Jahrgang 
1857
Seite
272
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erfüllen werde oder nicht die Hoffnung daß, wenn das Spiel ſie ein zweites Mal täuſche, der Graf die Abſicht habe, ſie an ihrem Geburtstage mit der Krönung ihres Wun⸗ ſches zu überraſchen, und dies eine Vermuthung, welche plötzlich eine Stütze darin gefunden, daß der Graf in den letzten Tagen mehre Male ihres Vaters erwähnt. Daher die Ruhe und Heiterkeit, welche Curt erſchreckt, und der gemilderte Eindruck, welchen der Ausgang des Spiels auf ſie gemacht hatte.

Mit welcher Spannung wachte ſie dem folgenden Morgen entgegen! Wie eine liebende Braut den Bräutigam, erwartete ſie mit ſtehendem Athem und klopfendem Herzſchlag den Moment, wo der Graf pünktlich auf die Minute in den Salon zum Frühſtück zu kommen pflegte. Er kam keine Minute ſpäter, keine früher.Ich frage nicht nach Deinem Befinden, liebe Hedwig, erwiederte er ihren Morgengruß. Dein Ausſehen iſt mit der Antwort zuvorgeeilt. Wenn es in der jüngſten Zeit mich bisweilen ängſtigen wollte, befreit es mich heute von jeder Beſorgniß. Du biſt die Hedwig vor drei Jahren mit Zinſen des Kapitals. Und ich ich bringe Dir zum heutigen Tage Nichts als woran Du nicht zweifelteſt meinen Dank für Deine Liebe und meine beſten Wünſche für Dich. Glaube jedoch nicht, gute Hed⸗ wig, fuhr er fort, indem er ſeinen Lehnſtuhl einnahm,daß meine leeren Hände den unachtſamen Eheherrn bezeichnen. Du trägſt ſo wenig Schmuck, als ſei ſchon Der, den Du haſt, Dir zu viel, und in den hieſigen Schmuckläden habe ich nichts Beſonderes entdeckt. Aber in drei oder vier Monaten ſind wir in Rom. Da ahme ich Dein Ausſehen nach, zahle Kapital und Zinſen.

Zu derſelben Stunde, in welcher der Graf nach dem Leſezimmer ging, verließ die Gräfin ihre Wohnung, das

jchmuckkäſtchen verhüllt in der Hand. Was ſie im Begriff

ar zu thun, dazu war der Entſchluß ihr nicht ſchwer ge⸗ worden. Sie hatte ihn geſtern gefaßt für den Doppelfall, daß ihr Gebet für die Verwendung ihres kleinen Schatzes unerhört, und ihre Hoffnung auf die Güte des Grafen un⸗ erfüllt bliebe. Beides war geſchehen. So galt es nun den Entſchluß auszuführen. Der Graf hatte ihr den Schritt erleichtert, indem er das letzte Bedenken entfernt. Hatte er nicht geſagt, ſie trage ſo wenig Schmuck, als ſei der, den ſie habe, ihr zu viel? Hatte er das in ihrer Seele und darin geleſen, daß der Schmuck, welchen er ihr zum Brautgeſchenk gegeben, ſie immer anglänze wie ein giftiges Auge, das den

Tod bringt, konnte er nicht erwarten, daß ſie ihn ferner

trage, ſo mußte es gleich ſein, ob ſie ihn beſaß oder nicht. Und Curt hatte er nicht geſagt, wenn gut ſei was man durch das Spiel bezwecke, ſo fordere Conſequenz und Vernunft, daß man bis zur Erreichung fortſpiele innerhalb des Maßes des Entbehrlichen? Und was konnte entbehrlicher ſein als jener Schmuck mit dem giftigen Auge?

Die Gräfin verpfändete die koſtbaren Steine für dreißig Napoleons. Das dünkte ſie genug zur letzten Entſcheidung.

Das Käſtchen, in welchem die Steine gelegen, nahm ſie zu⸗

rück, legte an ihrer Statt den Pfandſchein hinein, dazu einige Zeilen und verwahrte das Käſtchen wie vorher.

Nun war es gut, Ruhe in ihrer Bruſt. Der Entſchluß zu ihrer That und die That ſelbſt waren ihr leicht geworden. Doch hatte ein Gefühl der Weiblichkeit, ein weibliches Zagen ihr die Bruſt beengt. Nun die That gethan und vollendet war, ſie aufgezeichnet hatte, was und weshalb ſie es gethan, das Schmuckkäſtchen wieder ſtand, wo es früher geſtanden, gleich als ſei Nichts damit geſchehen nun war es gut, Frieden in ihrer Bruſt. Der einzige Würfel, welchen ſie noch in der Hand gehabt, war geworfen. Wie er fallen

ſolle, darüber hatte allein Der Macht, zu dem ſie in gläubi⸗ gem Vertrauen ſich erhob.

Der Tag war voll heißem Sonnenſchein geweſen. Gegen Abend drückte eine ſtille Schwüle, und während die Gräfin, der Graf und Curt unterm Orangenbaume ſaßen, fing der blaue Himmel an ſich zu verſchleiern. Hoch, und dünnem Nebel gleich, ſchwamm lockeres Gewölk heran und umhüllte die ſinkende Sonne. Dann färbte das Gewölk ſich dunkel, in tiefen Schichten zogen Wolken, ſchwarz und ſchwärzer, wenn ein Sonnenſtrahl dazwiſchen brach.Es wird Ge⸗ witter geben, meinte der Graf. Aber die Luft bewegte, die finſteren Wolken lichteten ſich, und als die Drei in den Kurſaal gingen, der Graf zum Lhombre, die Gräfin und Curt bald darauf zum Trente- un, legte die ſcheidende Sonne ein mattes Gold auf die grünen Wipfel der Berg⸗ bäume und auf das Dach desNeuen Schloſſes. Die Gräfin verwarf heute die Roulette. Der goldene Würfel ſollte am andern Tiſche das Wie ſeines Falles zeigen, Curt genau ſo ſpielen wie geſtern. Und genau wie geſtern wech⸗ ſelte das Spiel von Verluſt zu Gewinn, von Einem einge⸗ zogenen Gewinne zum Verluſte der dreißig Goldſtücke. Die Gräfin verlangte fort aus dem Saale, wo die Luft, ſchwerer als geſtern, für ſie zum Gluthmeer geworden war. Nur im Verhältniß zu dieſer Flammengluth fand ſie draußen Kühlung.

Nach dem Scheiden der Sonne war das flockige Gewölk und waren die ſchwarzen Wolken wiedergekommen. Regungs⸗ los hingen ſie in das Thal herein von dort oben über den Felſen und über derAlten Burg. Die Gräfin hätte gern bei den Blüthen des Orangenbaumes geſeſſen; mehr noch lockte es ſie nach der kleinen Höhe, wo die Ruhebank ſtand und die Luft kühler ſein mochte. Aber einzelne Tropfen, die breit und heiß aus den Wolken niederfielen und von der dürſtenden Erde gierig eingeſogen wurden, drohten einen Regenſtrom und bannten unter die Säulenlaube vorm Kur⸗ ſaale. Curt gewann Stühle an der Brüſtung zwiſchen zwei Säulen, und kaum hatten die Gräfin und er ſie eingenom⸗ men, als ein falber Schein am dunkelen Himmel hinflog, dann ein ferner Donner grollte. Dem einen Blitze folgten andere. Näher rollten die Donner. Plötzlich verſtummten ſie: kein Blitz leuchtete, kein Tropfen fiel. Die Natur ruhte. Sie ruhte, wie der Menſch zum Aufgebote ſeiner äußerſten Kräfte ſich auszuruhen pflegt. Da wurde es hell. Mit feurig geſchlängelten Zungen öffnete ſich der Himmel nach allen Seiten ein großer, tiefer Feuerſee. Dazwiſchen krachten dumpf und laut hundert Donner. Die Scheiben klirrten, die Bäume zitterten, die Erde bebte. Ein Aufſchrei von Frauenſtimmen klang ſchrill durch die Säulenhalle. Viele, von ihren Sitzen empor, ſtürzten nach dem Saale. Die Gräfin ſaß ruhig, ohne Laut. Der gelbe Glanz der Blitze bleichte ihre Wangen, ihre Lippen leichenblaß. Aber ihre Augen lebten ein mildes, weiches Leben, ein Gemiſch von Freude und Schmerz.

Der Feuerſee erloſch, die Donner ſchwiegen, der Regen perlte, und die Gaslampen zeigten, daß ſie brannten. Da beugte ſich die Gräfin zu Curt.So möchte ich ſterben, flüſterte ſie;der Himmel offen, geöffnet zum Eintritt, zur Seligkeit, zum Wiederſehen. So möchte ich gehen, ohne Abſchied, ohne Klage, ohne Thräne. Und als ſie das ge⸗ ſagt und Curt mit feuchtem Auge in das ihrige blickte, trat der Graf zu ihnen. Das Donnergekrach hatte die Spieler erſchreckt, und der Graf war gegangen, Hedwig zu ſuchen. Sie reichte ihm dankend die Hand.

Folgenden Tags erfuhr die Stadt Baden, daß ein Blut⸗ ſchlag das Leben der Gräfin Hedwig gelöſt habe.