Gallerie deutſcher Volks-
und Zugendſchriftſteller.
IV.
Rudolf Zacha
Wer hat nicht ſchon Becker's„Noth⸗ und Hilfsbüch⸗ lein“ geleſen?— Zwar iſt das alte, aber immer noch werthvolle Buch nach und nach aus der Mode gekommen und von andern Volksſchriften verdrängt worden. Wenn man ſich aber auch heutigen Tages derartigen Unter⸗ haltungen und Belehrungen entwachſen glaubt, ſo hat doch jenes Buch in der Volksliteratur mit Recht eine große Bedeutung erlangt und in den ländlichen Lebens⸗ kreiſen unberechenbaren Segen geſtiftet. Ja, die neueſte Auflage deſſelben(Gotha, 1838) darf in einer guten Volksbibliothek auch jetzt noch nicht fehlen.
Deshalb wird es unſern Leſern nicht unwillkommen ſein, wenn wir in unſerer Gallerie auch das Lebensbild des Mannes aufſtellen, der jenes Buch geſchrieben und ſich außerdem um des Volkes Aufklärung und Wohlfahrt unſterbliche Verdienſte erworben hat.
Der Sohn des Verewigten, Hofrath Becker in Gotha, deſſen gemeinnützige Beſtrebungen vielen unſerer Leſer aus dem„Allgemeinen Anzeiger der Deutſchen“, welchen er nach dem Tode ſeines Vaters Jahre lang fortgeführt hat, rühmlich bekannt ſind, war ſo gefällig, nachfolgende Lebens⸗ geſchichte des ächt deutſchen Mannes, deſſen Gedächtniß wir in Ehren halten wollen, für unſere Wochenſchrift mitzutheilen.
Rudolf Zacharias Becker war am 9. April 1752 zu Erfurt geboren. Seine Jugend war kein Gewebe fröh⸗ licher Spiele und goldener Träume, wie das jugendliche Leben ſo vieler Menſchen. Sie fiel in die Zeiten des ſiebenjährigen Krieges, wo er ſeine Aeltern oft das Brot mit Thränen netzen ſah, das ſie ihren Kindern bei der allgemeinen Noth und Theurung nur ſpärlich reichen konnten. Sein Vater war Mädchenſchullehrer und er⸗ hielt, wie noch jetzt ſo viele ſeines Standes, für ſeine nütz⸗ liche Berufsarbeit nur einen geringen Lohn. Frühzeitig mußte daher der Knabe durch Handarbeiten einen Beitrag zur Ernährung der Familie liefern und lernte dadurch den Werth der Arbeit ſchätzen und kein menſchliches Ge⸗ ſchäft verachten, wenn es Menſchen nützt. Bei allem Drucke der Verhältniſſe machte es jedoch ſeine rege Lern⸗ begierde möglich, daß er ſich zum Studium der Theologie emporarbeitete. Ohne alle Unterſtützung ſtudirte er mehre Jahre zu Jena, indem er ſeinen ſpärlichen Unterhalt durch Unterrichtgeben verdiente und oft bei einem Stück trock⸗ nen Brots ſich glücklich pries, nur ſeinen Durſt nach Wiſſenſchaften befriedigen zu können. Nach Beendigung der akademiſchen Laufbahn nahm er ſogleich eine Hofmeiſter⸗ ſtelle an, um dadurch und durch kleine literariſche Arbei⸗ ten zur Ernährung ſeiner Mutter und ſeiner Geſchwiſter beitragen zu können, da der Vater unterdeß geſtorben war. Er lebte anfangs in Klettenberg bei Nordhauſen, dann in Erfurt, wo er Erzieher der Kinder des Präſidenten von Dacheröden war, durch deſſen Familie er mit den ange⸗ ſehenſten Häuſern ſeiner Vaterſtadt und insbeſondere auch mit dem edlen Karl von Dalberg in nähere, auf ſeine künftige Wirkſamkeit einflußreiche Verbindung kam. Im Jahre 1779 hatte die berliner Akademie der Wiſſenſchaf⸗ ten eine Preisfrage aufgeworfen, zu deren Beantwortung
rias Becker.
ſich Becker angeregt fühlte. Seine Ausarbeitung erſchien 1780 als gekrönte Preisſchrift in franzöſiſcher Sprache, dann 1781 zu Leipzig in deutſcher Ueberſetzung, und an dieſe, mit großem Beifall aufgenommene kleine Schrift knüpfte ſich die Wahl ſeines Lebensberufs der Volksſchrift⸗ ſtellerei um ſo mehr, als er inzwiſchen durch ſein langes Hauslehrerleben den gewöhnlichen Weg zur Anſtellung in einem öffentlichen Amte in ſeiner Vaterſtadt verſäumt hatte.
Beim Nachdenken über die Gründe, aus welchen ſich beſtimmen laſſe, was dem Menſchen wahrhaft nützlich ſei, war er mehr und mehr zu der Ueberzeugung gelangt, daß die gewöhnliche Vorſtellung von zwei entgegengeſetzten Grundtrieben des Menſchen, einem guten und einem
böſen, irrig ſei, und daß derſelbe nur von einem einfachen,
ſeinem Geſchlechte eigenthümlichen, daſſelbe von allen Thiergattungen unterſcheidenden Naturtriebe bei allen
Neigungen und Handlungen, auch den widerſprechendſten,
geleitet werde; dieſes ſei der Trieb der Fortſchreitung oder Vervollkommnung; ein unabläſſiges Streben, immer mehr zu ſein, zu haben, zu genießen und zu wirken. Dieſer Trieb gebiete dem Menſchen, was er in der Reihe der Weſen leiſten, und die Vernunft, wie er es leiſten ſolle, und der Endzweck ſeines Daſeins im Weltall beſtehe darin,
durch fortſchreitende Entwickelung und Anwendung ſeiner
körperlichen und geiſtigen Kräfte immer vollkommener zu werden, Alles um ſich her, ſo weit er reichen könne, zu verbeſſern und ſo die Summe des Guten in der Welt zu mehren. Die Verbreitung dieſer für das Leben des Ein⸗ zelnen, wie die Entwickelung der bürgerlichen Geſellſchaft gewiß höchſt einflußreichen Erkenntniß wurde das Ziel der ganzen Lebensthätigkeit Becker's und er hat daſſelbe
treu verfolgt bis an ſein Ende. Zunächſt glaubte er in
der damals von Baſedow gebrochenen Bahn eines neu geſtalteten Erziehungsweſens die genügendſte Befriedigung ſeiner Abſichten zu finden, und er nahm daher gern im Frühjahr 1782 einen Ruf an das ſogenannte Philanthro⸗ pin zu Deſſau an, um dort die„Deſſauiſche Zeitung für die Jugend“ zu ſchreiben, welche vorzugsweiſe den Kindern
und ihren Erziehern einen richtigen Maßſtab für die
Schätzung der menſchlichen Dinge und Beſtrebungen an die Hand geben und in den erzählten Folgen der Irrthü⸗ mer und Laſter, wie der Tugenden, die wahre Beſtim⸗ mung des Menſchen zu fortſchreitender Glückſeligkeit ihnen klar vor Augen ſtellen ſollte. Allein der Mangel an Einig⸗ keit, welcher nach Baſedow's Rücktritt unter den gemein⸗ ſchaftlichen Vorſtehern und Lehrern jener Erziehungs⸗ anſtalt herrſchte, bewog Becker ſchon im Herbſte 1783, ſich wieder von dieſer Anſtalt zu trennen. Er nahm ſeinen Wohnſitz in Gotha, wo er frühere, gleich geſtimmte Freunde und an dem Herzog Ernſt II. einen Gönner fand, der alle Beſtrebungen für Aufklärung und Menſchenglück mit war⸗ mer Theilnahme förderte. Hierher folgten ihm auch zwei
ſeiner von ihm innig geliebten Schweſtern, welche noch
lange Jahre hindurch dem durch ſeine Verheirathung begründeten glücklichen Familienkreiſe angehörten.
Mit dem 1. Januar 1784 erſchien das erſte Stück der„Deutſchen Zeitung für die Jugend und ihre Freunde,“


