Jahrgang 
1857
Seite
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erreicht dieſes Gewirre am Peter⸗Paulstage(29. Juni), und ein ſchwaches Bild deſſelben verſucht zugleich unſre Anſicht der KircheHeilige Linde zu geben.

Nach dieſen allgemeinen Umblicken fordere ich den Leſer auf, mit mir Ermia's fruchtbare Gefilde zu betreten und bin überzeugt, daß ſie ihm manche recht freundliche Anſicht bieten werden, die er in demrauhen Norden ſicher nicht geſucht hätte.

II. Die Paſſarge und Brannsberg.

Sehen wir von den politiſchen Grenzen Ermlands ab auf die von der Natur gezogenen, ſo finden wir eigent⸗ lich nur eine derartige feſte Marke an der Weſtgrenze: die in vielfachen Win⸗ dungen ſich hinziehende,. 1e1 lieblich heitere Paſ⸗ ſarge. Bei dem katho⸗ liſchen Kirchdorfe Gries⸗ lienen, deſſen Pfarrhaus 517 Fuß über dem Spie⸗ gel der Oſtſee ſteht, aus einer 462 Fuß hoch lie⸗ genden Quelle entſprina cccce gend, fließt ſie in einem Laufe von etwa 16 Mei⸗ 3 len nach der bedeuterdd? ſten Stadt des Ermlan⸗ des hinab, nach dem eine Meile von ihrer Mün⸗ dung, nur noch 40 Fuß über dem genannten Meeresſpiegel, belege⸗ nen Braunsberg.

Gleich einer unver⸗ zärtelten Jungfrau des Landes, demſie angehört, ſtrahlt die zierliche Paſ⸗ ſarge in friſcher Schöne, und gern weilt der Wan⸗ derer an ihren idylliſchen Ufern, ſich gedankenvoll in den Spiegel ihrer kla⸗ ren Wellenaugen verſen⸗ kend. Nur ein verſtein⸗ tes Herz bliebe kalt und jauchzte nicht freudvoll auf, wenn es zum erſten Maleder holden Jung frau bei dem im Braunsberger Kreiſe belegenen Kirch⸗ dorfe Schalmey begegnet. Vom hohen Uferrande aus ſchaut man tief, tief hinein in das weite offene Thal, deſſen grünende Wieſen die ſchlanke Paſſarge in poeti⸗ ſchen Windungen, bald fliehend und bald nahend, mit leiſem Rieſeln durchzieht. Die Windungen des Fluſſes haben die breite Wieſenfläche in intereſſante und oft wunderliche Gebilde zerſchnitten, namentlich aber feſſelt ein der Lyra täuſchend ähnlich geformtes Wieſenſtück unſre ganze Aufmerkſamkeit, um ſo mehr, als die Schat⸗ tirungen des üppigen Graswuchſes ohne zu große An⸗ forderungen an die Phantaſie des Beſchauers zu ſtel⸗ len, auch die Beſaitung dieſes claſſiſchen Inſtrumentes wiedererkennen laſſen. Bewaldete Ufer umkränzen das romantiſche, ſich in weiter Ferne ausdehnende Thal, in

Der Dom von

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welches zahlreiche Pfade ſchlängelnd hinabführen und in deſſen Mitte, aus einem fernen Dorfe heraus, ein alters⸗ grauer Kirchthurm als ein ernſter Wegweiſer zum Him⸗ mel emporragt.

Die herrliche Partie überraſcht um ſo mehr, als ihre nächſte Umgebung dürr und mager erſcheint, und der eilende Wanderer, wenn er in der langweiligen Pappel⸗ allee der ſtaubigen Chauſſee müde einherſchreitet, ahnt nicht, welch köſtlich Thal ihm Ruhe winkt. Er zieht vorüber und läßt, wie es der ſchwache Menſch unbewußt ja ſo häufig thut, ſein Glück bei Seite liegen.

Gehört die Paſſarge ſelbſt nur in ihrem untern Laufe dem Ermlande an, während ſie, wie ſchon geſagt, faſt die ganze Weſtgrenze deſſelben beſpült, ſo ſind zwei ihrer

Nebenflüſſe dem Lande

Warmo's völlig eigen:

die Drewenz, woran

Wormditt, und die

Walſch, an deren Ufern

Mehlſack gelegen. Au⸗

I ßer den bis jetzt genann⸗

ten Städten haben wir

im Braunsberger Kreiſe

nur noch Frauenburg

mit ſeinem dem Leſer be⸗

reits bekannten Dome zu

Mu⸗K merken. ẽ½² Braunsberg, die ehemalige Hauptſtadt des Ermlandes und zur Zeit der Ordensherrſchaft be⸗ deutende und reiche Han⸗ ſaſtadt, iſt auch gegen⸗ wärtig noch die anſehn⸗ lichſte der ermländiſchen Städte, ſowol hinſicht⸗ lich der Größe als der Bedeutung. Die Stadt, angeblich von dem Bi ſchof Bruno von Olmütz, der den König Ottokar von Böhmen, den Grün⸗ der Königsbergs, auf ſei⸗ nem Zuge gegen die heid⸗ niſchen Preußen(1255) begleitete, begründet(da⸗ her Bruns⸗, dann Braunsberg), hat 9340

Einwohner, wovon 6699

der katholiſchen Kirche angehören, und wird durch die Paſſarge in Alt⸗ und Neuſtadt geſchieden. Sie macht auf jeden Fremden einen recht freundlichen Eindruck und entfaltet, im Vergleich zu allen übrigen ermländiſchen Städten, einen gewiſſen Glanz. Zur Ordenszeit mit dem Stapelrecht über alle ermländiſchen Produkte(vor⸗ züglich Flachs, Leinwand, Getreide) bedacht, hat ſie auch heute noch einen bedeutenden Markt und iſt in faſt all⸗ einigem Beſitze des ausgebreiteten ermländiſchen Flachs⸗

handels, wenngleich die letzthin gemachten Anſtrengungen,

die Stadt durch Etablirung eines großen Flachsmark

tes zum Mittelpunkt dieſes wichtigen Handelszwei⸗

ges für die ganze Provinz zu machen, von keinem durcha

ſchlagend günſtigen Erfolge gekrönt worden ſind. Auch die Wiſſenſchaft als ſolche findet im Ermlande nur allein

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Frauenburg.