Jahrgang 
1857
Seite
271
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wortete die Gräfin,thäte man vielleicht am Morgen nicht, was man thut. Kennten Sie den Inhalt der nächſten Stunde, mahnten Sie vielleicht ab von Dem, wozu Sie jetzt rathen. Und kennte ich den Inhalt des morgenden Tags, folgte ich vielleicht Ihrem Rathe. Aber die Zeit hat Flügel, und während ſie fliegt, darf ich nicht ſäumen. Begleiten Sie mich alſo zum Spiele, mich Arme, ohne Sie ohne Hand. Und wir ſind reich geworden. Geld gibt Muth. Statt wie geſtern zwei ſetzen Sie drei Napoleons, und ſtatt nach dem ſechſten ziehen Sie nach dem fünften Gewinne ein.

Und welche Farben? fragte Curt.

Roth, immer Roth, nur Roth, betonte die Gräfin. Ich muß ihm Gelegenheit geben, begangenes Uebel guͤt zu machen.

Aber das Roth rechtfertigte nicht das Vertrauen der Gräfin. Blieb es auch im Vergleich zu Schwarz die den Spielern günſtigere Farbe, hatte doch der größere Theil von Hedwigs Gold ſeinen Weg in die Bank gefunden, ehe es fünfmal nach einander gewann und der fünfte Gewinn ihr die Summe der ſechsundneunzig Goldſtücke verdoppelte. Allein die ſchöne, ſüße Hoffnung, welche ſie daran knüpfte, ſollte ſich nicht erfüllen. Mit jenem fünften Gewinne hatte das Spiel ſeine Gunſt für ſie erſchöpft, und ſo ſchnell fielen die Karten, und ſo raſch wechſelten die Farben, daß die Uhr auf halb Zehn zeigte, als der Gräfin von ihrer ſüßen Hoff⸗ nung Nichts blieb als eine bittere Täuſchung.Die Luft iſt ſchwer hier, ſagte ſie im Fortgehen zu Curt:Laſſen Sie, bevor wir den Graf ſehen, mich leichte Luft ſchöpfen, leichter athmen.

Auch Curt empfand die Schwere der Luft.

Dort ſtehen unſere Stühle, deutete die Gräfin aus der Säulenlaube vorm Kurſaale nach dem Orangenbaume. Wie der Hauch der Blüthen herüberweht! Dort iſt mein Italien!

Nachdem Beide ſich geſetzt, begann die Gräfin:Es klingt mir zwar wie Sünde, hier vom Spiele zu ſprechen. Doch beſchäftigt, beunruhigt mich eine Frage, ein Zweifel. Als das Glück mir einen großen Gewinn gab, hätte ich mich damit begnügen, Sie bitten ſollen, das Spiel einzuſtellen? That ich Unrecht, es nicht zu thun?

Gewiß nicht, verſicherte Curt.Sie äußerten geſtern, man habe nie Unglück, wenn man wiſſe was man wolle. Ich ſollte meinen, wenn man wiſſe was man wolle, und es ſei gut was man wolle, könne kein Unrecht darin ſein, es zu thun. Und was ſie wollten, war gut, mußte gut ſein.

Ich habe mir das wohl auch geſagt, verſetzte die Gräſin, und⸗daß das Verfolgen eines guten Zwecks nicht Tadel ver⸗ dienen kann. Aber man hört hier täglich, wenn Jemand Viel gewonnen und wieder verloren hat: er hätte mit dem Gewinne fortgehen ſollen!

Und die Klugen, die ſo predigen, lächelte Curt, wären an ſeiner Stelle auch ſtehen oder ſitzen geblieben und hätten Alles wieder verloren. Ueberhaupt ſcheint mir, daß die Frage, wenn Jemand im Gewinne aufhören ſoll zu ſpie⸗ len, nur in Einer Weiſe richtig beantwortet werden kann.

Und die iſt? fragte die Gräſin.

Wenn er genug hat, verſetzte Curt.

Aber wann hat Jemand genug? warf die Gräfin ein.

Wenn er hat was er haben will, erklärte Curt.

Und ehe er das nicht hat? forſchte Hedwig.

Verlangen Conſequenz und Vernunft, daß er fortſpiele, wobei ich freilich annehme, lenkte Curt ein,daß er für Gewinn und Verluſt ſich ein Maß geſetzt und das Maß des Verluſtes das Entbehrliche nicht überſteige.

Mit anderen Worten, ſcherzte die Gräfin,Sie be⸗

dingen kalte, vernünftige Menſchen, und rauben damit der

Bank, was die Bank bereichert die Leidenſchaft der Spieler.

Ich begreife und räume deshalb ein, erwiederte Curt,

daß ich für die Allgemeinheit Unmögliches verlange; doch

ſagte ich auch nur, was ich ſagte, liebe Hedwig, um Sie über

Ihren Zweifel zu beruhigen. Sie mußten handeln, wie Sie gehandelt haben, denn Sie wußten, was Sie wollten, und

was Sie wollten war gut.

Ich nehme das um ſo dankbarer an, ſagte die Gräfin, weil ich nun des Darlehns Ihrer Hand, und weil ich Ihrer Billigung gewiß ſein kann, im Fall ich morgen noch einmal mit Entbehrlichem mein gutes Ziel verfolge.

Meine Weigerung würde mehr ſein als ein Widerſpruch mit meinem Worte, verhieß Curt.Aber Ihre Geſund⸗ heit, Hedwig! Das Spiel reißt an Ihren Nerven. Ihr ſtarker Wille gibt Ihnen Kraſt es zu ertragen; doch zerriſſene Nerven kann keine Willensſtärke heilen.

Ich bin nicht kränker als ich war, guter Curt, ver⸗ ſicherte die Gräfin.Daß ich ſtark ſein kann, beweiſt, daß ich die Kraft dazu beſitze. Ja, es iſt mir bisweilen, als ſei

ich wohler, leide weniger als noch vor Kurzem. Jedenfalls

würden Sie morgen zum letzten Male für mich ſpielen. Morgen ſoll für oder gegen meinen Vater entſcheiden. Wiſſen Sie, welcher Tag morgen iſt?

Der Jahrestag Ihres Wiegenfeſtes, ſagte Curt.

Ich wünſchte mir, daß Sie ihn nicht vergeſſen hätten, ſprach die Gräfin.Es ſind morgen vier Jahre, daß Sie durch meine Mutter mir Blumen gaben. Ich war noch nicht Gräfin. Zwölf Monate ſpäter gaben Sie mir keine

Blumen; Sie waren in Italien. Geben Sie mir auch morzg

gen keine. Ich könnte, ich möchte ſie dem Grafen nicht ver⸗ bergen, und er würde fragen, woher Sie um meinen Geburts⸗ tag wiſſen. Ich zähle aber morgen auf einen glücklichen Tag. Ich bin nämlich ſehr abergläubiſch geworden. Lachen Sie mich immer aus; ich glaube an Träume, oder vielmehr an die Auslegung meiner Marie, meiner Zofe.

Und ſie träumten? fragte Curt.

Und ich träumte letzte Nacht, erzählte die Gräfin, was meine Marie, eine erprobte Traumdeuterin, heute Morgen dahin auslegte, daß binnen zweimal vierundzwanzig Stunden mir ein großes Glück bevorſtehe. Der heutige Tag hat es in Reſt gelaſſen. So muß der morgende die volle Zahlung leiſten.

Die Gräfin ſprach das ſcherzend, ehe ſie und Curt zum Grafen gingen; aber es war weniger im Scherz gemeint. Der Zufall, daß einige Traumdeutungen der alten Dienerin, wenn nicht ganz, doch annähernd zur Wahrheit geworden waren, hatte ſeine Wirkung nicht verfehlt, und worüber die Gräfin als fröhliches Mädchen gelacht haben würde, das vermochte der Verſtand der leidenden Frau kaum zur Hälfte abzuweiſen. Sollte ihr ein Glück beſchieden ſein, konnte es nur das Wohl ihrer Eltern betreffen. Die Zeit war vor⸗ über, wo ein anderes der Gedanke ihrer Seele geweſen war, und wie gern ſie auch bei der Erinnerung verweilte das gehoffte Glück ſchwebte ihr vor wie ein liebes Bild, deſſen Geſtalten nicht aus dem Rahmen treten, ſich nicht beleben können. Dagegen hatte der Wunſch, ihren Vater ſorgenfrei zu machen, indem er ihr nie ſchneller erreichbar erſchienen als jetzt, die Höhe der Leidenſchaft erlangt, von welcher herab alle Hinderniſſe verſchwinden und alle Klüfte ſich ebenen. Das heutige Spiel hatte ihr eine Art Beweis gelten ſollen, ob eine Hoffnung, welche die Traumdeutung in ihr geweckt, ſich