Jahrgang 
1857
Seite
267
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duld der Gräfin und die eigene Neugier veranlaßten ihn zu fragen: was es Außerordentliches gebe?

Ein Mann in grauem Rocke, war die Antwort,wel⸗ cher ein Müller ſein ſoll, obſchon er ſehr dürr iſt und kein verſchmitztes Geſicht hat, jedenfalls ein Glücksmenſch.

Er gewinnt? fragte die Gräfin.

Zum Erſtaunen, erwiderte der Andere.Der Mann tritt an den Tiſch. Nach ſeinem Aeußern hätte man ihm nicht zwei Gulden zugetraut. Und er legt einen Napoleon auf eine Nummer. Kaum hingelegt, ſchon getroffen. Er läßt ſeinen Napoleon auf der Nummer ſtehen, zieht mit einer unermeßlich langen Hand die zugezählten fünfunddreißig Stück ein, dann ein baumwollenes, ſchwarz⸗ und rothgewür⸗ feltes Tuch aus der Seitentaſche ſeines grauen Rocks, ver ſenkt das gewonnene Geld in die Taſche und ſteckt das Sack⸗ tuch darauf. Während er das thut, fällt die Kugel, fällt in das Viereck derſelben Nummer, und gleich als müſſe das ſo ſein, rückt der Mann keine Muskel, wiederholt die frühere

Manipulation, läßt ſeinen Napoleon auf der Nummer ſtehen,

und denken Sie, Frau Gräfin, gewinnt ein drittes Mal.

Die Annalen der Roulette wiſſen von nichts Aehnlichem.

Merkwürdig, gewiß außerordentlich, ſagte die Gräfin. Und der Mann ſpielt noch?

Ja, aber in Pauſen, antwortete der Andere,und hat keine Nummer mehr geſetzt, ſpielt Farbe, à cheval, und wie die Ausdrücke ſind.

Und gewinnt ſtets? fragte die Gräfin.

O nein, berichtete Jener;nur verliert er regelmäßig die kleinen und gewinnt regelmäßig die großen Sätze, ohne daß er ſich dadurch bewogen fühlt, blos großes Spiel zu ſpielen. Ueberhaupt hat die Bank Unglück. Die Englän⸗ derin gewinnt Silber in Maſſe, die Franzöſin Gold in Haufen. 3

Eben hat der Müller zweitauſend Franken in Einem Satze verloren, benachrichtigte ein Beiſtehender, welcher das Geſpräch gehört.

Mit den unterirdiſchen Mächten iſt kein ewiger Bund zu flechten, ſprach der Andere.

Worauf die Gräfin mit Dank für die Auskunft ſich an Curt's Arme entfernte.Hat auch das Glück, ſagte ſie zu dieſem,dem Müller jetzt den Rücken gekehrt, wollen wir doch ſein Spiel nachahmen. Welche von unſeren drei Num⸗ mern gewinnt, die ſpielen ſie fort.

Nach der Kochbuchs⸗Vorſchrift, lächelte Curt,den Haſen zu fangen, ehe man ihn bratet.

Und finden Sie es ſo ſehr unwahrſcheinlich, betonte die Gräfin,daß dieſelbe Nummer zweimal gewinnt? Der Mann dort hat ſie dreimal gewonnen.

Das ſoll aber, wie der Baron verſichert, warf Curt ein,in der Geſchichte der Roulette noch nicht dageweſen ſein.

Ah bah, verſetzte die Gräfin;erſtens wird der Baron die Geſchichte der Roulette nicht auswendig wiſſen; zweitens ſehe ich nicht ein, warum dieſelbe Nummer nicht zwei, drei, ja zwanzig Mal ſoll wiederholen können. Das ganze Spiel iſt Zufall, folglich ein Zufall ſo wahrſcheinlich oder unwahr⸗ ſcheinlich wie der andere. Und geſetzt, es iſt noch nicht da⸗ geweſen, heute iſt es geſchehen. Warum ſoll, was bis heute

nie geſchah, heute nicht zweimal geſchehen können? Und Sie

hörten, lieber Curt, die Bank hat Unglück. Alſo nicht wahr, Sie ſpielen die gewonnene Nummer fort?

Von Herzen gern, liebe Hedwig, betheuerte Curt,und

mit dem aufrichtigen Wunſche, ſie zwanzigmal zu gewinnen.

ls ſie bei dieſen Worten an den Roulettetiſch zurück⸗

kamen, öffnete ſich eine⸗Lücke. Ein hoher, ſtattlicher Mann mit unverkennbarem Stammgeſichte eines kaiſerlichen Hauſes hatte ſein Spiel beendet und räumte den Platz. Die Gräfin erblickend ſchob er ritterlich die Umſtehenden zur Seite und ladete ſie ein vorzutreten.

Nicht ich, Herr Graf, dankte Hedwig,mein Begleiter will ſein Glück verſuchen

Es wäre zu viel Glück, antwortete der Graf,Ihr Begleiter ſein zu dürfen und im Spiele zu gewinnen.

Die Gräfin erwiederte die Artigkeit, und ſchnell ſchloß ſich die Galerie hinter ihr und Curt.

Faites votre jeu, Messieurs! rief der Tailleur, die ſchwarze Harke in der rechten Hand, die Augen feſt auf ſei ner Seite des Tiſches, während einer der zwei ihm gegen⸗ überſitzenden Tailleurs die braune Scheibe vor ſich von der Linken zur Rechten drehte, dann eine kleine Kugel am innern Rande auflegte und von der Rechten zur Linken ſchnellte, daß ſie im Fluge die Scheibe umkreiſte.

Curt beſetzte die 22, und die Augen der Gräfin folgten dem Laufe der Kugel.

Rien ne va plus! rief der erſte Tailleur, als die Kugel, matt werdend, die Stelle ſuchte, wo ſie einfallend über Gewinn und Verluſt beſtimmen ſollte.

Der Athem der Gräfin ſtand ſtill. Geſichts war Spannung.

Die Kugel fiel, lag unbeweglich. Der ſie geſchnellt, be⸗ rührte leiſe die Scheibe, ohne ſie anzuhalten, und langſam drehte die Scheibe ſich fort. Sein Gegenüber rief die Num⸗ mer, welche gewonnen, und die Farbe, welche für die Spie⸗ lenden verloren hatte. Dann rafften die Harken die gewon⸗ nenen Geldſtücke zuſammen und zahlten vier der ſechs Tailleurs die Verluſte aus.

Die 22 der Gräfin hatte nicht gewonnen.

Ihr und Curts Blick ſtreiften ſich. Sie lächelte; kein Zug ihres Geſichtes verrieth die frühere Spannung. Nur ein helleres Roth färbte die Wangen. 4

Wieder erklang der Ruf:Faites votre jeu, Mes- sieurs! Curt beſetzte die 29. Dann kam der Ruf:Rien ne va plus! Und wieder fiel die Kugel. Die 29 der Gräfin hatte nicht gewonnen.

Curt ſah auf ſie. Sie hob den Blick nicht, ließ ihn auf der Kugel ruhen, blickte ernſt darauf nieder. Ein Ausdruck von Weh zeichnete ſich um ihren Mund, und die Finger⸗ ſpitzen ihrer kleinen Hand preßten ſcharf auf die Bruſt.

Ein drittes Mal erſcholl der Ruf:Faites votre jeu, Messieurs! Curt beſetzte die 31. Ein drittes Mal kam der Ruf:Rien ne va plus!e Die Kugel fiel, und wie Wetterleuchten flog es über das ernſte Geſicht der Gräfin. Zugleich mit dem Tailleur hatte ſie die gewonnene Nummer erkannt. Sein:Trente-un beſtätigte, daß ſie recht ge⸗ ſehen. Curt ſchien noch zu zweifeln; es war der Zweifel eines Moments. Dann begegnete er Hedwigs Angen. Sie glänzten ihm Freude, Triumph zu. Nie war ſie ihm lieb⸗ licher, nie ſo ſchön erſchienen. Ungern zog er den Blick ab, als der Tailleur in zwei langen und einer kurzen Reihe die fünfunddreißig Goldſtücke vor ihm aufzählte. Er bedurfte nicht der Erinnerung den Satz ſtehen zu laſſen. Der Glanz in Hedwigs Augen hätte ihn vergeſſen machen den Satz wegzunehmen.

Abermals hieß es:Faites votre jeu, Messieurs! Abermals:Rien ne va plus! Abermals fiel die Kugel; aber die 31 hatte nicht ein zweites Mal gewonnen.

(Schluß folgt.)

Jeder Zug ihres