zu. Ich hob ſie auf, bot ſie ihm. Er wies ſie zurück. „Ich habe ſie geſtern gewonnen,“ ſagte er;„es ſcheint, ſie mögen mich nicht, wollen zu Dir; dem Gelde muß ſein Wille geſchehen; ſo ſieh, wie Du damit fertig wirſt.“ Und er be⸗ ſtand darauf, daß ich das Geld behielt. Ich habe es zu Dem gelegt, was ich für meine Eltern ſammle. Aber es können Zauberpfennige ſein, die auf dem grünen Tiſche ſich verdoppeln und verhundertfachen. Wollen Sie mir die Hand dazu leihen?“— Curt verſprach es.
Als am nächſten Abende Hedwig, der Graf und Curt vorm Converſationshauſe auf und ab gegangen waren, dann ſich unter den Orangenbaum, den Lieblingsplatz des Grafen, geſetzt hatten, wäre es leicht geweſen zu bemerken, wie die Gräfin häufig den Blick nach der Uhr hob nicht weit von ihr
als zweifle ſie am Fortrücken des Minutenzeigers; wie auf⸗ merkſam, als er ſich der Erfüllung der achten Stunde nä⸗ herte, ſie in der Richtung ſchaute, woher„der alte General“ zu kommen pflegte; mit welchem Anfluge von Freude ſie ihn gewahrte, und wie freundlich ſie ſeine Begrüßung aus der Ferne erwiderte, während er faſt ernſt den Grafen mit auf⸗ gehobenem Finger warnte, nicht abermals wie geſtern zehn Minuten nach Acht ſich am Spieltiſche einzufinden. Auch ließ der Graf ſich bedeuten.„Ein Weiteres morgen,“ ſagte er zu Curt, das Geſpräch abbrechend;„der Finger des Ge⸗ nerals erinnert drohend, daß Pünktlichkeit unſere Parole iſt, und wie gut es ſich auch mit dem alten Generale ſpielt, im Punkte der Pünktlichkeit läßt er nicht mit ſich ſpaßen.“
Die Drei waren nicht lange im Reunionslokale einge⸗ treten, als die Gräfin und Curt im Kurſaale erſchienen. Sie hatten ſich noch geſtern vereinigt, das Wagniß des Spiels in der Weiſe des jungen Mannes zu beginnen, nicht mit Trente-un, ſondern am Roulettetiſche. Darauf kam die Gräfin jetzt zurück.„Ich habe mir Alles zweimal genau überlegt,“ leitete ſie ein,„und Sie werden über meine Klug⸗ heit erſtaunen. Zuvörderſt müſſen wir kalt, eiskalt bleiben. Das Spiel darf nicht uns, wir müſſen das Spiel beherr⸗ ſchen. Allerdings gehört dem Kühnen die Welt; mir aber fehlen die Mittel, kühn zu ſein. Daraus folgt— beachten Sie, wie ruhig und logiſch ich verfahre— daß wir nur eine beſtimmte Summe wagen, unter keiner Bedingung mehr. Iſt dieſe verloren, hören wir auf. Mir jede Täuſchung zu erſparen, gebe ich ſie im Voraus verloren. Gewinnen Sie für mich, ſehen wir daß die Bank Unglück gegen uns hat, dann iſt es etwas Anderes, dann keine Schonung, im Sturme ans Ziel; wir thun, wie der junge Mann geſtern that; wir ſpie⸗ len gegen die Bank mit ihrem eigenen Gelde; der alte Ge⸗ neral würde ſagen, wir vernichten den Feind mit ſeinen eigenen Kanonen. Alſo hier die drei Napoleons, das Geſchenk des Grafen. Drei Napoleons und Sie der Führer, da iſt der Sieg Gewißheit.“
„Es freut mich,“ antwortete Curt,„vor Allem Sie ſo
berge Ihnen nicht, ich habe unſre geſtrige Abrede, mein geſtri⸗ ges Verſprechen faſt bereut. Der Eindruck des Spiels auf Sie ließ mich für Sie fürchten. Was Sie mir eben geſagt haben, beruhigt mich. Sie wollen das Spiel, das Spiel ſoll nicht Sie beherrſchen. Es iſt Ihr Vorſatz kalt zu blei⸗ ben, und Ihre Kraft wird ſo ſtark ſein wie Ihr Wille. Ihnen gegenüber komme ich mir zaghaft vor. Ich habe kein Vertrauen zu gewinnen. Deshalb, liebe Hedwig, Sie verlangten das Darlehn meiner Hand; ich bitte um das
Nummern zu ſpielen?“
über der Hauptthüre des Kurſaals; wie es bisweilen ſchien,— 4 über der Hauptthüre des Kurſaals; wie es bisweilen ſchien, wir das Weitere“
heiter, dann Sie auf jeden Ausgang gefaßt zu finden. Ich
Darlehn Ihres Kopfes. Bleiben Sie bei Ihrem Entſchluſſe,
„Ganz entſchieden,“ bejahte die Gräfin.„Und ich will kein kleines Spiel, will raſch vor⸗ oder rückwärts. Alſo Num⸗ mern und nicht mit Gulden. Ich ſpiele um zu gewinnen oder zu verlieren, nicht zum Vergnügen, ſogar gewiſſermaßen un⸗ gern. Daher je ſchneller die Entſcheidung, deſto beſſer.“
„Genau wie ich an Ihrer Stelle handeln würde,“ lächelte Curt.„Drei Napoleons geſtatten drei Sätze. Ich die Hand, Sie der Kopf,— welche Nummern?“
„Auch daran habe ich gedacht,“ erwiederte die Gräfin, „da ſie jede Verantwortung ablehnen und es mir nicht ge⸗ lungen iſt Nummern zu träumen. Steigen Sie von unten nach oben in umgekehrter Anciennität; zuerſt 22, mein Alter, dann 29, Ihr Alter, dann 31, das Alter meines Bruders. Sind dieſe Nummern abgeſpielt und nicht verloren, bereden
In ihrem Innern war die Gräfin minder ruhig, als ſie erſcheinen wollte, die Entſcheidung des Spiels ihr nicht ſo gleichgiltig, wie Curt glaubte und wie er nicht geglaubt
haben würde, hätte er unbefangen ſein können, wenn ihre
Hand auf ſeinem Arme ruhte, er den Schlag ihres Herzens zu fühlen wähnte, ſie traulich zu ihm redete, und der Hauch ihres Athems ihn berührte. Sonſt würde er und jeder Andere aus der ungewöhnlichen Haſt ihrer Worte, aus ihrer raſchern Bewegung und dem Fieberiſchen ihrer Heiterkeit den Zuſtand ihres Innern, den Ton ihrer Seelenſtimmungrer⸗ kannt haben. Den ganzen Tag war das Spiel und waren die Chancen des Spiels ihr Gedanke geweſen, der Morgen ihr zu einer langen, der Nachmittag ihr zu längerer Ewig⸗ keit geworden. Nur die Stunde, wo der Graf ſie verlaſſen, um im Leſezimmer die Journale einzuſehen, hatte Flügel für ſie gehabt. Da hatte ſie, die Ziffern ſich zu veranſchaulichen, welche ſie von Gewinn auf Gewinn zuſammengerechnet, die Bleifeder ergriffen und mit einer Wonne, die ihr das Herz entzückt, die Zahlenreihe unter einander geſtellt, bis die letzte Reihe, durch wenige glückliche Würfe erreichbar, ihr die Augen geblendet. Als ſie dann aber aus einem geheimen Fache ihres Schmuckkäſtchens einen kleinen Schatz hervorgezogen, welchen ſie für ihren Vater geſammelt, und ſeinen Betrag, dreiundzwanzig Goldſtücke, wieder und wieder gezählt und betrachtet hatte, war es ihr zwar wie Kirchenraub vorgekom⸗ men, daß ſie drei davon entnehmen und dem blinden Falle einer Kugel anvertrauen wolle; doch gewöhnt, einmal gefaß⸗ ten Entſchluß durchzuführen, gelockt von der Möglichkeit, aus jener heiligen Zahl das Glück ihrer Eltern zu erbauen, zu beſitzen, was ſie nicht hoffen konnte in Jahren zu erringen, und gereizt von der Ungewißheit, ob es, ob es nicht gelänge, hatte ſie die drei Goldſtücke genommen und den verringerten Schatz in ſein Verſteck zurückgelegt.
Während ihres Geſprächs im Saale auf- und abgehend, hatten die Gräfin und Curt ſich zweimal dem Roulette— tiſche genähert und beide Male die Galerie ſo dicht und regungslos gefunden, daß ſie den Verſuch aufgaben, an die Tafel vorzudringen. Bei ihrer dritten Wiederkehr erregte die fortdauernde Unbeweglichkeit der Galerie die Ungeduld der Gräfin. Auch konnte weder ſie noch Curt erkennen, was die Aufmerkſamkeit der Umſtehenden ſo ungewöhnlich feſſelte, daß nur der Klang der eingerafften oder zugeworfenen Gold⸗ ſtücke und die Ausrufe des Tailleur ſich hörbar machten: „Faites votre jeu, Messieurs“— nie hinzuſetzend: Mes- dames, wie Viele immer ſpielen mochten—; dann:„Rien ne va plus;“ zuletzt die Nennung der Nummer, welche gewonnen, und der Farbe, welche verloren. Da gewahrte Curt einen Bekannten, der die Tafel überſchaute. Die Unge⸗
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