Jahrgang 
1857
Seite
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6 V Unterſchrift um Handſchlag.

Vertrag tritt mit heute in Kraft. Zuſatzartikel: In Betracht, daß im Spiellokale der Reunion lautes Geſpräch nicht ge

ſtattet iſt und leiſes Geſpräch unſtatthaft erſcheint, ſind beide,

Contrahenten einverſtanden, gleichzeitig ſich außerhalb jenes Lokals zu unterhalten. Erklärung: Sei es mittelſt Prome⸗ nirens und Sitzens im Kurſaale, oder mittelſt Anhörens des Concertes vor demſelben. Habe ich alter Diplomat den Sinn getroffen, fuhr der Graf fort,bitte ich ſtatt der

Damit bot er ſeiner Gemahlin die Rechte, dem Neffen die Linke und erhielt von beiden Gewährung.

Eben ſchlug es Acht, ſagte er dann,und vor fünf Minuten rückte der General in den Saal. Pünktlichkeit, die Artigkeit der Könige und die Pflicht anderer Menſchenkinder, iſt die Parole unſerer Partie. Wenn es alſo gefällig wäre, Heerr Neffe? Du kannſt unangefochten mitkommen; in V Vorausſicht Deiner Ankunft habe ich für Dich abonnirt. Und alle Drei ſtanden auf und gingen, die Gräfin am V Arme des vergnügten Grafen, nach dem großen Kurſaale.

Wer Gelegenheit gehabt hätte das Geſpräch zu hören, und Luſt die drei Perſonen zu beobachten, der hätte wohl, wie man bisweilen zwiſchen den Zeilen eines Briefes die Berichtigung des Geſchriebenen herausleſen kann, ſo in den Blicken und Mienen der Theilnehmer eine Erläuterung des Geſprochenen entdecken und dadurch ein Stück ihrer Geſin⸗ nungen herausfinden können. Nicht aus den Blicken und Mienen des Grafen. Die waren im Einklang mit ſeinen Worten. Sie bezeugten ſeine Freude über die Anweſenheit does Neffen, die Aufrichtigkeit ſeines Wunſches, daß er ihn nach Italien begleite, den eifrigen Willen, daß, während er

ſpiele, ſeine Gemahlin ſich nicht langweile, und den innern Triumph, nach langem, vergeblichem Suchen ſich im Beſitze V eines geeigneten Mittels zu ſehen, ſeinen Willen zur That u machen. Anders bei Hedwig und Curt. Wie wenig ſie auch miteinander ſprachen, wie fern ſie ſich von einander hielten, wie gleichgiltig ſie ſich zu ſein ſchienen, und wie ſelten ſſie einen Blick wechſelten, der gewechſelte verrieth und ihre Mienen beſtätigten, daß ſie ſich nicht fern ſtanden, ſich weder fremd noch gleichgiltig waren. Daher Hedwigs inniges Auf⸗ merken, wenn Curt redete; daher ihr Erröthen, als er an⸗ ddeeutete, daß es ihm jenſeits der Alpen, weil dort allein, minder gefallen habe als am Fuße des Schwarzwaldes, weil hiier bei ihr; daher ihr Lächeln über ſeinen Einwand gegen die Begleitung nach Italien, und daher ihr Zucken und der reaſche Druck ihrer Hand auf die Bruſt, als der Graf die Nothwendigkeit ſeiner Vermählung erwähnte; daher ihr leich⸗ teres Athmen bei Curts Verſicherung nie zu heirathen, und dann der bittende Blick, dem Grafen gegenüber den Wider⸗ ſpruch zu mäßigen; daher ihr zwiſchen Freude und Angſt ſcchwankendes Erſchrecken, daß der Graf ſie ihm abtreten woolle; daher das mädchenhafte Kämpfen gegen den eigenen Herzenswunſch, und zuletzt das frohe, doch zagende Fügen in den Willen des Gemahls. War es, daß eine heißere Gluth im Buſen des jungen Mannes loderte, oder daß er weniger als Hedwig gelernt hatte ſein Gefühl zu beherrſchen, mit ſichtbarer Gewalt zog er ſeinen Blick von ihr ab, unterdrückte er jedes Wort, das er für ſie auf der Lippe hatte, bot er ihr den Stuhl,

zur andern Seite des Grafen. Wohl unwillkührlich preßte er den Mund zuſammen, als der Graf ſeine Flitterwochen erwähnte und ahnungslos die Wochen für Curt zu Monaten machte, und es war kein heiteres Lächeln, aber ein verräthe⸗ riſcher Ton, mit welchem er ſeine Antwort auf die Frage des

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welchen er ſchon gefaßt, ſich neben ſie zu ſetzen, und ſetzte ſich

Grafen begleitete, wo es ihm beſſer behage, ob hier am Fuße des Schwarzwaldes, oder jenſeits der Alpen. Dagegen blitzte eine helle Freude in ſeinen Augen auf bei der Aeuße⸗ rung des Grafen, daß er ſeine Frage wiederholen wolle, wenn ſie drüben jenſeits der Alpen beiſammen ſitzen würden, Hedwig, er und Curt. Und hatte ſein Herz keinen Theil an dem Einwurfe, daß der Graf es ja hier ſchöner finde als dort, ſo klang es übervoll in dem Ausdrucke des Wunſches ſeiner Mutter und in dem verbiſſenen Laute: ohne Frau, und ſchien Luft zu ſuchen in der Verſicherung, er werde nie heirathen, und gab gern Hedwig's ihm zugeblickter Bitte nach. Wie ſein Athem ſtockte beim Vorſchlage des Grafen ihm Hedwig abzunehmen, krampfte ſich ſeine Bruſt. Sie erwei⸗ terte ſich, als er errieth, wie der Vorſchlag ſich geſtalten werde, geſtalten müſſe. Er lauſchte Hedwig's Einreden, gleich als wiſſe er, daß ſie den Grafen nicht beſiegen werde, und gleich als fühle er, daß ſie ihn nicht beſiegen wolle. Dann hing er, als gelte es ſein Leben und ſeines Lebens Seligkeit, mit allen Faſern ſeines Herzens an der Erklärung des Gra- fen, und die halbe Verlegenheit, mit welcher er ſein Verſtänd⸗ niß derſelben ausſprach, konnte ebenſo gut ſeine Beſcheiden⸗ heit bezeichnen wie das ihm klar gewordene Gebot, ſein Ent⸗ zücken zu bemeiſtern. Die Antwort, welche ihm Hedwig auf Geheiß des Grafen gab, mochte ihm im Voraus eine Gewiß⸗ heit ſein. Wie aber nach dem Schweigen des Sturmes das Meer noch Wogen rollt, ſo beruhigte erſt Hedwigs Antwort den Aufruhr ſeiner Gefühle. Die weitere Rede des Grafen gewann ihm Zeit, ſich ganz mit ſich zu einigen, und wenn auch ſchneller als Hedwig, geſchah es doch nicht mit Haſt, daß ſeine Hand die des Grafen ergriff.

Am dritten oder vierten Abende ſeit jenem Vorgange kehrten Hedwig und Curt, bald nachdem ſie den Grafen in das Spiellokal der Reunion geleitet und dieſer die Karten genommen hatte, in den Kurſaal zurück, wandelten, die Gräfin am Arme des jungen Mannes, mehre Male auf und ab, und wendeten ſich dann am Roulettetiſche vorüber nach dem Salon des paysages zur ovalen grünen Tafel des Trenterun und Rouge et Noir.

Es war dieſelbe Zeit, in welcher unter den dort Spie⸗ lenden beſonders Einer ſich bemerkbar und in den verſchie⸗ denen Kreiſen der Geſellſchaft von ſich reden machte. Denn wie verſchieden auch die Kreiſe waren, in allen bewegte ſich ein Theil des Tagesgeſprächs um das Spiel; ob man ge⸗ ſpielt habe oder nicht, Roulette oder Trente-un, in Num⸗ mern, oder Rouge et Noir; ob man gewonnen oder verlo⸗ ren; ob man ſpielen werde oder nicht; ob die Bank Glück habe oder keins, und nach welch' anderen Richtungen die Neugier oder das Intereſſe der Sprechenden ausging. Jener Eine war ein junger Mann, kürzlich angekommen und wenig bekannt, ſcheinbar unbedeutend, mit rundem Geſichte, fleiſchi⸗ gen Backen, blauen, gutmüthigen Augen, und lichtem Haar und Bart, durchaus anſpruchslos gekleidet. Man erzählte, er habe am Roulettetiſche unter den Zuſchauern in der ſogenannten Galerie geſtanden, neben einer jungen Dame und deren Mutter, ebenfalls Zuſchauerinnen; zwiſchen den Damen und ihm habe ſich ein Geſpräch angeknüpft, er in deſſen Folge die junge Dame gebeten, ihm eine Nummer zum Setzen zu bezeichnen, ſie Nummer 19 gewählt, er dieſe Ziffer mit zwanzig Franken in Gold einem Napoleon beſetzt und gewonnen. Er habe dann um Angabe einer zweiten Nummer gebeten, das Fräulein Nummer 29 ge⸗ wählt, er die 29 mit zwei Napoleons beſetzt und wieder ge⸗ wonnen. Statt das Spiel fortzuſpielen, ſei er mit den in ſolcher Weiſe erworbenen hundertundfünf Goldſtücken zum