Jahrgang 
1857
Seite
244
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Quellen in Folge eines Conflictes mit dem Kometen von 1556 der Weltvorhang fallen, ſollen wir, die wir zugleich Spieler und Zuſchauer des großen Drama's geweſen ſind, abgehen, wie der Chor am Schluß der großen Oper. Schade nur, daß derProphet des Weltuntergangs nicht wie ſonſtige Künſtler und namentlich Kunſtreiter erſt einen in Scharlach gekleideten Trompeter durch die civiliſirte Welt geſchickt und verkündigt hat, um welche Stunde die Kata⸗ ſtrophepräcis vor ſich gehen ſoll. Man vermöchte ſich doch darauf einzurichten. DerFeierabend namentlich erſchiene dann vielleicht zumallerletzten Male ſchon Frei⸗ tags den 12. Juni ſtatt am verhängnißvollen 13., während jetzt vielleicht die Herren Setzer und Drucker durch ihren Untergang unangenehm überraſcht und für immer von der Arbeit vertrieben werden.

Der Leſer ſieht ſchon, daß uns wegen des berüchtigten Kometen nicht allzubange iſt. Zwar ſcherzen und pfeifen Knaben oft am luſtigſten, wenn ſie innerlich recht bänglich ſind; ſie meinen die drohende Gefahr damit gleichſam zu erſchrecken. Uns aber, das mag der geehrte Leſer ruhig glauben, uns iſt nicht ſo knabenhaft zu Muthe; denn wir haben Vernunftgründe für unſre Courage.

Alles für Alle, ſo lautet das Motto unſres Leſeſtüb⸗ chens. Dem Wahlſpruch zu Ehren, beeilen wir uns dieſe unſre Gründe zum Gemeingute zu machen und den Leſer wo möglich zu überzeugen, daß er am 14. Juni d. J. früh zwi⸗ ſchen 7 und S, oder auch ſchon zwiſchen 6 und 7 Uhr bei ſeinem Kaffee neben der geliebten Frau Kaffeebräuerin ſitzen und mit hoher obrigkeitlicher Genehmigung obbemeldeter Frau Bräuerin ſein Pfeifchen rauchen wird.

Um zu dieſem Ziele zu kommen, müſſen wir zwar einen etwas ſeltſamen Weg einſchlagen und es iſt uns dabei wahr⸗ lich faſt der arge Mephiſto eingefallen, der auch einmora⸗ liſch Lied ſingt, um das ſchöne Gretchenum ſo ſichrer zu bethören. Und doch, wie fern ſind wir wieder von ſo argen Gedanken! Auch wir müſſen dem Leſer zwar zunächſt etwas bange machen, es geſchieht aber nur, um ihn nachher um ſo gründlicher zu beruhigen.

Wenn der Leſer ſo am Bache entlang, am Hochofen oder am Blechhammer vorübergeht und, wenn er drüben am Hange bei den Brombeerſträuchern die mächtigen Halden des aus dem Schachte zu Tage geförderten Geſteins liegen ſieht, dann grübelt er wohl darüber nach, warum man noch nicht einen Schacht tief und immer tiefer in die Erde hineingetrie⸗ ben habe, bis man etwa drüben in der Gegend von Neuſee⸗ land wieder herauskomme, und wenn auch nicht ſo tief, doch mindeſtens einige Meilen immer hinunter. Welche unge⸗ ahnten Schätze mögen dort unten

Unſeliger, was träumſt du? Willſt du einem gewalti⸗ gen, vernichtenden Feuerſtrome den Weg aus dem Erdinnern durch die dünne Erdkruſte bahnen?

Dünne Kruſte? lachſt du. Nun wahrhaftig, was dieſe Zeitungsſchreiber nicht alles fabeln!

Den Vorwurf können wir natürlich nicht auf uns ſitzen laſſen. Wir repliciren wie folgt:

Würde ſich der Leſer behaglich fühlen in der Nähe einer mit feuerflüſſigen Subſtanzen gefüllten thurmhohen Kugel, deren irdene Wandung nur etwa einen Fuß ſtark wäre, würde er gar noch an dieſer Wandung zu arbeiten und zu bohren wagen? Gewiß nicht. Wie leicht könnte die Schale einen Riß, einen Sprung bekommen und dann wer ver⸗ möchte zu ahnen, was dann käme? Ebenſo ſieht es mit un⸗ ſerer Erde aus. Der denkende Leſer hat, wenn er vom Ausbruche dieſes oder jenes Vulkanes, von der enormen

länderbedeckenden Maſſe vulkaniſcher, glühender Steine und Aſche und von mächtigen Lavaſtrömen las, wohl ſchon öfter ſich gefragt, woher denn wohl dieſe glühenden oder verbrann⸗ ten Subſtanzen kommen, und hat ſich die Frage dann richtig dahin beantwortet, daß dieſelben aus dem tiefen Erdinnern herausgeſtoßen werden. Reiht derſelbe an dieſen Schluß die Beobachtung, daß thätige und erloſchene Vulkane in allen Theilen der Erde, hier einzeln, dort in langen Reihen oder Gruppen vorkommen, dann wird er zu der Ueberzeugung gelangen, daß ſich das Erdinnere, deſſen Schlöte dieſe Vul⸗ kane ſind, in gewiſſer Tiefe in feurigflüſſigem Zuſtande be⸗ finden muß. Dieſe Anſicht wird noch beſonders dadurch bekräftigt, daß die Erdbeben mit den oft weit entfernten Vulkanen und heißen Quellen in innigem Zuſammenhange ſtehen, und ihre Wirkungen gleichfalls über ungeheure Flächen erſtrecken, daß z. B. um dieſelbe Zeit, wo das Erdbeben in Liſſabon ſtattfand, die Carlsbader heißen Quellen ausblieben, dafür aber in Mexico ein neuer Vulkan, der Jorullo, emporſtieg.

Man kann alſo nur annehmen, daß die Erdkruſte, auf der wir leben, die wir bebauen und benützen, die ſchwache Wandung einer ungeheuren Kugel von feuerflüſſiger Maſſe ſei.

Aber warum ſoll dieſe Kruſte ſo ſchwach ſein? fragt der Leſer wieder. Iſt es nicht möglich, daß die Vulkane in un⸗ ermeßliche Tiefen hinabreichen?

Dem widerſprechen zunächſt die heißen Quellen, welche, wenn ſie aus vielen hundert Meilen tiefen Schachten empor⸗ ſtiegen, wahrſcheinlich längſt alle Wärme an die umgebenden kühleren Erdſchichten abgegeben haben würden.

Es kommt aber noch die durch tauſende von Verſuchen gewonnene Gewißheit hinzu, daß nach dem Erdinnern zu die Wärme durchſchnittlich bei je 100 Fuß um einen Grad des hunderttheiligen Thermometers zunimmt. Demnach wären ſchon bei 10,000 Fuß oder 312 Meilen Tiefe etwa 100 Grad Wärme und damit der Siedepunkt des Waſſers er⸗ reicht und bei einer Meile Tiefe betrüge die Hitze circa 240 Grad. Bei einer Tiefe von 6 Meilen endlich würden bei 1440 Grad die meiſten überhaupt ſchmelzbaren Sub⸗ ſtanzen zerſchmolzen ſein. Nach dieſen phyſikaliſchen Grün⸗ den kann man alſo eine feſte Erdkruſte von ohngefähr 6 Mei⸗ len annehmen.

Die Aſtronomen freilich vermuthen aus Gründen, die wir hier nicht weiter entwickeln können, eine offenbar zu hoch gegriffene Stärke der feſten Erdkruſte von 216 Meilen.

Mögen die Einen oder die Andern Recht haben, immer bleibt die Kruſte dem feuerflüſſigen Kerne gegenüber ſchwach genug. Denn eine vom Südpol durch den Mittelpunkt der Erde nach dem Nordpol gezogene Linie würde bekanntlich 1713 geographiſche Meilen meſſen. Von dieſer Länge nähme der feuerflüſſige Kern nach der Meinung der Phyſiker 1701 Meile, nach der Meinung der Aſtronomen 1281 Mei⸗ len hinweg, während der Reſt auf die beiden Seiten der feſten Kruſte zu gleichen Theilen zu verrechnen wäre. Ueber⸗ trägt man ſich dies Reſultat auf kleinere, leichter überſicht⸗ liche Verhältniſſe, ſo würde nach der Meinung der Phyſiker eine allenthalben nur einen Fuß ſtarke irdene Wandung eine 243 ½ Fuß im Durchmeſſer haltende feurige Maſſe um⸗ ſchließen.

Wir überlaſſen es dem Leſer, weitere Rechenexempel auf eigene Fauſt anzuſtellen, haben aber in der beifolgenden Figur 1 das Verhältniß des Kerns zur Schale nach beiden

wiſſenſchaftlichen Vermuthungen darzuſtellen geſucht. Danach

bezeichnet C den Mittelpunkt der Erde, die ſchraffirte Linie ab ein Bogenſtück der feſten Kruſte(des Erdumfangs) nach