Jahrgang 
1857
Seite
264
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Dieſe Hölle, eine Maſchine von der verſchiedenſten Form*), faßte ſehr oft ein Feuerwerk in ſich, das am Ende der Luſt⸗ barkeit vor dem Rathhauſe angezündet wurde. Dieſes luſtige Schönbartlaufen dauerte bis zum Jahre 1539. In demſelben war es beſonders prachtvoll und es liefen aus den adeligen Geſchlechtern 135 Perſonen mit, deren Klei⸗ dung von Atlas war mit goldnen Flügeln auf weißen Hüten, 49 andere vornehme Bürger trugen Teufelskleider. Bei dem Zuge aber war eine Hölle, durch welche der damalige erſte proteſtantiſche Geiſtliche Nürnbergs, der nachmals ſo bekannt gewordene Dr. Andreas Oſiander, ſatiriſirt wurde. Oſiander, ein heftiger Mann, hatte(wie alle proteſtantiſchen Geiſtlichen damals thaten) gegen die Weltluſt der Nürnber⸗ ger von der Kanzel geeifert und dadurch Vornehm und Gering gereizt. Die Schönbartsgeſellſchaft ſann auf Rache und ließ zu Faſtnacht ihrem Zuge eine Hölle nachfahren, ein Schiff mit Rädern, welches die Rothſchmieds⸗ und Meſſerer⸗ lehrlinge zogen. Auf dem Schiffe aber ſtand ein dicker Pfaffe, der ein Brettſpiel ſtatt eines Buches in der Hand und mehrere Narren zur Seite hatte. Der Pfaffe aber war dem Dr. Oſiander ſo ähnlich, daß Jedermann ihn ſofort erkannte. Das Volk jubelte, aber Oſiander beklagte ſich beim Rathe und ſetzte es durch, daß die Schönbartshauptleute auf den Thurm geſetzt und das Schönbartlaufen auf immer verboten wurde. Zwar ſtürmte das wüthende Volk das Haus Oſian⸗ ders, aber das Verbot blieb dennoch in Kraft. Später mögen wohl einzelne Zünfte das Verbot, ſich zu verlarven, wieder umgangen haben, da man findet, daß im Jahre 1615 einige der Rothſchmiedsgeſellen bei ihrem Faſtnachtszuge mit dem Schönbarte liefen. Die Geiſtlichen ſcheinen aber dieſer Sitte ſtets abhold geweſen zu ſein, denn in dem obengenannten Jahre wurde den verlarvten Rothſchmiedsgeſellen, als ſie vor dem Rathhauſe vorüberzogen,von dem erbarn Rathe ge⸗ boten, daß ſie alle die Schönbart hinwegthun und mit offenen Geſicht laufen mußten, ſowohl wegen der Herren Prediger, die am Sonntage zuvorwider das vermummen und ver⸗ kappen ernſtlichen geprediget, daß der heßliche Schönbart eine Teuffels⸗Larve und große Sünde ſei, als auch wegen der

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) Manchmal ſtellte ſie einen Elephanten dar mit Thurm und Mannſchaft, manchmal einen Feuer ſpeienden Drachen, manchmal einen Mann, der Kinder oder einen Teufel, der alte häßliche Weiber fraß, manchmal einen Backofen, in dem Narren gebacken wurden ec.

kleinen Kinder, daß dieſelben nicht furchtſam gemacht würden, dann auch wegen der ſchwangeren Frawen, daß dieſelben nicht etwas daran erſehen und der Leibesfrucht ein Mal zeichen anhengen möchten. Auch in anderen Städten wurde am Faſtnacht die Luſtbarkeit desMummenlaufens mit verſchiedenen Nebenbeluſtigungen ſehr ſtark betrieben und

es war z. B. in Leipzig der Gebrauch, daß die Handwerksge⸗

ſellen zu Faſtnacht verlarvt durch die Straßen mit einem Pfluge zogen, an den ſie alle Mädchen ſpannten, deren ſie habhaft werden konnten, um ſie dadurch zu verſpotten, daß ſie im vergangenen Jahre nicht geheirathet hätten. Im Jahre 1499 hatte dieſe Luſtbarkeit einen tragiſchen Ausgang. Ein Burſch wollte ein junges Mädchen zum Pfluge ziehen, ſie entfloh in ein Haus und ſtach, als der Zudringliche auch dahin folgte, ihn mit einem Meſſer nieder. Der Rath ſprach ſie von dem Verbrechen des Mordes frei. Auch zu Pfing⸗ ſten gab es dergleichen Beluſtigungen, allerdings oft in dem rohen und grauſamen Geſchmacke jener Zeit. So in Frank⸗ furt a. M., wo die Fiſcher,(die daſelbſt ebenſo wie die Sack⸗ träger, Schröder, Kutſcher, Höcker, Schulmeiſter und Tage⸗ löhner eine Zunft bildeten) an den beiden erſten Pfingſttagen einen öffentlichen Tanz hielten, am dritten Tage aber nach Gänſen griffen, nämlich in der Weiſe, daß auf Kähnen fahrende Fiſcher lebendigen, an den Beinen darüber aufge⸗ hängten Gänſen, die mit Seife geſchmierten Hälſe abzu⸗ reißen ſuchten. Glücklicher Weiſe wurde dieſes ſcheußliche Vergnügen bald verboten und es blieb nur der Tanz nebſt dem Waſſerturnier, bei welchem 2 Fiſcher, von denen jeder in einem Kahne auf dem Main fuhr, auf einander losrann⸗ ten. Jeder hatte eine Wanne und eine Stange, mit letzterer führten ſie die Stöße gegeneinander, mit erſterer fingen ſie dieſelben, wie mit einem Schilde auf; derjenige, welcher den anderen durch einen ſtarken Stoß in den Fluß hinabwarf, war Sieger und gewann den Preis, der gewöhnlich in einem Stücke Tuch, einem Spanferkel, einem Hahn u. ſ. w. beſtand. In Frankfurt a. M. hielten auch die Viehhirten, welche, wie ſchon die BenennungenHirtenjungen, Hirtenknecht zeigen, ebenfalls in einer Art von Zunftverbande ſtanden, zu Pfing⸗ ſten auf der ſogenannten Pfingſtwieſe einen öffentlichen Tanz. Sie treiben dabei ihr Vieh in die Nähe des Tanzplatzes und hingen zur Verſpottung der faulen Mägde den unſauber ge⸗

haltenen Kühen einen Strohkranz an die Hörner.

Baden-Baden, und das Spiel.

Eine Warnung.

Von Dr. Woldemar Seyffarth.

Fortſetzung.

Sie erreichten die Bank am freien Berghange. Die hellen Gaslampen warfen von unten ihren Schein herauf, und auf weichen Wellen ſchwammen die Klänge der Muſik herüber.

Das Spiel hatte ſie angegriffen, Gräfin, begann Curt.

Warum Gräfin? erwiederte dieſe;warum nicht Hedwig? Verhältniſſe ſollten nicht das Wort der Freund⸗ ſchaft ändern.

Ich habe verlernt, weil verlernen müſſen, Hedwig zu ſagen, betonte Curt.

So lernen Sie es wieder, lieber Curt, lächelte die Gräfin;Sie hören, ich nenne Sie, wie der Graf Sie nennt.

Das Wiederlernen iſt leicht, Hedwig, verſetzte Curt leichter als das Verlernen, und doch bisweilen ſehr ſchwer.

Aber Sie haben Recht, lenkte die Gräfin ab,das Spiel hat mich angegriffen.

Sie hätten mich beinah erſchreckt, ſo bleich ſahen Sie aus, bemerkte Curt.Es iſt ein gefährliches Spiel, ſolch' großem Spiele zuzuſehen. Wir wollen es nicht wieder wagen.