Jahrgang 
1857
Seite
274
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bei den Schweizern ſelbſt noch eine Spur jener kräftigen, geſunden Urſprünglichkeit zu finden ſei, wie ſie unverdorbenen Gebirgsvölkern eignet. Da iſt kaum ein lautrer Gedanke, kaum eine wohlwollende Empfindung; in unſern blaſirteſten Geſell⸗ ſchaften findet ſich kaum mehr Schein, auf unſern berüchtigt⸗

dieſer zur Schau geſtellten, ſtattlich herausgeputzten Schweizer⸗ hütten. darauf aus, wie man die leichtgläubigen Gäſte betrüge oder von ihren Leidenſchaften zehre. Hunderte ſind es, die davon leben, und es iſt, als ob mit dem Golde auch alle Laſter und Gebrechen der verſchiedenen Nationen hier eingekehrt wären und ihre traurigen Folgen zurückgelaſſen hätten. Die Sittenverderbniß an einzelnen Orten iſt ſo groß, daß wir, kleinere Sünder, dagegen uns einbilden könnten, tugendhaft zu ſein.

Wem es aber nicht um dies eitle Selbſtgefühl zu thun iſt, wer nicht an dem Flammenmeere von des Nachbars Hauſe ſich über den Brand der eignen Scheune tröſten mag, wer namentlich freien Sinnes, muthigen Herzens, geſtählt gegen Mühen und Beſchwerden die Schweiz beſucht, um an den ewig vollen Brüſten ihrer gigantiſchen Natur Leben und Stärkung und Labſal zu ſaugen, der folge nicht dem großen Zuge! Er verſuche es wenigſtens zeitweiſe die breite Bahn zu verlaſſen und Streifzüge in die wenig betre⸗ tenen Gletſcherregionen zu unternehmen. Hier iſt es, wo er ungetrübt die Wunder der Natur in ihrer vollen majeſtä tiſchen Hoheit ſchaut. Ich verweiſe damit nicht gleich auf die höchſten Eisrieſen Europas und erſchrecke nicht mit den gefürchteten Namen eines Montblanec, Finſteraarhorn oder Jungfrau, die mit ihren ewig umhüllten ſchneebedeckten Hupten hoch aus Wolken niederſchauen und uns kleine

enſchenkinder ängſten. Auf den Alpen, welche die na⸗ türliche Grenze der beiden Cantone Bern und Wallis bil⸗ den, lagern die drei Aar⸗, die beiden Grindelwald⸗, Aletſch⸗, Vieſcher- und andere Gletſcher ſich zu einem gewaltigen Eis⸗ meere zuſammen, davon die größten und merkwürdigſten, Aar⸗ und Grindelwaldgletſcher, ſich zu beiden Seiten eines 10,379 ü. M. aufſteigenden Bergrückens, die Strahleck, anlehnen und uns entgegenſtarren, wie ein unergründliches Chaos von Eis⸗ und Schneewüſten. Dahin möchte ich die Aufmerkſamkeit aller Herzen lenken, welche empfänglich ſind für das Größte und Erhabenſte in der Natur. Freilich iſt es kein bequem hintändelnder Spaziergang, der zu ſolchen Genüſſen führt, auch ſind weder Pferde, noch Tragſeſſel bereit; auf eignen feſten Füßen muß man ſtehen und nicht ängſtlich die Schweißtropfen zählen, welche zum lohnenden Ziele füh⸗ ren. Duftende Herren, verzärtelte Damen,wer nie dem Qualm der Städte entrann, von Saffianſchuhen und ſei⸗ denen Strümpfchen ſich nicht trennen mag, wer endlich mit Koffer und Schachteln und Taſchen beladen in großen Pferde⸗ oder Menſchenkarawanen gemächlich daherzieht, er leſe nicht weiter, ihn habe ich nicht gemeint. Wer aber im be⸗ quemen Reiſekleide, die weiten Schuhe mit tüchtigen Nägeln beſchlagen, den feſten Alpſtock zur Hand, rüſtig einherge⸗ ſchritten kommt, Muth im Herzen, Kraft in den Beinen, ohne Schwindel im Kopfe, der wage es friſch drauf los und laſſe durch keine Bedenklichkeiten, womit man namentlich Frauen gegenüber nicht ſparſam thut, ſich in ſeinem Vorhaben veirren. Ebenſo wenig laſſe er von dem Neide und der Habgier der Führer ſich zu einer mehr als nöthigen Hülfe beſchwatzen. Ob man die Partie, wie wir es thaten, von Grindelwald aus nach der Grimſel oder umgekehrt unter⸗ nehme, immer ſind zwei tüchtige Führer nothwendig, dieſe

Alles Sinnen und Trachten ihrer Bewohner geht

aber, wenn man ſelbſt gut zu Fuße iſt, vollſtändig ausrei⸗ chend. Keinesweges auch müſſen dieſe Führer, wie man es einem gerne möchte glauben machen, von dem Orte ſelbſt ſein, von wo man ausgeht. Unſre beiden Führer waren,

der eine aus Lauterbrunnen(Johann Vonalmen,, der andere ſten Kornmärkten nicht mehr Lug und Trug, als in mancher

aus Meiringen(Andreas Jaun) und wir befanden uns treff⸗ lich dabei. Es bleibt jedoch zu bemerken, daß für den erſten Tag dieſen beiden Führern ein Knecht muß beigegeben werden, welcher die nöthigen Speiſen, Vorrath auf drei Tage, da man ſich in den Bergen nie des Wetters vollkom⸗ men verſichern kann, Wolldecken für die Nacht und ſonſtige Utenſilien trägt. Auch nahmen wir am zweiten Tage den Sennhirten Michel, welcher uns auf Zäſenberg übernachtet hatte, eine Strecke mit uns und behielten ihn, da friſch ge⸗ fallener Schnee die Wege beſonders unſicher gemacht hatte, über die gefährlichſten Stellen bei. Doch davon mehr im Verlaufe der Schilderung, welche ich in jener Folgenreihe geben will, wie es die von uns unternommene Partie bedingt, alſo von Grindelwald aus über den untern Grindelwald⸗ Gletſcher, an den Schreckhörnern vorbei, über die Strahleck, den Lauter- und Unter⸗Aar⸗Gletſcher nach dem Grimſel⸗ hospiz.

Da auf dieſe Weiſe nothwendig in oben genannter Senne auf Zäſenberg für die erſte Nacht Quartier gemacht werden muß, ſo iſt es vollkommen ausreichend, wenn man in früher Mittagsſtunde, etwa um zwei Uhr, mit allem Nöthigen aus⸗ gerüſtet, Grindelwald verläßt, ſo daß man bequem ſchon an demſelben Tage von Lauterbrunnen oder ſelbſt Interlaken hergekommen ſein kann.

Unter dem frohen Gejodel der Führer, welche als Zeichen

einer Gletſcherfahrt tiefblauen Flor um die grauen Hüte ge

wunden haben, begleitet von den Glückwünſchen des Wirthes und der Gäſte, mit denen man noch fröhliche Tafel gehalten, zieht man aus. Auf gutem Wege, theils über grüne Matten geht es luſtig bergan. Die Führer weiſen ihre Zeugniſſe vor und erzählen, wen ſie ſchon geführt und wo ſie geweſen, und alle wollen die Jungfrau beſtiegen haben; doch keiner glaubt es dem andern. So erreicht man unvermerkt eine beträchtliche Höhe, indem man oft dazwiſchen ſtille ſteht, hoch befriedigt in das wunderliebliche Grindelwald⸗Thal zurück⸗ ſchauend. Ehe man dieſe ſaftigen belebten Matten und herr lichen Berge auf lange aus dem Auge verliert, um in die eisgepanzerten Klüfte und ſchattigen Abgründe einer neuen Welt zu ſteigen, hat man Muße, in einem langen ſcheidenden Blicke das ganze liebliche Bild ſich einzuprägen. Nahebei, wo der Weg ſich wendend die Spuren menſchlichen Lebens und Fleißes verläßt und auf einem ſchmalen Pfade an den Abgründen des Mettenberges hinan nach den glänzenden Eisfeldern führt, ſprudelt aus nacktem Felſen eine kleine ſilber⸗ helle Quelle hervor, und die Führer verſäumen nicht, unſre Aufmerkſamkeit darauf zu leiten, als auf das letzte trinkbare Waſſer bis zur Sennhütte. Wir erfriſchen uns gern, dem

kühlen Trunke einige Tropfen Kirſchwaſſer beimiſchend, und

die Führer folgen dem Beiſpiele, d. h. ſie miſchen dem Kirſch⸗ waſſer einige Tropfen Waſſer bei. Darauf geht es vor⸗ ſichtig weiter, in regelmäßigem Schritte, Einer hinter dem Andern; denn der ſtets am Abhange hinziehende Pfad iſt eben breit genug für einen Wanderer und zum Ausrutſchen oder Schwanken nach rechts und links nicht viel Platz. Ergötz⸗

lich ſind dabei die prüfenden Blicke der Führer, womit ſie an jedem ſchlüpfrigen Steine unſer ſchwankendes Fußgeſtelle beobachten und je nach Umſtänden hier ein höhniſches Lächeln unterdrücken, dort uns beifällig zunicken. Im Ganzen waren die unſern ſehr wohl mit uns zufrieden und prophezeihten

ö.