Jahrgang 
1857
Seite
265
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V

Doch, doch, entgegnete die Gräfin lebhaft, fuhr aber

ruhiger fort:es iſt wahr, das Spiel hat mich erſchüttert, mir die Sinne ſchwindeln gemacht, die Nerven faſt zerriſſen. Gleichwohl liegt etwas Unbeſchreibliches, ein namenloſer Reiz im Gefühle ſolcher Aufregung. Ringsum ſtreift ſich Alles von uns ab. Wir berühren die Grenze der Außen⸗ welt; noch ein kurzer Schritt, und wir wären darüber hin⸗ aus...

Von Neid? wiederholte Curt;wen könnten Sie und um was beneidet haben?

Den jungen Mann um ſein Glück, erklärte die Gräfin.

Einfach um ſein Glück, Sie, die nicht unglücklich ſind? warf Curt ein.

Nicht einfach um ſein Glück, verſicherte Hedwig,ſon⸗ dern um Das, was ſein Glück ihm gab.

Alſo um das Gold und die Banknoten? ſagte Curt im Tone der Verwunderung.Ein Wort von Ihnen, Hed⸗ wig, o nein, es bedarf keines Wortes, die leiſeſte Andeutung von Ihnen, und der Graf freut ſich, das Doppelte, das Zehnfache Ihnen zur Verfügung zu ſtellen.

Glauben Sie das? dehnte die Gräfin.Nun, ich will es auch glauben. Aber einer Andeutung, eines Wortes würde es doch bedürfen.

Kennt der Graf Ihren Wunſch? fragte Curt.

Er könnte ihn wiſſen, ſagte die Gräfin.

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Die Gräfin ſchwieg; Curt auch. Dann fuhr Jene fort:

Es war eine Zeit, wo ich meinte, wo ich hoffte, es werde

Dazu kam bei mir eine Anwandlung von Neid.

eine kommen, die jedes Geheimniß zwiſchen uns verbanne. Die Zeit iſt nicht gekommen; mein Vertrauen zu Ihnen iſt geblieben. Sie ſind mir der Freund von damals.

Sie berühren einen Schmerz Hedwig, verſetzte Curt, mit welchem ich lange gekämpft und den ich noch nicht beſiegt habe. Die Zeit, die kein Geheimniß zwiſchen uns dulden

ſollte, war der Pulsſchlag meines Lebens und iſt es noch.

Keinen Traum, keine Träume, lieber Curt, warnte die Gräfin. Und doch iſt es ſchön zu träumen, ſprach dieſer,

doppelt ſchön, wenn die Möglichkeit einwiegt, aus ſchönem

Traume zu ſchönerer Wirklichkeit zu erwachen. Am Grabe eines Abgeſchiedenen, im Moderdufte einer

Leiche, entgegnete die Gräfin.

Wieder ſchwiegen Beide, und wieder begann Hedwig:

Durch Menſchen, welche wir Beide lieben, hat das Schick⸗

ſal uns getrennt. Nur die Hand des Todes könnte uns ver⸗ einen. Sie wird mich früher abpflücken.... Sehen Sie mich nicht zweifelnd, nicht mit dem Wunſche an, daß ich mich

irren möge. Ich irre mich nicht, Curt. Blüthe um Blüthe,

Blatt um Blatt fällt von mir ab; ein leiſer Windhauch, ein

letzter Seufzer kann das ſchwache Blümchen knicken. Des⸗

Alſo möglich daß er ihn nicht weiß, folgerte Curt;

möglich auch daß er ein Wort, eine Andeut ng von Ihnen erwartet. Sie wollen damit zurückhalten?

Ich muß, entſchied die Gräfin.

Dann wünſchen Sie das Geld nicht für ſich, meinte Curt.

Nein, nicht für mich, beſtätigte Hedwig.

So lebt nur Einer, für den Sie es wünſchen, ſprach Curt.

Mein Vater, ſagte die Gräfin.

Auf ihn rieth ich, erwiederte Curt.

Sie riethen auf meinen Vater, erhob ſich Hedwig, Sie, der Sie mir nicht nahe ſtehen wie der Graf. Was Sie erriethen, könnte er wiſſen.

Seien Sie nicht ungerecht, liebe Hedwig, bat Curt. Hätte der Graf von Ihnen gehört, was Sie mir geſagt, würde er errathen haben wie ich. Sonſt wäre auch mir kein Gedanke an Ihren Vater gekommen. Ich rieth auf ihn, weil weil ich auf Niemand anders rathen konnte.

die Augen.

Nein, nicht blos deshalb, da Sie fordern, daß ich es ſage, geſtand Curt.

Nun, weshalb? drängte die Gräfin.

halb, ehe ich gehe, möchte ich meinen Vater ſorgenfrei, meine Mutter glücklich ſehen. Die Ihrige wollte die mittelloſe Tochter nicht empfangen. Sie gehorchten, wie Sie gehor⸗ chen mußten. Da warb der Graf um mich. Sie hatten entſagt, und ich entſagte. Ich verlobte und vermählte mich dem Grafen. Unter Thränen küßte mein Vater und küßte meine Mutter ihren Dank und ihren Segen mir auf die Stirn. Mein Herz zuckte; Sie reiſten nach Italien. Dann geſchah, was ich ihnen nicht verſchweigen will, was ich dem Grafen nicht verſchwiegen habe. In Einem Tage, in Einer Stunde mußte es ſich entſcheiden, ob mein Bruder gebrand⸗ markt oder mein Vater für ihn eintreten und zum Bett ler werden ſollte. Mein edler Vater preßte die Lippen zu⸗ ſammen, drückte meiner Mutter und mir die Hand und wurde ein Bettler.... Mein Vater, meine Mutter und

ich waren zu ſtolz es war ja nicht Liebe, die mich dem

Grafen vermählt

ihn um Hilfe, um Rettung anzuſprechen. Was ich Ihnen geſagt, ſagte ich dem Grafen, als die Hilfe gefunden und kein Brandmal auf meinen Bruder gekom⸗

men war. Blos deshalb? forſchte Hedwig und ſah Curt voll in

Und der Graf? warf Curt ein. D

Der Graf bedauerte, lächelte Hedwig. Das Lächeln verflog, und zu Curt aufblickend fragte ſie:Meinen Sie

noch, daß ich dem Grafen meinen Wunſch andeuten ſoll?

Weil, ſchwankte der Gefragte,weil aber das iſt

ſchon einige Zeit her und hatte gewiß wenig oder keinen Menſchen ſind ja ſo ſchnell mit liebloſen Reden zur Hand. Und Ihr Vater, Hedwig, woher ſollte ihm eine Geldverle

Grund die Rede von einer Geldverlegenheit ging. Die

iſt der Quell und Lohn meines Vertrauens.

genheit kommen? Ich weiß ich darf ſagen, ich weiß, denn

es war ſein eigener Ausſpruch daß er nicht beſitzt, was man jetzt Vermögen zu nennen pflegt. Aber er war Major, hat Majorspenſion, und ſeine Häuslichkeit iſt ſo bekannt wie die Wirthlichkeit ihrer Frau Mutter.

Und dennoch iſt die Rede wahr geweſen, antwortete die Gräſin;die Geldverlegenheiten meines Vaters ſind größer als ſeine Mittel, ſich von ihnen zu befreien. Die Lücke, welche er heute ausfüllt, gähnt ihn morgen als Kluft an.

Nein, nein! rief Curt, und ſetzte weich hinzu:o daß ich nicht ſagen kann: nimm die Sorge aus Deiner Kindes⸗ ſeele!

Ich weiß, guter Curt, daß Sie das nicht können, er⸗ wiederte die Gräfin;zu wiſſen, daß Sie es thun würden, Aber Eins können Sie für mich thun.

Was? Hedwigz; ich thue es, betheuerte Curt.

Nun Sie wiſſen, erklärte die Gräfin,weshalb ich den jungen Mann um ſein Glück und um Das beneidet habe, was ſein Glück ihm gab. Was ich ihn gewinnen ſah, hätte ausgereicht meinen Vater ſorgenfrei, meine Mutter glücklich zu machen. Warum ſollten die Karten ſchon um ſolchen Zweckes willen mir weniger günſtig ſein? Und wie ſich das fügt! fuhr ſie traulich fort.Heute Morgen ließ der Graf einige Goldſtücke fallen. Sie rollten mir

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