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N 26.— 7 1857. V 8 Illuſtrirtes Volksblatt. 8 —,ͤ———— G Herausgegeben von Heinrich Schwerdt.
Wöchentlich 1 ½— 2 Bogen. Durch alle Buchhandlungen und alle Poſtämter des Fürſtl. Thurn⸗ und Taxis'ſchen Poſtgebiets für 12 ½ Ngr., und im Deutſch⸗Oeſterreichiſchen Poſtvereinsgebiete für 15 Ngr. vierteljährlich zu beziehen.
Ein wendiſches Erntefeſt.
Von Eduard Ziehen.
— Die germaniſchen Bauern in Niederſachſen wird gewiß Niemand der Trägheit beſchuldigen wollen; wer ber um die Erntezeit von ihren Dörfern und Feldern in ddie wendiſchen Gaue auf dem linken Ufer der Niederelbe wmandert, der wird geſtehen müſſen, daß die Bewohner ddeer letzteren einen Fleiß beſitzen, hinter welchem die Thätig keit ihrer germaniſchen Nachbarn weit zurückbleibt. So bald die erſten grauen Morgenſtreifen am öſtlichen Him⸗ mael erſcheinen, zieht Jung und Alt hinaus auf Wieſe und Feld und kehrt nach kurzer Mittagsruhe erſt ſpät am Abend in's Dorf zurück, um daheim bis tief in die Nacht hinein häusliche Arbeiten mancherlei Art zu verrichten. V Für ſolchen unermüdlichen Fleiß wiſſen ſich die Wen⸗ Qddeen aber auch zu belohnen und übertreffen in dieſer Be⸗ ziehung ebenfalls ihre deutſchen Nachbarn, welche bei weeitem nicht ſo viele Volksfeſte feiern und ſich bei den Luſtbarkeiten, die ſie veranſtalten, auch nicht einer ſo un⸗ gebundenen Fröhlichkeit überlaſſen, als die Wenden.
iſt die„Auſt“ oder das Erntefeſt, welches jedes Dorf an dem Tage feiert, wo die letzten Roggenfelder gemäht werden.
Schon oft hatte ich von dieſer Luſtbarkeit gehört, allein gs dahin keine Gelegenheit gefunden, derſelben beizu— teyhnen. Ein längerer Aufenthalt bei dem Pfarrer in —em Kirchſpiel inmitten eines der geſegnetſten Wenden⸗ che verſchaffte mir endlich das Vergnügen, zu ſehen, annwelche Weiſe ſich deſſen Bewohner von ihren anſtren⸗
Eine derartige redliche Belohnung für redlichen Fleiß
genden Erntearbeiten, die ich oft mit ſtiller Bewunderung angeſchaut, zu erholen wußten.
Am Tage vor der„Auſt“ in einem benachbarten Dorfe erſchien einer der wohlhabendſten Halbhufner bei dem Pfarrer und lud ihn nebſt ſeinem ganzen Hauſe zu dem Feſte ein, indem er hinzufügte, er werde morgen Wagen und Pferde ‚„zur rechten Zeit“ ſenden.
Da wir wußten, daß mit dieſer„rechten Zeit“ die Mittagsſtunde gemeint ſei, wo in allen Häuſern mit den von nah und fern herbeigekommenen Verwandten und Bekannten geſchmauſt und gezecht wird, ſo wanderten wir einige Stunden zuvor nach der Feldmark des jubili renden Dorf's, um das dem Feſt voraufgehende fröhliche Getümmel auf den Roggenfeldern anzuſchauen. Nach altem Brauch läßt nämlich jeder Hofbeſitzer von ſeinem Roggen ſo viel bis zum Erntefeſttage ungemäht, als bequem an einem Morgen geſchnitten, gebunden und in
„Hocken“ aufgeſtellt werden kann. Um dieſe einem Spiel gleichgeachtete Arbeit vorzunehmen, ziehen dann alle rüſti⸗ gen Männer und Frauen, Burſchen und Mädchen in der Frühe hinaus auf's Feld, wo die einzelnen Partien luſtig mit einander wetteifern, wer zuerſt mit der Arbeit fertig ſein wird.
Als wir dort anlangten, waren Alle ſo recht in voller. Thätigkeit begriffen. Es war gar anziehend, die kräftig gebauten, ſtattlichen jungen Männer zu betrachten, wie ſie langſam dahinſchreitend und mächtig ausholend mit jedem Senſenſchlag eine ſolche Maſſe von Halmen nie
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