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es anders ſein? Soweit die Erinnerung dieſer Kinder reicht lebten ſie ſtets während der Sommermonate, von Juni bis Oktober, durch die ungeheuerſten Eismaſſen von jeder Außenwelt geſchieden, in dieſen Bergen. Hier iſt ihre Welt, und das Einz zige, was dieſe belebt, was ihre jungen Herzen mit Liebe und Sorge erfüllt, ſind ihre Ziegen, muntere, ihnen an Kraft und Größe ebenbürtige Geſchöpfe. Ihnen widmen ſie während der langen einſamen Tage, wann der Vater einer fernen Gemsſpur nachjagt, alle Pflege und empfangen dagegen von den dankbaren Genoſſen ihre tägliche Nahrung an Milch und Käſe, welche erſtere durchaus ſchmackhaft iſt und keine Spur eines oft ſo widerlichen Beigeſchmackes trägt. Zur Unterhaltung von Kühen reicht das ſpärliche Futter nicht aus. Der Ziegenkäſe, von dem Hirten ſelbſt bereitet, wird nicht zu Markte gebracht, ſondern dient als Wintervor⸗ rath, d. h. zu Kartoffel und Brod für Morgen, Mittag und Abend als tägliche Beilage; von dem Abfalle werden einige Schweine gemäſtet.— Wir kamen auf der Senne gerade zum Abendmelken an. Für das ungewohnte Auge des Städters giebt es kein poſſirlicheres Schauſpiel! Michel, den Melkſtuhl, ein nach unten trichterförmig zugeſpitztes, hölzernes Geſtell, mit einem le⸗ dernen Gurt um die Hüften befeſtigt, ſo daß er ohne Handhülfe be⸗ quem an jeder beliebi⸗ gen Stelle aufſitzen kann, eine kleine, Salz auf der Bruſt, den Melkkübel zur Hand, erſcheint, nnd ſogleich eilen die Vorderen, d. h. die Klügſten und Aelte⸗ ſten, die Veteranen der Heerde, welchemithell⸗ klingenden Glöckchen um den Hals vor den übrigen ausgezeichnet ſind, ſchellend und lär⸗ mend herbei. Ihnen folgt ein beträchtlicher Schwarm der Jüngern nach, und nun bedarf es nur weniger Hände voll Salz, nach rechts und links unter die fröhlich blökende Heerde ausgetheilt, um alle übrigen, noch zerſtreut umhergraſenden Ziegen ſchnell zu verſammeln. Es iſt dies ihr höchſter Leckerbiſſen, und mit wenigen Körnern belohnt, halten ſie regungslos über dem Melkkübel ſtille, ja drängen und drücken ſich um den verführeriſchen Salzbeutel herum mit einer Zudringlichkeit, welcher nicht ſelten durch eine derbe Ohrfeige von der maſſiven Hand des Hirten muß geſteuert werden.— Wir ſchüttelten uns vor Lachen und folgten in heiterſter Stimmung dem Rufe der Führer, welche inzwiſchen ein frugales Abendmahl bereitet hatten. Zuerſt Kaffee mit Ziegenmilch, zwar in keiner kunſtreichen Maſchine gebraut, doch auch nicht kunſtreich durch Cichorien⸗Beiſatz ergänzt. Er ließ ſich aus den kleinen hölzernen Milchhäfen zu Brod und Käſe recht wohl genießen. Uebrigens hatten auch unſere Führer den Proviantſack mit Fleiſch und Wein in verſchie⸗ denen Sorten reichlich ausgeſtattet, und wir waren ſo recht im behaglichſten Genuſſe, als, durch die offne Sennthüre
Der Bergſteiger.
mit gefüllte Taſche
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ſichtbar, an der gegenüber liegenden Felswand ein wunderbar zauberiſches Bild vor unſern Blicken vorüberzog und uns mit einem ſtaunenden Ausrufe des Entzückens in das Freie trieb.
Der eben noch dunkle Felskoloß lag plötzlich wie durch einen Zauber verklärt in dem roſigſten Lichte vor uns da. Dieſe Wandlung geſchieht ſo ſchnell, ſo überraſchend, daß wir ſie nicht eher begreifen, bis im Weſten eine gelbliche Färbung uns an die draußen untergehende Sonne mahnt. Sie ſelbſt ſehen wir nicht. Nur einen lichten roſigen Schleier hauchen ihre verlöſchenden Strahlen über dieſe Welt ewigen Eiſes und Schnee's,— ein duftiges Zauber⸗ gewebe, welches, von den höchſten öſtlichen Bergſpitzen ſanft icdeoſeend, langſam die langen ſchneeigen Felswände hinabſchwebt und ſterbend untertaucht in die gewaltigen Eiswellen des Thales. Nie habe ich Aehnliches geſchaut. Wohl iſt es prächtig, im vollen Anblick der untergehenden Sonne zu ſtehen, wie ſie, eine leuchtende Kugel, ſich hinter
den Erdball ſenkt, ein ungeheures Flammenmeer über die ganze
zitternde Landſchaft verbreitend; laut jubelnd ſinken wir da in den Schoos dieſer raſtlos kreiſenden, ewig ver ſchlingenden, ewig gebürenden Mutter Natur. Hier aber,
Die Jungfrau von der Wengern Alp aus.
vor dem„Alpenglühen“, ſtehen wir ſtumm, in heiliger An⸗ dacht; mit dem Hauche unſres Mundes fürchten wir die Lichtgeſtalt zu verſcheuchen, welche magiſch, zaubriſch über unſerm Haupte dahin ſchwebt; längſt verblichne Mährchen unſrer Kindheit erſtehen aus ihrem Grabe; holde Feen wallen vorüber und ſchütteln aus dem lichten roſigen Gewande alle Zauber der tauſend arabiſchen Nächte über uns aus. Be⸗ ſeligt kehren wir in die kleine Hütte zurück, und bald um⸗ gaukeln die lieblichſten Phantaſien unſer ärmliches Lager. Der Schlaf nach ſo manchen erſchütternden Aufregungen, an einem fremden Orte und unter ſo ungewohnten Ver⸗ hältniſſen iſt ſelten erquickend. In dem leichten Schlummer werden wir häufig durch ein donnerndes Getöſe erſchrecht welches dicht neben uns einher zu rollen ſcheint. Wir fahren jäh in die Höhe, betaſten die rauhe, zugige Wand, das Heu⸗ lager, die Wolldecken, und legen uns beruhigt wieder zurüc, die ſchauernden Glieder feſter umhüllend; dies iſt die Senne, dies iſt Gletſcherluft,— und wir ſchlafen ſicher neben dem Sturze der Lawinen. (Ein zweiter Artikel in der nächſten Nummer.)


