Jahrgang 
1857
Seite
243
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geſtellt werden konnte.Ihre Berichte, ſchrieb er,be⸗ ſtätigen mir, daß dieſer Mann ſich ſeit ſehr langer Zeit und vorzüglich ſeit 1805 beſtrebt hat, unter allen Völkern, welche die deutſche Sprache reden, das Verlangen zur Bildung einer Nation zu erwecken, welches gewiß ſo gut iſt, als Aufruhr predigen in den verſchiedenen deutſchen Provinzen, die dem franzöſiſchen Reiche einverleibt ſind, und den Empörungsgeiſt bei den verſchiedenen Völkern, welche dieſe Sprache haben, aufregen wollen. Dieſes Individuum hat ſich mit großer Beharrlichkeit angelegen

ſein laſſen, die Geiſter zu dieſem Zweck zu bearbeiten;

man bemerkt dieſes in allen Nummern ſeiner Zeitſchrift u. ſ. w.

So half denn kein Beweis ſeiner Unſchuld an dem ihm angedichteten Verbrechen, keine Bitte ſeiner Familie, keine Verwendung ſeines theilnehmenden Fürſten und anderer einflußreichen Perſonen bei den franzöſiſchen Be⸗ hörden und bei dem Kaiſer Napoleon ſelbſt; 17 Monate lang mußte Becker in der Gefangenſchaft ſchmachten, bis es, kurz vor der Schlacht von Lützen, bei Napoleon's Durchreiſe durch Gotha am 25. April 1813, der tief ge⸗ beugten Gattin des Eingekerkerten gelang, deſſen Frei⸗ laſſung von dem damals noch Mächtigen zu erbitten.

Man mußR. Z. Becker's Leiden und Freuden in ſieb- zehnmonatlicher franzöſiſcher Gefangenſchaft(Gotha, 1814), von ihm ſelbſt beſchrieben, leſen, um ſowohl den

Muth und die Gewiſſensruhe zu bewundern, womit der unſchuldig Gemißhandelte die über ihn verhängten Leiden und Entbehrungen ertrug und auch im Kerker ungebeugt die gemeinnützigen Pläne ſeines Lebens verfolgte, als um ihn lieben zu lernen im treuen Verhältniſſe des zärtlich beſorgten Familienvaters, des dankbaren Freundes, des durchaus redlichen Mannes, und um aus der allgemeinen Theilnahme, die ſeinem Schickſale bezeigt wurde, einen gerechten Schluß auf die Anerkennung ſeines Werthes zu ziehen. In den Schooß der Seinigen zurückgekehrt, mit vom Kummer gebleichtem Haare, aber kraftvoll am Geiſte, nahm er ſofort die rüſtige Feder wieder zur Hand, um eine neue Bearbeitung ſeines Noth⸗ und Hilfsbüchleins und Mildheimiſchen Liederbuches zu vollenden, die er in der letzten Zeit ſeiner Gefangenſchaft begonnen hatte.

Weltun

Nach der Befreiung Deutſchlands ſetzte er, wie ſchon er wähnt, mit dem Januar 1814 die zwei Jahre lang unter⸗ drückt geweſene Nationalzeitung der Deutſchen mit jugend⸗ licher Lebendigkeit und mit um ſo glücklicherm Erfolge fort, als der neu erwachte Sinn für alles Vaterländiſche den Zwecken derſelben fördernd entgegenkam. Neben ſeinen übrigen ſchon angeführten Leiſtungen aus dieſer ſpätern Zeit ſeines Lebens, fuhr er unausgeſetzt fort, ſeine aus⸗ gebreiteten Verbindungen mit wackern und menſchenfreund⸗ lich geſinnten Männern unter allen Ständen zu gemein⸗ nützigen und wohlthätigen Unternehmungen und Samm⸗ lungen zu benutzen, von denen hier nur der Luther'ſchen Jubelſtiftung von 1817 gedacht werden mag. Ohne Auf⸗ hören, wie ſein ganzes früheres Leben hindurch, erfreuten ſich aber auch viele Einzelne ſeines wirkſamen Wohlwollens. Wer in der Nähe und Ferne eines Raths oder einer Hilfe bedurfte, wendete ſich gern an den allbekannten Menſchen⸗ freund, der, unermüdlich wo es Menſchenwohl galt, durch eigne Aufopferung und durch Verwendung bei Andern, ſehr V Vielen ein Helfer geworden iſt. V So lebte er, geachtet von Hohen und Niedern, geliebt von einer treuen Gattin und glücklich verſorgten Kindern, V in wohlhabenden häuslichen Verhältniſſen, welche er ſeiner nützlichen Thätigkeit verdankte, ein rüſtiger Greis, als ihn der Tod wenige Tage vor Vollendung ſeines ſiebzig⸗ ſten Lebensjahres, nach kurzer Krankheit, am 28. März 1822 aus dieſem Erdenleben abrief. An ſeinem Grabe durfte mit Wahrheit geſagt werden:Er war das echte Bild eines deutſchen Mannes, offen und treu in Geſinnung, klar und kräftig in Wort und That, begeiſtert für Das, was er als gut erkannte, ein furchtloſer Feind alles Fin⸗ ſtern und Böſen! So hat er gewirkt bis an ſein Ende, und daß ſeine Anſicht der menſchlichen Beſtimmung auf Erden, wie ſie in vorſtehender Schilderung als die feſte Grundlage ſeiner Beſtrebungen bezeichnet worden iſt, nicht in das Reich ſchöner Träume gehöre, das hat er durch ſein eignes Leben redlich zu beweiſen geſucht. Noch wir⸗ ken auch nach ſeinem Tode ſeine Schriften und Unter⸗ nehmungen ſegensreich fort und ſicher wird Beckers Name in der Bildungsgeſchichte unſers Volkes noch lange dank⸗ bar genannt werden.

tergang.

Von N. Chop.

Kunz von der Roſen, der luſtige Rath Marximilians I.,

ſagte eines Tages zu ſeinem kaiſerlichen Freunde:Gevatter,

denkt Euch, ich bin älter als Gott.

Poſſen, Kunz, rief der Kaiſer,wie wäre das möglich?

Geht ganz natürlich zu, Gevatter, Gott lebt, wie Ihr

wißt, nur eine Ewigkeit, ich aber habe ſchon drei Ewigkeiten hinter mir.

Du, drei? wie das?

Ci, merkſt Du's nicht, Gevatter? Habe ich nicht drei ewige Frieden überlebt?

Ganz mit demſelben Rechte könnte der Leſer, wenn er nur etwa fünfzig Jahre alt iſt, ſagen, daß er beſtändiger ſei, als

Motto. Stets liegt, wo das Banner der Wahrheit wallt,

Der Aberglaube im Hinterbalt. A. v. Platen.

die Welt. Denn drei bis vier Weltuntergänge hat er dann ſicher überſtanden. Gehen doch kaum eine Mandel Jahre hin, ohne daß ein träumeriſcher Schäfer oder ein fanatiſcher Prieſter der ſündigen Welt den Untergang prophezeiht. Und weil denn einmal die Welt den Wechſel liebt, ſo ſtehen dieſe Unglücksraben bald hinten in Polen, wo der tolle Wolf den Tiſchler ſammt dem Winkelmaaße fraß, bald vorn im pfiffi⸗ gen, ungläubigen und eben deßhalb abergläubigen Frank⸗ reich auf.

Diesmal aber muß doch etwas daran ſein? Es iſt ja ſogar die Urſache und das Datum angegeben.

Ja, ganz richtig. Am 13. Juni ſoll nach zuverläſſigen