Ueber die Strahleck.
Reiſeſkizze von Hedwig Henrich.
Die Schweiz iſt ein ſtändiges Reiſeziel, das als unbe⸗ ſtimmte Sehnſucht ſchon in den zarteſten Kinderherzen liegt. Hinter dem ſorgfältig verſchloſſenen Glasſchranke in der großen Stube ſchauen gelb und grün die zierlich geſchnitzten,
golde begrüßen! Die Natur wird ihre kühnſten Erwartun
gen überflügeln, und das erbärmliche Treiben der Menſchen um ſie her wird ihnen die beſten, die gewaltigſten Eindrücke verderben.
Denn wer Sinn für Naturſchönheit und wer
Die Berner Alpen vom Faulhorn aus.
hölzernen Schweizerhäuschen hervor und erregen unſere kin⸗ diſche Neugierde. Kaum daß wir es begreifen, ſo hören wir ſchon die Eltern uns von dem Lande dieſer maleriſchen Hütten erzählen, und bald in den lieblichſten Melodien ſaugen wir
Das Grimſelhospiz.
das bekannte, vielbeſungene Heimweh des Schweizers nach ſeinen geliebten Bergen und blumigen Matten gleichſam in unſere Seele mit ein. 2
Wohl und wehe ihnen, die von dieſer reinen Sehnſucht getrieben zum erſten Mal Helvetiens ferne Alpen und Seen, ſeine lieblichen Thäler und hochragenden Gletſcher im Morgen⸗
keinen hat, alle drängen ſich nach jener großen Reiſemetro pole hin,— für den andächtigen Beſchauer unter Tauſenden oft nicht eine verwandte Seele. Möchten nun auch die wun derlichen, bunt durch einander geworfenen Menſchengeſtalten,
die ſich dort zuſammendrängen, an jedem andern Orte nic 1
unintereſſant erſcheinen, ſo ſteht doch hier das Lächerliche u Erbärmliche dieſer engen Menſchenſeelen in ſo ſchrillem Miß klange mit der Pracht und Erhabenheit der Natur, daß der
Interlaken.
widerliche Eindruck davon ſchwer zu beſchreiben, kaum zu be⸗ wältigen iſt.
Am wenigſten jedoch mache man ſich glauben, daß, abgeſehen von dem läſtigen Schwarme dieſer Gäſte aller Nationen und Sprachen auf den breitgetretenen Straßen, welche nach dem Berner⸗Oberlande oder Chamouny führen,


