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Der Au
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erhahn.
Von Berthold Sigismund.
Den in den nordamerikaniſchen Forſten heimiſchen Trut⸗
:„. 2 hahn, ſogar den Pfau, der in den immergrünen Wäldern
des warmen Oſtindiens zu Hauſe iſt und das Perlhuhn aus den ſonnenverbrannten Flächen Afrika's haben die Europäer eingeführt und erziehen dieſelben als Zierde ihrer Höfe. Das einheimiſche Bedeutende und Schöne wurde auch auf dem Hühnerhofe hintangeſetzt. Den ſchönen Birkhahn und den ſtattlichen Auerhahn, der wie der Auerochs durch ſeinen Namen an den deutſchen Urwald erinnert, ließen die Vogel⸗ züchter unbeachtet. Die waldfeindliche Civiliſation, welche mit dem Geräuſche von Axtſchlägen und dem Getöſe von Mühlen und Eiſenhämmern flußaufwärts bis auf die Ge⸗ birgskämme gerückt iſt, hat das Gebiet des Auerhahns, der ſich nur in ungeſtörter Waldeinſamkeit wohl fühlt, mehr und mehr eingeengt. Schon iſt er in vielen Forſten ausgerottet, und wenn ihn nicht die Jäger in⸗ ſoweit geſchont hätten, daß ſie in einigen Revie⸗ ren keine Hennen und von den Hähnen jährlich nur wenige tödten, ſo würde der herrliche Vogel, gleich den andern Bewohnern des germaniſchen Urwal⸗ des, dem Auerochs und Elennhirſch, ſchon lange in allen deutſchen Wal⸗ dungen ausgeſtorben ſein. Ziemlich häufig iſt er noch in den Wäldern Skandinaviens; in Thü⸗ ringen findet er ſich an einzelnen Punkten, ſelbſt in den Vorbergen des Thüringer Waldes, z. B. im Forſte von Paulin⸗ zella.
Das Katzhütter Revier des Thüringer Waldes bot mir
Gelegenheit, den ſeltenen Vogel näher kennen zu lernen. Im
Sommer bekommt man ihn nicht oft zu Geſicht; die gelegene Zeit, ihn zu ſehen und in ſeinen intereſſanteſten Eigenthüm⸗
lichkeiten zu beobachten, iſt der Anfang des Frühjahrs, und
zwar die erſte Morgenfrühe. Wir übernachteten, nachdem wir auf den„Geräumden“(Waldwieſen) der unteren Berg⸗ rücken die Dämmerungsflüge der im Walde niſtenden Schnepfen beobachtet hatten, in einem Jagdhauſe auf dem Gipfel des 2580“ hohen Wurzelberges, welches in der Mitte uralter Tannen liegt. Es war im Anfange des April, an manchen wenig beſonnten Stellen des Berges lag der Schnee
noch knietief. Aber ſchon flöteten die Droſſeln und Ziemer
ihre lieblichen Abendgeſänge; als ſie verſtummten, ließ das Rothkehlchen noch lange ſein melancholiſches Stimmchen hö⸗ ren, bis auch dieſes ſchwieg und das mit der Dunkelheit immer mehr anſchwellende orgelartige Brauſen des Waldes nur noch durch den ſüßen Geſang einer einzigen Baumlerche oder den ſchauerlichen Ruf der Eulen unterbrochen wurde.
Der Auerhahn.
Die geſpannte Erwartung und das kniſternde Stroh⸗ lager ließen uns nicht zu feſtem Schlafe kommen. Vor drei Uhr erwachten wir und ſchritten, nach Bereitung eines wär⸗ menden Morgentrunkes, der Waldpartie zu, in welcher das Auerwild den Sommer und Winter verbringt. Es iſt eine nach Süd und Oſt gerichtete Berglehne, welche mit alten Buchen und uralten mächtigen Tannen bewachſen iſt, von denen einige 150 Fuß Höhe und 25 Fuß Umfang haben, und in deren Nähe ein forellenreicher Waldbach über Schiefer⸗ blöcke rauſcht.
Es galt, die Auerhähne zu„verhören,“ d. h. ihre Stand⸗ bäume durch ihren Morgenruf herauszufinden. Der Hahn verbringt die Nächte einſam auf einem hohen Baume, und lockt im Frühlingsanfange die Hühner, deren er vier bis fünf zu Gemahlinnen wählt, durch eigenthümliche Laute an ſich. Die Jäger nennen dieſes Morgen⸗ ſtändchen, welches der Liebhaber von der Höhe aus herunter tönen läßt, das Balzen des Auer⸗ hahns. Das Balzen der Birkhähne war mir be⸗ kannt, ich hatte ſchon frü⸗ her ihre ſonderbaren ziſchenden, blaſenden und kollernden Laute gehört und ihre grotesk⸗komi ſchen Poſituren geſehen, womitſie ſich ihren Weib⸗ chen etwa ſo liebenswür dig präſentiren, wie der Clown einer Reiterbude ſeiner Patronin. Nun war ich ſehr geſpannt darauf, zu ſehn, wie ſich der ernſte Auerhahn als gefallſüchtiger Liebhaber
benehme.— Mit vorſichtigen Schritten ſchlichen wir in die ſchwarze Tiefe des ſanft brauſenden Waldes. Noch ſchliefen alle Vögel. Zuerſt erwachte, gegen 4 Uhr, das Rothkehlchen, das geſtern Abend zuletzt verſtummt war, dann erhoben Meiſen, Droſſeln und Ziemer ihre Stimmen. Erwachen und Singen ſcheint bei ihnen gleichzeitig einzutreten. Nach vielen Kreuz⸗ und Quergängen über Moospolſter und Schneereſte und nach vielmaligen Stillſtänden, um aufmerkſam zu lauſchen, blieb unſer Führer mit vorgebeugtem Kopfe ſtehen und winkte mit der Hand. Der Neuling, der etwa nach dem Maßſtabe der lauten Morgenſignale des Haushahnes von dem viel größern Auerhahne eine mächtige Stimme erwartet, überhört leicht den Balzruf. Die erſte Strophe deſſelben(wenn man von Lauten, die eher Geräuſch als Töne ſind, dieſen Ausdruck brauchen darf) klingt, wie wenn man mit der Klinge des Federmeſſers an einen hölzernen Federhalter ſchlägt; die Jäger nennen dieſen Laut das Klippen, Schnappen oder Klappen, und manche können ihn durch Schnalzen mit der Zunge ziemlich nachahmen. Wahrſcheinlich wird das Ge⸗
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