Jahrgang 
1857
Seite
256
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keln Rede der alten Magdala im Gotteskargſee. Schnell riß ſie den Brief auf, zugleich aber ließ ſie auch betrübt das Papier ſinken, denn ſie wußte ja, daß ſie Geſchrie⸗ benes immer nur mit großer Anſtrengung habe leſen kön⸗ nen. Eine natürliche Scheu hielt die Verſchämte ab, dies den Männern gegenüber zu geſtehen. Sie reichte deshalb den Brief mit der Entſchuldigung:das Heerd⸗ feuer blendet mich dem Baas, der ihn wieder im Ge⸗ fühl eigener Schwäche an den Paſtor zurück gab. Dieſer entfaltete vollends das Blatt, und las folgende wenige, gerade in ihrer Kürze und charakteriſtiſchen Ausdrucks⸗ weiſe aber auf Alle die tiefſte Wirkung hervorbringenden Worte:

So Du noch von der Geſinnung biſt, wie Du es damals warſt, da ich mit Dir alltäglich auf Bombüll diente; ſo komm zu mir nach dem Haag und werde meine Frau. Ich bin gegenwärtig Holländiſcher Admiral.

Niß de Bombüll, vormals Niß Ipſen, Dein getreuer Bräutigam.*)

Margreth' hörte mit angehaltenem Athem zu. Als Cruppius das merkwürdige Freiwerbungsſchreiben geleſen hatte, brach die Glückliche in ein convulſiviſches Lachen aus, riß den Brief an ſich, küßte und benetzte ihn mit Freudenthränen und ſagte dann, ihre Hand dem ſtumm zuſehenden Claas gutmüthig hinreichend:

War's nicht Recht, Baas, daß ich Nein ſagte? Ich wußt's, daß Niß noch am Leben ſei, denn ich fühlte ja ſeinen Herzſchlag hier an meinem Herzen! Seid nur gut, Baas, und Euch, Ihr wackern, Euch ſegne der Himmell Ich kann nur danken, nichts als danken und im Dank weinen, daß mir Gott ſo gnädig geweſen. Und Er iſt mir treu geblieben in Noth und Drangſal, in Sturm und Krieg! Und ich ſoll ihn wiederſehen und ſein Weib werden!

Thränen erſtickten ihre Stimme. Sie hielt die Schürze vor die Augen, nickte nochmals dankend den Männern und ging in ihre Kammer, wo man ſie den Riegel vor⸗ ſchieben und lange noch laut ſchluchzen, dazwiſchen aber betende Worte lallen hörte.

Wir ſind hier jetzt überflüſſig, ſprach Cruppius zu ſeinem Sohne,darum wollen wir nicht länger verwei⸗ len. Euch aber, Claas, bitten wir, uns ſchon Morgen, wo möglich, wiſſen zu laſſen, was Margreth' zu thun beſchloſſen hat.

Claas beſiegelte dies Verſprechen durch einen derben Handſchlag, worauf er die Sylter bis an den Haffdeich begleitete und ihnen glückliche Rückkehr nach ihrer Inſel wünſchte. Auf dem Rückwege erſt erfuhr Uwe, was in der kurzen Zwiſchenzeit ſich Seltſames zugetragen hatte.

Achtes Kapitel. Fröhliche Hochzeil.

An einem hellen Märztage prangte der Haag im Feſttagsſchmuck. Alle Häuſer waren mit Flaggen bedeckt,

*) Im Orginal lautete der Brief Ipſens:As Du nog van der Geſynnig biſt, t' welk Du weirſt, do ik mit dy daglick op Bombell dende; ſo kam to my na der Haag un war mye Frow. Ick bin te genwor⸗ dig Hollandiſche Admiral.

Nis de Bombell, vormals Nis Ipſen, dyn getruwe Brydigam.

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verbindlichſt grüßte.

einzelne mit Gewinden von Moos und Immergrün geſchmackvoll verziert. Am Anmuthigſten nahm ſich ein Landhaus aus, das mitten in einem kleinen Park lag, deſſen Bäume freilich noch blätterlos im Luftzuge ſchwank⸗ ten. Vom Eingange des Parkes bis zum Portal der ſchönen Villa bildeten die ſeltenſten Blumen gleichſam ein Spalier. Auch der Sandweg zwiſchen dieſer Allee von blühenden Topfgewächſen war mit Blumen beſtreut. Inſchriften ſah man da und dort auf flatternden Wim peln, die alle auf ein Freudenfeſt hindeuteten.

Vor den Zugängen zu dieſer Villa wogte eine unge⸗ zählte Volksmenge in der munterſten Stimmung müßig auf und nieder. Ihre Unterhaltung drehte ſich überall nur um das eine Ereigniß, das heute nicht blos den Haag und deſſen Bewohner, ſondern ganz Holland beſchäftigte. Der berühmte Mann, welcher vor einigen Monaten von der dankbaren Regierung für ſeine dem Vaterlande gelei⸗ ſteten großen Dienſte zum Admiral ernannt worden war, der Seeheld Niß de Bombell, wie er ſeitdem hieß, feierte heute ſeine Vermählung mit einem ſchlichten, armen, nicht mehr jungen frieſiſchen Mädchen. Alle Welt⸗war be⸗ gierig, die Glückliche zu ſehen, die von Vielen ihres Ge⸗ ſchlechts beneidet wurde. Denn mußte man auch die ſeltene Handlungsweiſe des merkwürdigen Mannes, wel⸗ cher der Geliebten ſeiner Jugend trotz des Unterſchiedes, welcher gegenwärtig zwiſchen ihm und der einfachen Magd beſtand, ſeine Hand reichte, in jeder Hinſicht edel und großſinnig nennen, ein Gefühl von Neid regte ſich doch in dem Herzen mehr als einer ſchönen Holländerin, daß eine Fremde, eine Verblühte ſo hohen Glückes theilhaftig werden ſollte.

Erſt vor einigen Tagen war Niß de Bombell aus Friesland zurückgekommen, wo er während der vergan⸗ genen Wintermonate in gänzlicher Zurückgezogenheit von der Welt gelebt hatte. Außer ſeiner Braut, der glück⸗ lichen Margreth', begleiteten ihn deren Pflegekinder und der Hofbeſitzer Claas, bei dem er früher als Knecht ge⸗ dient. Auch ein frieſiſcher Seemann kam mit an, den der Admiral, wie man ſagte, als früheren Kameraden hoch in Ehren hielt. Dies war der Steuermann Gerſon Cruppius, gegenwärtig Lehrer der Navigationskunde auf ſeiner Heimathsinſel Sylt, die er nunmehr nicht mehr zu verlaſſen gedachte. Den Schatz ſeiner Kenntniſſe, welche er auf Reiſen geſammelt, wollte Gerſon zum Gewinn für ſeine Landsleute ausmünzen. Seine frühere Beſchäf⸗ tigung mit den Wiſſenſchaften unter Anleitung ſeines ge⸗ lehrten Vaters befähigte ihn beſſer als jeden Andern dazu, weshalb er eine Art Navigationsſchule zur Bildung tüch⸗ tiger Seeleute auf Sylt gründete.

Kanonenſchüſſe verkündigten der harrenden Menge den Augenblick der Einſegnung des ungewöhulichen Braut⸗ paares. Einige Zeit darauf erſchien der Feſtzug, den eine Abtheilung Seeſoldaten, die unter Niß de Bombell tapfer gekämpft hatten, eröffnete. Eine Muſikbande zu Pferde folgte, dann kamen Land⸗ und See⸗Offiziere, hierauf der offene Gallawagen des Admirals, der in Paradeuniform, mit Orden geſchmückt, unbedeckten Hauptes neben der ſcheu um ſich blickenden Margreth' ſaß und nach allen Seiten hin auf die vielen Jubel⸗ und Vivatrufe des Volkes In einem zweiten Wagen bemerkte

man den alten Gefährten des zu ſo hohen Ehren gelangten

(Siehe Hanſen: Chronik der frieſiſchen Uthlande.)

Nordfrieſen, den Steuermann Gerſon Cruppius, den Hof⸗ beſitzer Elaas und ſeine Kinder. Als der rauſchende Hochzeitszug die Villa erreichte,