Jahrgang 
1857
Seite
242
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gemacht werden, und als 1798 der zweite, das Ganze ab⸗ rundende Theil erſchien, waren ſchon 150,000 Exemplare des erſten Theiles verkauft. Allein der unermüdete Eifer des thätigen Mannes hoffte noch immer größere Erfolge dieſes gemeinnützigen, auf Bildung und Veredlung des Volkes abzweckenden Buches, und wirklich ſind ſeitdem noch ſo viele ächte Auflagen des Noth⸗ und Hülfsbüchleins nöthig geworden und ſo viele Nachdrucke erſchienen, daß, mit Einſchluß der ungariſchen, böhmiſchen, lettiſchen, ruſ⸗ ſiſchen und däniſchen Ueberſetzungen deſſelben, gewiß weit über eine halbe Million Exemplare davon verbreitet wor⸗ den ſind..

In naher Verbindung mit Becker's Noth⸗ und Hülfs⸗ büchlein ſteht ſeinMildheimiſches Liederbuch, eine Sammlung von Volksliedern für alle Vorfälle des Lebens, zur Erregung reiner und edler Empfindungen, zur Ver⸗ drängung unſittlicher und ſinnloſer Lieder aus den Krei ſen aller Stände und zur Beförderung der Geſangluſt. Im Jahre 1799 erſchien die erſte Ausgabe dieſes ſpäter ſehr vervollkommneten Volksbuches nebſt Melodien, deſ ſen zahlreiche ſeitdem herausgekommene Auflagen gleich⸗ falls den Beweis geliefert haben, wie richtig der Heraus⸗ geber die wahren Bedürfniſſe des menſchlichen Herzens

erkannt hat. Inzwiſchen war auch 1791 und 1792 ſein

oben näher gezeichnetes praktiſches Moralſyſtem in mehr wiſſenſchaftlicher Form, unter dem TitelVorleſungen über die Pflichten und Rechte des Menſchen in zwei Theilen erſchienen, und auch dieſes fand viel Anerken⸗ nung, wenn auch natürlicherweiſe nicht ſo ausgedehnte Verbreitung, als ſeine dieſes Syſtem faßlich anwenden⸗ den Volksbücher.

Durch die Herausgabe derDeutſchen Zeitung und des Noth⸗ und Hülfsbüchleins hatte Becker ſich in ganz Deutſchland ſo viele Freunde erworben, daß er im Jahre 1791 den Muth ſchöpfte, in Verbindung mit André, der jedoch an der Ausführung nicht lange thätigen Antheil nahm, ein neues großes literariſches Unternehmen zu be⸗ gründen. Es war derAnzeiger, ein allgemeines In telligenzblatt für ganz Deutſchland und ein öffentlicher Sprechſaal für Jedermann, in welchem über alle Gegen ſtände des bürgerlichen Lebens und alle Fächer des Wiſ ſens eine freimüthige und anſtändige Beſprechung ſtatt⸗ finden und das Bedürfniß gegenſeitiger Mittheilungen aller Art über die Grenzen der Oertlichkeit und der ein zelnen deutſchen Staaten hinaus ſchunell und wohlfeil befriedigt werden ſollte. Auch dieſes ſchwierige Beginnen gelang dem thätigen Unternehmer auf eine ausgezeichnete Weiſe. Bereits im Jahre 1792 wußte er demſelben ein kaiſerliches Privilegium, ſowie nach und nach den amt⸗ lichen Gebrauch begünſtigende Verordnungen mehrer deut⸗ ſchen Regierungen zu verſchaffen; der Name desReichs⸗ anzeiger war bald in Aller Munde, und der kenntniß reiche Redacteur, Dr. J. F. Hennicke, welchen Becker dem Blatte gleich anfangs gewann, ſowie ſpäter der Verfaſſer dieſer Lebensſkizze, hat das vielgeleſene Blatt auch über den Sturz des deutſchen Reiches hinaus, alsAllgemeiner Anzeiger der Deutſchen fortgeſetzt, bis es von der Tages⸗ literatur des verhängnißvollen Jahres acht und vierzig von dem Schauplatze langjähriger und einflußreicher Wirkſamkeit verdrängt wurde.

Der eigne Vertrieb ſeiner Zeitſchriften und Bücher veranlaßte Becker im Jahre 1797 zur Begründung einer Buchhandlung, deren allmälig wachſender Verlag ver⸗ ſchiedene Fächer, jedoch meiſt nur die Schriften von

Männern umfaßte, mit denen Becker in nähern freund⸗ lichen Verhältniſſen ſtand. Vom Jahre 1804 an richtete ſich ſeine raſtloſe Thätigkeit noch auf einen andern Gegen⸗ ſtand. Durch den Kunſtkenner von Derſchau in Nürn⸗ berg ward er zum Ankauf einer großen Kupferſtich⸗ und Holzſchnittſammlung veranlaßt, die er von Jahr zu Jahr fleißig vermehrte und mit ſeinem erprobten Geſchick, Alles

für die fortſchreitende menſchliche Bildung nutzbar zu

machen, mit unermüdetem Fleiße in eine große bildliche Kunſtgeſchichte ordnete, welche noch in den Händen ſeiner Familie iſt. Er begann 1808 die Herausgabe der merk⸗ mürdigen Sammlung vonHolzſchnitten alter deutſcher Meiſter aus der Blüthezeit dieſer Kunſt, deren Origi⸗ nalplatten von Derſchau größtentheils in Nürnberg auf⸗ gefunden hatte. Becker leitete bis 1816 den Druck von drei Lieferungen dieſes für die deutſche Kunſtgeſchichte ſehr wichtigen Prachtwerkes mit der größten Sorgfalt, aber Mangel an hinreichender Theilnahme unterbrach die Fortſetzung. Dagegen veranlaßte ihn der Beſitz dieſer Holzplatten zur Herausgabe derBildniſſe der Urheber

und Beförderer u. ſ. w. der Kirchenverbeſſerung, und des

Hans Sachs im Gewande ſeiner Zeit, welche Schrift

1821 erſchien. Auch ſeinMildheimiſches Evangelien⸗ buch, das er 1816 ſeinen Volksbüchern anreihte, enthält

zum großen Theile alte Originalholzſchnitte aus dieſer

Sammlung.

Mitten in ſeiner unermüdeten Beſchäftigung für die Förderung desjenigen Gemeinwohls, das aus fortſchrei⸗ tender beſſerer Erkenntniß für die Mitglieder der menſch⸗ lichen Geſellſchaft hervorgeht, wurde Becker einer harten Prüfung ſeines Lebens und ſeiner Beſtrebungen unter worfen. Am 30. Novbr. 1811 wurde er, auf Befehl des franzöſiſchen Marſchalls Davouſt, mit militairiſcher Ge walt den Armen ſeiner Familie zu Gotha entriſſen und in die Citadelle der Feſtung Magdeburg abgeführt. Er war angeklagt, mit an der Spitze geheimer Verbindungen zu ſtehen, welche die Abſicht hätten, beim Ausbruche des Krieges gegen Rußland im Rücken des franzöſiſchen Hee⸗ res ganz Deutſchland aufzuwiegeln. Seine in Beſchlag genommenen Papiere ſollten hierüber Licht geben; allein man fand nichts, denn der Verdacht war völlig unge⸗ gründet. Nicht auf dem Wege offener oder heimlicher Gewalt hielt er beſſernde Veränderungen des Zuſtandes der Staaten, wie der bürgerlichen Geſellſchaft überhaupt, für erreichbar, ſondern nur auf dem Wege allmälig fort⸗ ſchreitender Bildung und reiferer Einſicht. Dies beweiſen ſeine eignen Schriften, wie alle ſeine Unternehmungen, die man bis in die frühere Zeit hinauf der ſchärfſten Un⸗ terſuchung unterwarf. Auch der nächſte Vorwand zu ſei⸗ ner Verhaftung, ein Aufſatz in derNationalzeitung der Deutſchen vom 11. Febr. 1811,Der deutſche Bund, eine geheime Geſellſchaft überſchrieben, hatte keinen an⸗ dern Zweck als den allgemeinen, offen ausgeſprochenen: deutſchen Sinn, Vervollkommnung der deutſchen Sprache, Fortſchritt in der Bildung jeder Art und insbeſondere in der Betriebſamkeit deutſcher Gewerbe, unter Entbehr⸗ lichmachung ausländiſcher Waaren, zu befördern. Allein dieſer ihm ſelbſt inwohnende deutſche Sinn war eben ſein Verbrechen in den Augen der franzöſiſchen Machthaber, wie Davouſt ſelbſt in einem ſpäter aufgefundenen Briefe an die mit der Unterſuchung beauftragten Perſonen vom 10. Febr. 1812 mit folgenden Worten eingeſteht, die aus der Feder des Feindes das ſchönſte Ehrenzeugniß enthal⸗ ten, welches der Wirkſamkeit des deutſchen Mannes aus⸗