lingsgerichte das Mögliche geleiſtet worden war, brach die tanzluſtige Jugend unter lautem Jubel nach dem Hauſe des Schulzen auf, worin ſie die erſte Probe ihrer Kunſt⸗ fertigkeit ablegen ſollte, und gemeſſenen Schrittes folgten ihr die geſetzten Männer und Frauen, denen wir uns an⸗ ſchloſſen.

Das umfangreiche Dorf mit ſeinen ſtattlichen ſpitz⸗ giebligen, blau und roth angeſtrichnen Häuſern, mit ſeinen hohen Eichen und Eſchen und den netten Gärten und weidenumkränzten Wieſen bot in dieſem Augenblick ein ſehr