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wiederholt unſerm Unternehmen den glücklichſten Ausgang. Bald kommt die erſte dem Neuling bedenkliche Stelle. Der Pfad hört plötzlich auf, und an der ſteilen Felswand liegt, über den Abgrund leitend, ein ſchmales hölzernes Bret, das den zerriſſenen Faden ergänzt; gegen die Felswand ge⸗ drückt ſchleicht man darauf hinüber. Doch wie reich iſt man für die kleinen Mühen belohnt!— Kaum wenige Stunden hat man eine leckere Tafel, menſchliche Wohnung und luſtig blökende Heerden verlaſſen, kaum ebenſo viele Minuten die üppigſten Landſchaftsbilder ans den Augen verloren, ſo ſteht man ſchon im vollen Anblick einer neuen, wunderreichen Schöpfung. Zur Seite des Mettenberges hinwandelnd, welcher den Fuß der Schreckhörner bildet, ſehen wir vor uns die beiden Rieſenſäulen, Eiger und Wetterhorn, die Südſeite des Thales ſchließen, während zu unſern Füßen zwiſchen Eiger und Mettenberg der untere Grindelwald⸗Gletſcher ſeine gewaltige Eiſesmaſſe hervorwälzt und das Auge an ſeine wunderbar glänzenden Eis⸗Minarets(Gletſchernadeln) feſſelt. In den großartigſten und phantaſtiſchſten Formen ſteigen ſie empor, zerklüftet, geſpalten, an jähen Abgründen wild übereinandergeſtürzt, zu prächtigen haushohen Grotten zuſammengewälzt, deren innere wunderbare Wölbung den reinſten Azur widerſtrahlt. Und in den Tiefen dieſer Co⸗ loſſe und unabſehbaren Schlünde ein ewiges Raſen und Toben und Auseinanderberſten mit donnerähnlichem Getöſe! Wenn wir dann bedenken, wie dieſe Maſſen rücken und wei— chen und die ſtattlichen Felsblöcke im gewaltigen Drange leicht wie eine Feder vor ſich herſchieben, ſo erfaßt uns ein heiliger Schauer, und wir ſtehen einen Augenblick zweifelnd ſtille da, wo wir den erſten Fuß auf dieſe im Leichen— kleide ſo gewaltig unter uns dahin grollende Natur ſetzen ſollen. Erſt kommen die hoch über dem Eiſe aufgeſchich⸗ teten Moränen, welche nicht ohne Mühe zu überſchreiten ſind. Dieſe von den vorrückenden Gletſchern aufgewühlten und bis zu deren Ausgange mitgeführten Schuttmaſſen bilden hier einen Wall von Trümmern, welcher dem Mineralogen oder Geognoſten eine intereſſante Sammlung der Geſteine und Mineralien der geſammten Gletſcherumgebung liefern könnte. Der Laie ſchreitet darüber hinweg, nur bedacht, dem Fuße ſtets eine feſte Grundlage zu geben, weil das unſichere feine Gerölle ihn leicht in eine unwirthliche Kluft mit hinabziehen könnte. Eine Viertelſtunde dieſer unſteten ſchwankenden Be— wegung ermüdet mehr, als eine Meile auf feſtem Boden, und man fühlt nach einigem Herumrutſchen auf der wan⸗ kenden Maſſe mit nie gekannter Sicherheit den glatten, feſten Eisboden unter den Füßen.— Doch nicht lange gewähren dieſe tief geſchründeten, täglich in ihrer Lage wechſelnden, oft nur trügeriſch überglaſten Hügel ſelbſt dem geübten Führer ſichern Halt. Von ihren glänzenden Nadeln rings umſtarrt, und dieſe wieder hoch überragt von den gigantiſchen Kuppen
des Eiger, der Schreck⸗ und Vieſcher⸗Hörner, deren äußerſte Spitzen vergoldet ſind von einer fernen, hier unten längſt
nicht mehr ſichtbaren Sonne, kommen wir nur langſam dem Zäſenberge, unſerm heutigen Nachtquartier, nahe. Ein mehrmal wiederholtes Gejodel der Führer wird von dem gegenüberliegenden Berge erwiedert, wo in beträchtlicher Höhe die nackten Felſen ſtellenweiſe mit Moos und blumigem Graſe bekleidet ſind. klimmend der Sennhirte Michel die beſten Futterſtellen für ſeine Heerde, theils eigne, theils fremde Ziegen, die ſeiner Sorgfalt anvertraut ſind. er raſch mit ſeinem klingenden Gefolge die ſteilen Wände herab, und über eine kleine Weile erblicken wir die beſcheidene Sennhütte an einen ungeheueren Felſen gelehnt, welcher, wie
Hier ſucht von Felſen zu Felſen
Auf den Ruf der Führer ſteigt
eine ſorgliche Mutter den Säugling, mit ausgeſpreitzten Armen ſie ſchützt gegen die Wucht der Lawinen. Wir treten ein.
Wer ſchlechtere Hütten der Art geſehen, iſt angenehm überraſcht; wer aber die überſchwänglichen Träume einer idylliſchen Romantik mit hineinträgt, wird ſich, wie überall in der ländlichen Praxis, bitter enttäuſcht ſehen. Das Ganze iſt ein aus rohen Steinen durchaus nicht luftdicht zu— ſammengemauertes Erdgeſchoß, ohne Fenſter und mit einem hölzernen Schweizerdache überwölbt. Der etwa neun Fuß lange und ebenſo breite Raum, welcher dem Sennhirten als Wohn⸗ und Schlafgemach dient und in vorkommenden Fällen dem Gaſte abgetreten wird, iſt zur Hälfte mit der breiten Schlafſtelle aus gezimmerten Balken verſtellt. Den übrigen Raum nehmen drei dem Bett entſprechende Stühle, das Kamin,— ein von der Erde ſich mäßig erhebendes Stein⸗ gerüſte, worauf die am jenſeitigen Berge mühſam geſam⸗ melten Holzſchichten verkohlen,— und in der Ecke ein anſehn— licher Holzklotz vollkommen ein, ſo daß mehrere Menſchen höchſt friedlich hier neben einander leben müſſen. Ein an der Mauer befeſtigtes Bret dient den verſchiedenen Milchhäfen und Käſeformen als Unterlage. Auch ſieht man wohl eine alte Oelflaſche, den Salzſack oder die unvermeidliche Tabaks⸗ pfeife an der Wand hängen; im Ganzen jedoch iſt es reinlich und damit wohnlich. Das nöthige Kochgeſchirr wird erſt in hellem Waſſer geſäubert,— nicht, wie ich dies in unweg— ſameren Gegenden Tirols gefunden, mit dem an der Zunge befeuchteten Finger der Sennerin,— und auf dem guten Heulager trifft man bereits die gaſtliche Einrichtung wohl— beſtellter Kiſſen. Dabei tragen die Führer Sorge, alles durch friſche Linnen und warme Wolldecken zu ergänzen. Letztere namentlich kommen trefflich zu ſtatten, wenn bei Nach die froſtige Zugluft von allen Seiten durch das loſe Gemäuer auf uns eindringt.—
Michel, der Hirt, iſt ein ſtämmiger, breitſchultriger Burſche mit einem gutmüthigen, jovialen Geſichte, nicht ohne Verſchmitztheit in den hellen blauen Augen. Bei Schlafen— gehen bemerkten wir eine Flinte über der Bettſtelle hangen, und da wir folgenden Tages auf unſrer Wanderung die erſte Gemsfährte trafen, brachte ich beides in natürliche Verbin⸗ dung und frug unbefangen den Hirten, ob er auch Jäger ſei? — Er zwinkerte mit den Augen und ſprach:„Es iſt ver⸗ boten.“—„Ah,“ meinte mein Begleiter,„da habt ihr wohl die Flinte zu eurem Schutze?“—„Ja.“—„Und wenn euch eine Gemſe anpackt, ſo ſchießt ihr ſie eben nieder? Es iſt Nothwehr.“— Die Führer lachten unmäßig. Er aber erwiederte gelaſſen:„So iſt's, Herr!“— in einem Tone, worin eine ganze Gemſenbrut, Vater, Mutter, Kinder ver⸗ borgen lag.— Von unſern Führern erfuhren wir bei dieſer Gelegenheit, daß jeder Fremde gegen eine Gebühr von etlichen Franken freie Jagderlaubniß auf zehn Tage von der eidge— nöſſiſchen Regierung erbalte, und Michel erbot ſich für dieſen Fall meinem Begleiter als Führer, hoch betheuernd, ihm binnen drei Tagen zu einem ergiebigen Gemsſchuſſe zu verhelfen.
Das Waidwerk betreibt Michel allein; im Hirtengeſchäfte wird er von ſeinen zwei Knaben unterſtützt, ſchmächtigen, aber geſunden Jungen von etwa zehn Jahren. Es iſt poſſir⸗ lich und zugleich rührend anzuſehen, in welch' innigem Ver— hältniſſe dieſe beiden kleinen Hirten zu der ihnen anvertrauten Heerde ſtehen. Wie ſonſt Schulkinder zu thun pflegen, ſo ſpielen hier Knabe und Ziege mit einander. Sie ſpringen und ſchäkern, ſtoßen, prügeln und umarmen ſich in drolliger Abwechslung und beſtem Einvernehmen. Und wie ſollte


