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Rücken die Katze folgte. Beide Thiere waren bei Mar⸗ greth' wohl gelitten und beide vertrugen ſich auch trefflich
mit einander, wenn ſie ſtill neben ihrer Herrin liegen Die Katze ſchien heute beſonders gut gelaunt
durften. zu ſein, denn ſie ſpann mit ſolcher Ausdauer und ſo laut, daß dies einförmige, ſo gemüthlich klingende Schnurren des Thieres Uwe's Heiterkeit weckte.
„Mietze hat es ſehr gut auf Dich, Margreth',“ ſprach er, ſein Schnitzmeſſer neu ſchärfend.„Du haſt ihr gewiß einen Rahmtopf extra zum Naſchen vorgeſetzt.“
„Es wird Beſuch kommen,“ antwortete Margreth', „das iſt Alles. Hell ſpringende Kohlen verheißen eine glückliche Botſchaft, laut ſpinnende Katzen zeigen Beſuch an, und daß er heute noch kommen will, verräth mir das Jucken des kleinen Fingers.“
„Ich denke, Du glaubſt nicht an ſolche Dinge,“ warf
das junge Mädchen ein.„Sonſt mochteſt Du doch nichts
davon hören.“
„Ich bin klüger geworden,“ ſagte Margreth'.
„Seit Du ſo ſchweigſam biſt und Dich ganz weiß kleideſt, wie ein altes Mütterchen?“
„Klugheit ſchweigt immer, und weiß kleid' ich mich, weil es mir ſo gefällt.“
„Du biſt aber doch nicht alt.“
„Alt nicht, aber gealtert.“ „Laß ſie doch, Schweſter,“ fiel Uwe ein. hat Recht. Margreth' wird mißmüthig.“
Dieſe warf dem Jünglinge einen ſtrafenden Blick zu, der vollkommen genügte, ihn ſtumm zu machen.
„Vater
„Thu', was Du ſollſt, Uwe, und rede nichts Ueber⸗
flüſſiges. Haſt' dann Frieden allerwärts und brauchſt Dich nicht über Schaden zu beklagen, den Du mit Dei ner Zunge angerichtet haſt. Gute Rede klingt hell, wie Silber, Schweigen aber iſt lauteres Gold.“
Der Hund hob jetzt den Kopf, blickte ſtarr nach dem großen Thorwege, wedelte mit dem Schwanze und begann leiſe zu knurren.
„Was haſt'?“ wendete ſich Margreth' an das ſeit Jahren anhängliche Thier.„Witterſt' Beſuch?“
Der Hund hatte ſich ſchon erhoben und ſchritt lang ſam durch den Peſel nach den Pferderaufen, an denen er wie unſchlüſſig hinſtrich, manchmal noch einen Blick nach der Gruppe am Herde zurückwerfend.
Jetzt ward die Thür am Thorweg haſtig aufgeſtoßen und die breite Geſtalt des Hofbeſitzers zeigte ſich in der Oeffnung.
„Der Baas!“ ſagte Margreth' verwundert, denn ſie hatte noch niemals bemerkt, daß Nero beunruhigende
Zeichen bei der Heimkehr des Hausherrn gegeben. Eine
Erklärung für dieſe Unruhe des treuen Hundes enthielt
aber die Anrede des Hoſbeſitzers, der von der Thür' aus
ſeinem Sohne zurief: „Geſchwind, Uwe, nimm die Kluthſtöcke und komm nach dem Haffdeiche. Ein kleines Fahrzeug hat ſich feſt⸗
gefahren in Schlick und iſt in Gefahr bei der ſtarken
Brandung des ablaufenden Waſſers umgeſchlagen zu wer⸗ den. Ein paar entſchloſſene Hände bringen hier Rettung.“
Uwe hatte ſein Schnitzmeſſer ſchon weggeworfen. Mit zwei gewaltigen Ruderſtangen auf der Schulter folgte er dem Vater. Auch Nero ſuchte in's Freie zu kommen, ward aber von Claas ſo barſch in das Haus zurückgewieſen, daß er gebückt umkehrte, zaudernd zwi⸗ ſchen den Raufen fortſchritt und ſich knurrend Margreth' wieder zu Füßen legte.
kam ſich vor wie verzaubert.
„Biſt klug,“ ſprach dieſe, das Thier ſtreichelnd.„Bleib' hier und paß' auf. Kommt was Friedliches oder Frem⸗ des, ſo kannſt Du's in Zeiten durch Anſchlagen melden.“
Die jugendliche Tochter Claas' bemerkte kein Wort zu dieſen Auslaſſungen ihrer mütterlichen Pflegerin. So verging etwa eine Viertelſtunde, ohne daß man etwas Anderes hörte, als das Geklapper mit Schüſſeln und Tellern, das Schnurren der Katze und das leichte Ge räuſch der ſich drehenden Spindel. Plötzlich ſprang der
Hund wieder auf, durchmaß mit wenigen langen Sätzen den ganzen innern Raum des ziemlich langen Gebäudes,
kratzte an der geſchloſſenen Thür und erhob ſchnüffelnd ein lebhaftes Gebell.
„ Hatteſt doch Recht, Margreth', es kommt Beſuch,“ ſagte das am Heerde beſchäftigte junge Mädchen.
„Und erwünſchter dazu,“ ergänzte ihre mütterliche Freundin.„Der Hund bellt erwartungsvoll, nicht ängſt⸗ lich. Wären es Feinde, würde er heulen.“
Wenige Augenblicke ſpäter trat der Baas ein, von drei Männern gefolgt, die ihrer Kleidung nach Jeder für Seeleute halten mußte. Uwe auf des Vaters Weiſung war draußen am Deich geblieben, um ein Auge auf das wenig geſchützte Fahrzeug zu haben, denn die Fremden wollten ihrer Verſicherung nach nur eine Pflicht erfüllen und ſich ſodann wieder einſchiffen, um nicht genöthigt zu werden, über Nacht am Feſtlande bleiben zu müſſen. Margreth' ließ bei dem Eintritt der Fremden das Spinnrad ruhen und blieb regungslos ſitzen. Man konnte ſie für eine Statue halten.
„Seht zu, ob Ihr recht ſeid in dieſem mir zugehören⸗ den Hauſe,“ ſprach Claas zu ſeinen Begleitern.„Dieſer Hof heißt Bombüll, ward im Jahre 1713 von den Sten⸗ bock ſchen Reitern verbrannt, weil mein damaliger Knecht Ipſen einen der Ihrigen mit der Holzaxt erſchlug und die Perſon, um derentwegen dieſe Blutthat geſchah, ſitzt dort und nennt ſich Margreth'.“
Bei dieſen in barſchem Tone geſprochenen Worten entfiel Margreth' die Spindel. Sie ſtand langſam auf, hielt wie ſchirmend ihre linke Hand über die Augen, um die heranſchreitenden Männer bequemer betrachten zu können, und ſprach dann mißbilligend zu Claas:
„Habt Ihr Uebles mit mir im Sinn, Baas? Dürft' es nur ſagen und ich mach' Platz. Das Leben iſt mir längſt eine Laſt, und bin ich wo ungern geſehen, tret' ich unangeſtoßen zur Seite. Wer ſtachelt Euch auf, von einem Verſchollenen in ſolcher Weiſe zu ſprechen?“
„Sei gut, Margreth', und halt' an Dich!'s Iſt nicht um mich, Deinetwegen ließ ich meiner Zunge freien Lauf. Frag' die da— ſie werden Antwort geben.“
„Er deutete auf ſeine Begleiter und trat zur Seite. Halb zürnend, halb traurig ruhten ſeine Blicke auf der hochaufgerichteten Geſtalt der treuen Erzieherin ſeiner Kinder. Dieſe kehrte ſich jetzt mit fragendem Auge den Fremden zu.
„Wenn Du das Mädchen biſt,“ nahm nunmehr Paſtor Cruppius das Wort,„das vor längeren Jahren mit dem
Knechte Niß Ipſen verlobt war, der, wie dieſer Mann
uns bereits verſichert hat, damals in ſeinen Dienſten ſtand, ſo ſind dieſe Zeilen an Dich gerichtet.“ So ſprechend überreichte er der Erſtaunten den für ſie beſtimmten Brief.
Margreth' empfing das Papier, ohne eines Wortes mächtig zu ſein. Sie wußte nicht, wie ihr geſchah, und Da gedachte ſie der dun⸗


