Trente-un gegangen, habe ſie dort um mehre tauſend Fran⸗ ken vermehrt, ſitze und ſpiele ſeitdem jeden Abend am Trente- un⸗Tiſche, zwar mit verſchiedenem, doch überwiegendem Glücke, und mache ſtets großes, elegantes Spiel. So war der junge, anſcheinend unbedeutende Mann der Löwe des Spiels und Gegenſtand des Tagesgeſprächs geworden, und jetzt Urſache, daß Hedwig und Curt ſich der ovalen grünen Tafel des Trente-un und Rouge et noir näherten. Beide wünſch⸗ ten Den zu ſehen, der in äußerer Unbedeutſamkeit mehr oder weniger alle Zungen beſchäftigte.
Die Galerie war zahlreich. In dichten Reihen umring⸗ ten müſſige Schauer und Schauerinnen die verhängnißvolle Tafel, an welcher die Spielenden in geſchloſſener Ordnung ſaßen und wo von Minute zu Minute, je wie die Karten fielen, Gold und Silber in blinkenden Haufen und reiche, meiſt franzöſiſche Banknoten die Beſitzer tauſchten. Hedwig und Curt traten heran. Kaum konnte Erſtere über die Schultern zweier Herren einen Streif des Tiſches erſpähen, als einer derſelben, ein Mann mit ſchlichtem, weißem Haar, eine Dame hinter ſich gewahrend der Gräfin ſeinen Platz räumte und den Dank der lieblichen Frau mit einem zierli⸗ chen Worte aus der ſchnell enteilenden Zeit erwiderte, wo Artigkeit gegen Frauen Männerſitte war. Kurt deckte der Gräfin den Rücken.
Der Zufall hatte Beiden wohlgewollt. Nahe ihrer Linken ſaß der Löwe des Spiels, der junge Mann mit dem vollen, runden Geſichte, den blauen, gutmüthigen Augen, dem lichten Haar und Bart. Banknoten und Gold lagen vor ihm; aber er ſpielte nicht. Gleich als kümmere das Spiel ihn nicht, hatte er keine Augen für die entſcheidenden Karten, für die Gold⸗ und Silberſtücke und die Werthpapiere, welche den Tiſch bedeckten, für die Harke, welche den Gewinn der Bank einraffte, oder für die Geſchicklichkeit, mit welcher die Bank⸗ halter— die Tailleurs— die verlorenen Beträge in ent⸗ ſprechendem Silber und Gold, zuerſt jenes, dann dieſes, ge⸗ nau auf die Stelle warfen, oder abgezählt und zu einer Säule geformt mit der Harke neben die Stelle ſchoben, wo die gewinnenden Summen ſtanden, bis ſie zuletzt den ge⸗ winnenden entſprechende Werthpapiere, nachdem ſie jedes an einer Ecke zwiſchen Daumen und Zeigefinger gegen den Lam⸗ penſchein emporgehalten, ſie auf der Harke balancirend, bei den gewinnenden Farben niederlegten. Der junge Mann beachtete das Spiel nur inſofern, als er nach jedem Karten⸗ abzuge den Blick über ein kleines Papier gleiten ließ, welches, länger als breit, vor ihm von einer ſchwarzen Nadel mit ſcharfem Stich auf der grüntuchenen Tiſchplatte befeſtigt, abwechſelnd in Roth mit„Rouge“ nnd in Schwarz mit „Noir“ bedruckt war und durch herablaufende Linien das Rouge vom Noir, und das Noir vom Rouge trennte. Auch bedurfte der junge Mann blos eines flüchtigen Blickes um zu thun, was die meiſten Spielenden, ſelbſt Zuſchauer tha⸗ ten, daß er mit einer Bleifeder, welche er in der Hand hatte und tändelnd bald auf die Spitze, bald auf das Ende ſtellte, unter das Rouge oder Noir zum Zeichen daß es gewonnen oder verloren, einen Strich oder einen Punkt machte. Nächſt dieſer Beſchäftigung gehörte ſeine Aufmerkſamkeit den Umſte⸗ henden und Spielenden, namentlich zwei Pariſerinnen— „Dames de Paris“— welche ihm gegenüber, Hedwig und Curt zur Rechten ſaßen und ihre Augen zwar nicht aus⸗ ſchließend, aber in raſchen Ab⸗ und Zugängen auf das Spiel richteten, an deſſen Wechſelfällen ſie mit höheren Summen ſich betheiligten, als ihr Gleichmuth bei Gewinn und Verluſt erwarten ließ. Wie verſchieden ſie die Tauſende von Fran⸗ ken an ſich nahmen oder ſich nehmen ſahen, ohne daß eine
Wimper zuckte oder der Mund lächelte, von der hübſchen, jugendlichen Frau, welche hinter dem jungen Manne ſtand, zweimal zwei Gulden— den niedrigſten Satz— geſetzt und verloren hatte, jetzt mit glühender Wange und fliegender Bruſt ſich ein drittes Mal vorbeugte, ein drittes Mal zwei Gulden wagte, ſie verlor, die Thränen nicht bewältigen kann, die ihren Augen entſtürzen, und ans offene Fenſter eilt, um in das vorgehaltene Tuch ihren Schmerz auszuweinen!
Hedwig war Zeugin und nicht ohne Mitgefühl. Allein das augenblickliche Weh löſte ſich ſchnell von ihr ab. Sie war bereits mit dem Grafen in dieſem Zimmer geweſen, war mit ihm um den Tiſch gegangen, hatte einen Blick auf die Geſichter der Spielenden, einen auf das Spiel geworfen, hatte nie zuvor wie jetzt hier geſtanden und ſchon ſteckte die Luſt am Spiele die Kralle nach ihr aus. Einen Moment folgte ihr Auge dem armen, bethörten, getäuſchten Weibe. Dann flog es nach der Tafel zurück. War ſie doch auch gekommen, das Spiel des jungen Mannes zu ſehen, und eben berührten ſeine Finger das Gold, das müßig vor ihm ge⸗ legen. Langſam nahm er, eines nach dem andern, fünf Stücke auf, und übereinandergeſtellt ſetzte er ſie auf Roth. In den zwei letzten Abzügen hatte Roth gewonnen. Es ge⸗ wann wieder. Der Tailleur ſtieß mit ſeiner Harke die kleine Säule um und warf den überzählten ſünf Stücken fünf andere zu. Der junge Mann ſah mit verſchränkten, über ſein Gold und ſeine Banknoten gelegten Armen gleichgiltig drein. Roth gewann wieder. Aus den zehn Goldſtücken wurden zwanzig. Roth gewann noch zweimal. Aus den zwanzig Goldſtücken wären achtzig geworden. Aber beim zweiten Male zog der Tailleur von den liegenden vierzig zehn ein und vergütete ſie und die gewonnenen vierzig durch eine Banknote von tauſend Franken. Roth gewann wieder. Von den gebliebenen dreißig Goldſtücken zog der Tailleur zwanzig ein und legte zu der einen Banknote von tauſend eine von zweitauſend Franken. Der junge Mann, ohne ſeine Arme und ohne eine Miene zu verändern, blickte dem ſo unbefangen zu, als ſeien die Goldſtücke Sandkörner, die Banknoten werthloſes Papier— unbefangener als der Knabe, welcher Seifenblaſen in die Luft wirbelt, ſich freut, wenn ſie bei Sonnenſchein in Regenbogenfarben hoch auffliegen, und dem es leid iſt, wenn ſie zerplatzen und verſchwinden.
Ehe der Tailleur, die Karten in der Linken, ſie wieder mit der Rechten aufwarf, berührte er mit ſeiner Harke den Satz des jungen Mannes und ſah ihn fragend an. Der junge Mann bemerkte den Blick, verſtand die Frage, und antwortete:„Tout va.“—„C'est bien,“ erwiederte jener und warf die Karten auf. Roth gewann, und zehn Gold⸗ ſtücke und zwei Banknoten von tauſend und zweitauſend Fran⸗ ken verdoppelten den Satz des jungen Mannes. Ein raſches, kaum ſichtbares Lächeln kräuſelte ſeinen Mund. Abermals legte der Tailleur ſeine Harke auf den Satz des jungen Mannes, blickte ihn an und fragte:„Cela porte?“— „Six mille franes,“ klang ruhig die Antwort;— ſechs⸗ tauſend Franken ſind der höchſte Satz.„C'est bien,“ ſagte wieder der Tailleur, und wieder fielen die Karten und wieder gewann Roth— dies eine der„Serien,“ wie ſie, unglücklich für die Bank, 1856 nicht ſelten waren.
Ein im Ausdruck unverſtändliches, aber Erſtaunen aus⸗ drückendes Gemurmel durchirrte die Galerie, deren Aufmerk⸗ ſamkeit bei den zwei letzten Abzügen ſich faſt ausſchließend dem Spiele des jungen Mannes zugewendet und welche bis jetzt lautlos geſtanden hatte. Auch Hedwig war ſo wenig ohne Theilnahme geblieben, daß ein hellerer Glanz ihrer Augen und ein höheres Roth ihrer Wangen die innere Be⸗


