261
unter dieſen iſt wieder Heilsberg die bedeutendſte, wenn⸗ gleich Guttſtadt einen ſehenswerthen„Thum“(Dom) aufzuweiſen hat, der nur dem Frauenburger nachſteht. Mußten wir Braunsberg als die bedeutendſte der ermländiſchen Städte bezeichnen, ſo iſt Heilsberg unſtrei⸗ tig die ſchönſte: ihrer reizenden Umgebung wegen. Die Stadt ſelbſt, an der Vereinigung der leichtfüßigen kleinen Simſer mit der Alle belegen, erhebt ſich, wenngleich ſie einen freundlichen Eindruck allerdings macht, nur wenig über das Maaß gewöhnlicher Kleinſtädterei*); allein ſie gewährt, im Verein mit der ſchönen Umgebung, von den die Stadt einſchließenden Höhen aus geſehen, ſtets einen lieblichen Anblick. Wir fügen eine Anſicht der Stadt, die von dem nördlich von derſelben belegenen Mühlen⸗ berge aufgenommen worden iſt, bei und hoffen, daß ſie beſſer als unſer Wort unſere Behauptung beſtätigen werde. Wir ſtehen auf einer Anhöhe des linken Alle⸗ ufers, dem Mühlenberge. Uns entgegen rauſcht, einen in ſie gezwängten Damm, der ſie theilte, umſpülend, die ſchnelle Alle, die letzte Feſſel, eine Schleuſe, in ſchäumen⸗ dem Falle überſpringend. Vor uns, an den Ufern des Fluſſes, blinken uns freundliche Gärten an, aus ihnen erhebt ſich im Hintergrunde die Stadt, Kirche und Rath⸗ haus inmitten, zur Linken das altehrwürdige Schloß, nächſt der Marienburg das bedeutendſte in Preußen. Es iſt im Jahre 1240 gegründet*) und nach vielen Wechſel⸗
) Heilsberg hat 4989 Einwohner.
*) Als Gründer des jetzigen Schloſſes iſt Biſchof Johann I. von Meißen(1350— 55) anzuſehen, der auch den Bau der Burgen Rößel und Seeburg, ſowie der Frauenburger Kathedrale begann. Genaueres über Schloß und Stadt in architektoniſcher und geſchichtlicher Hinſicht
von den. einſamen Strauche an ihrer fernen
fällen und nachdem es vielen Biſchöfen zur Reſidenz ge⸗ dient, im Laufe der Zeit zur Ruine geworden, die gegen⸗ wärtig zu einem Krankenhauſe der Barmherzigkeit wohn⸗ lich hergerichtet werden ſoll.
Von den genannten Höhen iſt der Kreuzberg, 475 Fuß über den Meeresſpiegel hinausragend, die bedeutendſte. Und iſt nun Heilsberg auch ſtolz auf dieſen„Berg,“ ſein Augapfel iſt und bleibt das liebliche Simſerthal, in deſ⸗ ſen Tiefe die kleine, murmelnde Simſer lockend ihr ſchö⸗ nes blaues Auge aufſchl ägt, flüchtig mit dem mächtigen Steingerölle plaudert, das ihr flaches Bette füllt und dem lauſchenden Gebüſche an den Ufern ſehnſüchtige Grüße Quelle be ſtellt. Doch verliert leider das Thal, deſſen Hänge einſt üppige Geſträuche ſchmückten, von Jahr zu Jahr an Schöne und Lieblichkeit. Der nimmer genügſame Menſch durchfurcht begehrlich⸗empfindungslos die einſt buſch⸗ reichen Hänge und verſucht ſelbſt dem fraudde Boden der Berge das goldene Korn zu entlocken. Jährlich mehr und mehr ſchwinden die Gebüſche, die Nachtigallen ſind kopfſchüttelnd weggezogen, die Moosbänke von den Thal waſſern zerriſſen, zierliche Brücken verwittert; die ſchöne Natur weicht langſam, langſam, doch merklich ſichtbar der allmächtigen„Cultur.“ Wo läßt die Gewaltige uns zu⸗ letzt ein unberührtes Plätzchen zur ſüßen Ruhe in den ſtillen Feierabendſtunden?
findet man in der erſten Lieferung des ſehr werthvollen Werkes:„Denk⸗ male der Baukunſt in Preußen, nach Provinzen geordnet, gezeichnet und herausgeg. von F. v. Quaſt. Berlin 1852.“(6 Blätter Anſichten von Schloß und Stadt, nebſt mehreren Blättern Text). Weitere Liefe⸗ rungen dieſes koſtbaren Werkes ſind uns nicht bekannt geworden.
Beluſtigungen der Handwerker im Mittelalter.
Die neuere Zeit hat in ihrem Alles nivellirenden Treiben
die meiſten der Eigenthümlichkeiten des Mittelalters ver⸗
ſchwinden laſſen und nur durch oft dürftige Mittheilungen iſt uns Kenntniß von dem friſchen und kräftigen Leben jener Dieſes friſche und kräftige Leben tritt
Periode geworden. zumeiſt bei den Gewerken hervor, welche in enger Gliede⸗ rung*), eine geſchloſſene Phalanx, die feſte Grundlage und Stütze des damaligen Bürgerthumes bildeten. Wie aber
bei innerem Wohlbefinden der Frucht auch die äußere Schale
die Merkmale der kräftigen Entwickelung zeigt, ſo gab ſich im Mittelalter auch die gedrungene Tüchtigkeit der Zünfte durch die Aeußerungen geſunder Fröhlichkeit kund. Dieſe Fröhlichkeit erhielt ihren Ausdruck in den Feſten, welche früher von allen Zünften, theils jährlich, theils in gewiſſen Zeit⸗ räumen wiederholt und am Meiſten in der alten, freien und gewerbreichen Reichsſtadt Nürnberg gefeiert wurden. Faſt⸗ nacht und Pfingſten waren die Punkte im Jahre, an denen man zunächſt dieſe Feſte beging.— Wir gedenken zunächſt der Aufzüge und Tänze, welche von den Angehörigen der einzelnen Züinſte am Aſchermittwoch aufgeführt wurden.
⁵) Wie feſt dieſe Gliederung war, ergiebt ſich aus dem Umſtande, daß im 13. Jahrhunderte in der italieniſchen Stadt Piſtoja die Zunft⸗ beſtimmung beſtand, daß, wer aus dem Gewerbſtande die öffentliche Ruhe ſtören würde, zur Strafe in das Adelsverzeichniß aufgenommen und damit von allen öffentlichen Aemtern ausgeſchloſſen werden ſollte.
In den ſüddeutſchen Städten war es beim Schreiner⸗ handwerke Sitte, an dem genannten Tage eine feierliche Proceſſion zu halten. Unter Trommel⸗ und Pfeifenklang gingen die Geſellen je 4 in einem Gliede, alle trugen Schreinerwerkzeuge verſchiedener Art, ihre Fahne war roth. und weiß und entweder mit dem Wappen der betreffenden Stadt oder mit dem Schreinerzeichen, der Arche Noah in bunten Farben geſchmückt. Die Fahne aber war von Hobel⸗ ſpänen und ſo gut gefertigt,„als wäre Alles von Taffet und Seide“. Die Geſellen waren ſchön gekleidet und mit Bän⸗ dern, Feldbinden und Federhüten geſchmückt, aber Kleidung und Schmuck war lediglich aus gefärbten Hobelſpänen gemacht; alle hatten an der Seite den Degen, vor dem Zuge her wur⸗ den ein großes Portal, Säulen, Scepter und Reichsapfel getragen. So gingen ſie mit Muſik vor jedes Meiſters Haus, dann auf ihre Herberge, wo ſie vier Tage lang Tanz hielten. Am vierten Tage aber wurden nach dem Abendgebete einige Geſellen zur Kurzweil des Publikums gehobelt. In Frank⸗ furt a. M. zogen noch an demſelben Abend die Schreinergeſellen mit brennenden Lichtern und fliegenden Fähnlein auf die Mainbrücke und warfen die Lichter in den Fluß, um damit anzudeuten, daß jetzt die Lichtarbeit aufhöre.
Maleriſcher waren die Umzüge der Böttcher und Tuch⸗ knappen. Beide hielten zu Nürnberg am Aſchermittwoch ihre
Reiftänze, die Böttchergeſellen in rothen, tuchenen Hoſen,


