Jahrgang 
1857
Seite
270
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am ſchnellſten vorwärts. Da haben wir zwölf Sätze. Auf welche Nummern? Wenn ich keine nenne, wählen Sie. Und wollen Sie nicht wählen, werfen Sie den Satz auf das Zifferblatt. Wo er liegen bleibt, bleibe er.

Noch wenige Minuten und beide gingen aus dem hellen Lampenſcheine langſam durch das Dunkel der dichten Bäume die kleine Anhöhe hinab zurück in den Curſaal. Der Mann

im grauen Rocke hatte ſich entfernt man ſagte, nachdem er das letzte Goldſtück ſeines Gewinnes verſpielt mit 1 und lehnte ſie auch ſtärker auf Curts Arm, trat ſie doch

ſeinem Abtreten die Galerie ſich gelichtet. Curt fand Tiſch⸗ raum, die Gräfin Platz an ſeiner Seite. Aber das Glück verläugnete ihn und ſie. Ob er oder ſie die Nummer wählte, oder er den Zufall walten, das hingeworfene Goldſtück die Nummer beſetzen ließ, welche es rollend ſich geſucht, die unerbittliche Harke raffte jedes fort, zerſtörte zwölfmal die immer neue Hoffnung der Gräfin, täuſchte Curt zwölfmal in Dem, was er um ihretwillen erſehnte. Als der letzte Wurf mislungen, wendete er verſtimmt ſich vom Spiele ab. Die Gräfin lächelte.Eine Wolke auf Ihrer Stirn? ſagte ſie, ſeinen Arm nehmend.

Sie gilt dem Glücke, das lockt, um zu betrügen, ant⸗ wortete er.

Und thut es das nicht ſo häufig, entgegnete die Gräfin, daß wir Alle, auch Sie, daran gewöhnt ſein müſſen? Aber jetzt weder Klage noch Philoſophie. Die Karten des Prent-un ſollen mit der Untreue der Kugel verſöhnen. Setzen Sie Roth es ſoll eine gute Farbe ſein. Setzen Sie zwei Napoleons, nie mehr noch weniger. fort, es mag gewinnen oder verlieren. Gewinnt es, ſo ziehen Sie nur nach dem ſechſten Male ein. Bis dahin: tout va.

Nahe am Spieltiſche begegneten Beide dem jungen, ſcheinbar unbedeutenden Manne von neulich. Er war eben aufgeſtanden und die Gräfin hörte Jemand mit dem Blicke

Es war ganz die Stimme der Gräfin, nur weicher und matt, mit dem anſchlagenden Tone feſten Wollens und dem nach⸗ klingenden Tone ſtiller Ergebung. Die Wechſel des Spiels hatten an ihrer Kraft gerüttelt, ihr Wille die Kraft geſtählt. Erſt als ſie den Spieltiſch verließ, es für ſie kein Gewinnen und kein Verlieren mehr gab, wich die Spannung, empfand ſie die Anſtrengung, um gehen und ſprechen zu können, ſühlte ſie ein dumpfes Klopfen, einen ſtechenden Schmerz in der Bruſt. Sie bewältigte den Schmerz und ihre Schwäche,

leichten Schrittes in den Reunionsſaal, hörte lächelnd vom Grafen, daß ſein Spiel zu Ende gehe, der Herr General aber nicht mit ihm zufrieden ſei, worauf dieſer betheuerte, daß Bomben und Granaten nicht glücklicher fallen könnten als die Karten des Herrn Grafen gefallen ſeien, und nahm einen Stuhl neben Letzterem, bis er vom Spiele aufſtand und in ſeinen Mantel gehüllt mit ihr und Curt nach deſſen, dann nach ſeiner Wohnung fuhr.

Minder ſchüchtern als am heutigen Morgen öffnete die Gräfin am folgenden ihr Schmuckkäſtchen, zog unbefangener als geſtern den kleinen für ihren Vater geſammelten Schatz aus dem geheimen Fache. Anſtatt aber die drei entnomme⸗ nen Goldſtücke zurückzubringen, entnahm ſie die verbliebenen

zwanzig.Was könnt ihr meinem Vater nützen, wenn ihm

von anderer Seite keine Hilfe kommt? ſprach ſie trübe vor ſich hin, und ließ das Gold durch die Finger gleiten.Ver

dreißigfacht wärt ihr Viel, wäret ihr Alles für ihn; arme

Und ſpielen Sie Roth

auf ihn ſagen:Der hat nun für heute genug.Alſo

wieder gewonnen! flüſterte ſie und ſah unwillkührlich den Glücklichen an. Sie irrte. Der junge Mann hatte viele tauſend Franken verloren. Curt und Hedwig erhielten den Platz, wo er geſeſſen.

Le jeu est fait! rief der Tailleur, die Karten in der Linken, den an der Lippe leicht genäßten Daumen ſeiner Rech⸗ ten bereit zum Abzuge. Curts zwei Goldſtücke erwarteten ihr Schickſal. Roth gewann und gewann viermal. Nach dem fünften Kartenfalle kam die ſchwarze Harke und raffte die zweiunddreißig Goldſtücke ein. Es war die günſtige Farbe; doch machte ſie keine lange Serie. Jetzt hatte ſie ſünfmal geſtanden, der Tailleur von Curts

Curt ſpielte Roth fort.

zweiunddreißig Goldſtücken achtzehn weggezogen und eine

Banknote von tauſend Franken hingelegt. Curt blickte die Gräfin fragend an. Sie ſchien ungewiß; aber ſie verneinte, und einige Sekunden ſpäter ſah ſie die Banknote und das Gold verſchwunden. So wechſelte das Spiel. Die Gräfin blieb ſich treu. Roth gewann für ſie kein ſechſtes Mal, und als fünf Minuten an der zehnten Stunde fehlten, waren die zwei letzten Goldſtücke den übrigen gefolgt und verließen Hedwig und Curt die grüne Tafel.

Wir hatten Unglück, ſagte Curt.

Man hat nie Unglück, wenn man weiß, was man will, betonte die Gräfin.Morgen aber will ich es Glück nennen, wenn ich erlange, was ich erlangen will. Haben Sie Dank, guter Curt. Gleich allen Dankenden danke ich, um aufs Neue danken zu dürfen. Sie bringen mir Opfer; doch ein⸗ mal an ſie gewieſen und wollend was ich will, kann ich nicht anders. Und nun Freundlichkeit für den Grafen. Wir ſind ſie ihm doppelt ſchuldig.

zwanzig ſeid ihr ihm Wenig, Nichts. Ich wollte euch ver mehren, andere zu euch legen, euch hüten, bis ihr ſo viele geworden, daß ihr ſtark genug, eine Laſt von ſeinen Schul⸗ tern abzuheben. Thut es ein Anderer nicht, könnt ihr es, obwohl noch ſchwach, vielleicht thun. Nur gilt es eine ſchnelle Probe; ich muß die Zeit beflügeln, ehe ihr Flügelſchlag mich euch entführt. So kommt und geht mit mir. Ich habe für euch gebetet, handelt ihr für mich!

Bald nach der achten Abendſtunde traten Hedwig und Curt ans Roulette. Die Gräfin war ruhig, heiter. Doch war es eine Heiterkeit, eine Ruhe, die Curt beben machte. Er ſah die Feſtigkeit ihres Willens, fühlte, daß jede Einrede daran zerſchellen, jeder Widerſpruch den ſcheinbar klaren Spiegel ihres Seelenfriedens bleichen müſſe, und doch ſah er auch die blaſſen Wangen und die dunkle Gluth der Augen, empfand, was ſie gelitten und durchkämpft, und litt mit ihr und kämpfte für ſie mit ſich.

In wenigen Worten zwiſchen Scherz und Ernſt hatte ſie ihm die dreiundzwanzig Goldſtücke behändigt, ihn gebeten am Roulettetiſche drei zu verwenden, ſie nacheinander auf die Nummern von geſtern zu ſetzen, 22, 29 und 31, und den Satz, welcher gewinnen würde, ſtehen zu laſſen. Curt that nach ihrem Wunſche. Er beſetzte die 22, und die 22 verlor. Er beſetzte die 29, und die 29 verlor. Er beſetzte die 31, undTrente-un, rief der Tailleur.

Gleichzeitig hatte die Gräfin die 22 und die 29 beſetzen und verlieren ſehen. Als Curt die einunddreißig beſetzte, hätte man glauben können, einen raſchern Herzſchlag zu ge wahren. Beim Falle der Kugel, beim Ausrufe des Tail⸗ leur lächelte ſie durch eine Thräne. Sie ſchlug den Blick auf, erſt hoch empor, dann zu Curt, freudig zu ihm, dankend nach Oben. Die 31 gewann nicht ein zweites Mal. Die Gräfin berührte Curt's Arm; er verſtand; ſie verließen den Tiſch.

Möchten Sie nicht für heute das Spiel ruhen laſſen? bat Curt, als Hedwig die Richtung nach dem anſtoßenden Saale nahm. 4

Kennte man am Morgen das Ende des Tags, ant⸗