beim bloßen Anblick der See, und nur, wenn die Pflicht gebot, beſtieg er einen Nachen. Meiſtentheils hielt er
ſich ſtill in ſeiner Wohnung, die ſchon früher gepflogenen
theologiſchen Studien jetzt mit noch größerem Eifer fort⸗ ſetzend. Nebenbei beſchäftigte er ſich mit chroniſtiſchen Aufzeichnungen. Sollten dieſe von einigem Werthe ſein, ſo mußten wichtige Vorkommniſſe im Leben ſeiner Lands⸗ leute vorzugsweiſe von ihm beachtet werden, und da dieſes Leben aus der See gleichſam ſeine Nahrung ſog, ſo führte
ihn die Beſchäftigung der Sylter mit der Schifffahrt
immer wieder auf die See zurück und glich ſolchergeſtalt
die Widerſprüche aus, von denen der redliche Mann faſt
verzehrt wurde.
Er war eben wieder bei dieſer Beſchäftigung, als die Nachricht von dem vorerwähnten Strandungsfalle ihn erreichte. Ein alter Schiffer, mit welchem er früher oft die Binnenſee befahren hatte, theilte ihm Ausführliches darüber mit.
„Ich werde einen traurigen Strandungsfall mehr zu verzeichnen haben in dieſem Herbſt,“ ſagte Cruppius ſeufzend, ein paar Notizen über den Vorfall niederſchrei⸗ bend.„Gibt es ſonſt etwas Neues? Von unſern Capi tainen ſind wohl die meiſten für dies Jahr bereits zurück gekommen?“
„Meines Wiſſens fehlen nur Drei noch,“ verſetzte der alte Schiffer.„Auf ſie dürfen wir nicht warten, denn ſie überwintern vermuthlich lieber da, wo ihre Schiffe liegen.“
„In Hamburg oder Bremen?“
„Einer fuhr mit einer Bremer Bark, die Andern führten Holländiſche Schiffe, und wenn ſie jetzt in Amſter⸗ dam ſein ſollten, gehen ſie von dort gewiß nicht fort.“
„Warum nicht?“
„Weil's dort Mancherlei zu ſehen gibt, was eines Seemann's Herz erfreuen kann.“
Cruppius blickte den alten Schiffer ſo fragend an, daß dieſer wohl merkte, der gelehrte Paſtor müſſe ſich mit den Welthändeln nur wenig befaſſen.
„Es gibt oder gab neulich große Feſte in der berühm⸗ ten Handelsſtadt,“ fuhr er fort.„Föhringer, die einige Zeit dort vor Anker lagen, haben verwunderliche Kunde davon nach Hauſe gebracht. Von ihnen erfuhren's wir Sylter. Tagelang haben die Feierlichkeiten gedauert. Die ganze große Stadt ſammt allen Canälen wurden von den Holländern illuminirt. zumal den Seeleuten, umſonſt geöffnet worden, kurz die Leute haben ſich angeſtellt, als wären ſie halb närriſch.“
„Wozu denn aber?“ fragte Cruppius zerſtreut.„So ungewöhnlicher Jubel muß doch ſeinen Grund haben?“
„Unſere Schiffer erzählten, es ſei geſchehen wegen glücklicher Rückkehr der Kriegsflotte aus Indien. Die Flotte hat ſich dort draußen auf der andern Seite der Welt mit allerhand wildem Volk Jahre lang herumge⸗ ſchlagen und große Dinge vollbracht. Dafür iſt der Commandeur derſelben mit ſeltenen Ehren überhäuft und endlich von der Regierung der Generalſtaaten gar zum Admiral ernannt worden.“
„So, ſo!“ ſprach nachdenklich Cruppius.„Nun, das iſt ſchon Recht, Verdienſte müſſen belohnt werden. Wie heißt der Mann?“
„Niß oder Nißen,“ ſagte der alte Schiffer,„genau weiß ich's nicht. Er muß wohl irgendwo in Oſtfriesland
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zu Hauſe gehören, denn alles Volk titulirte ihn nur kurz— weg den Admiral aus Friesland.“
„Niß aus Friesland?“ wiederholte der Paſtor.„Eine Familie Niß iſt mir nicht bekannt.“
„Glaub's gern, Herr Paſtor,“ fiel lachend der Alte ein,„auch brauchen Sie ſich darüber den Kopf nicht weiter zu zerbrechen. Haben unſere Schiffer recht gehört, ſo iſt
der Mann ein Glückspilz, wie ſie bisweilen zu Waſſer
Die Theater ſind dem Volke,
und zu Lande aufſchießen. Er ſoll früher ein ſchlimmer Burſche geweſen ſein, ein abenteuerliches Leben geführt und endlich zufällig auf die holländiſche Flotte ſich ver⸗ laufen haben. Jetzt hauſ't er in einem Palaſt im Haag, den ihm die Generalſtaaten zum Präſent gemacht. Dar⸗ aus ergibt ſich, Herr Paſtor, daß auch das Fahren zur See bisweilen Glück bringt, und daß mancher Schlingel durch die Salzwaſſertaufe in einen tüchtigen Menſchen und Chriſten umgewandelt werden kann.“
Die letzte Bemerkung ſchien dem grämlichen Geiſt⸗ lichen nicht zu gefallen, denn er runzelte die Stirn und machte eine Handbewegung, welche dem Sprechenden Schweigen auferlegen ſollte. Dieſer jedoch ließ ſich nicht abhalten, weiter zu plaudern.
Cruppius legte ſeine Arbeit bei Seite, und da er ſelbſt zum Sprechen nicht aufgelegt war, ermunterte er den Schiffer zu weiteren Mittheilungen. Der Paſtor ging, während dieſer der erhaltenen Aufforderung bereitwillig folgte, im Zimmer auf und nieder, nur dann und dann eine kurze Bemerkung dazwiſchen werfend.
Darüber verſtrich eine geraume Zeit. Endlich aber vernahm man auf der Straße Stimmen, der Klopfer an der Thür ward wiederholt ſtark in Bewegung geſetzt und die Diele des Paſtorats füllte ſich mit einem Trupp Menſchen.
Cruppius war überraſcht von dieſem ſeltſamen Be⸗ ſuche, ehe er aber noch zu fragen Zeit fand, trat ein hoch⸗ gewachſener Mann auf ihn zu, blickte den gealterten Geiſt⸗ lichen ſcharf an und ſagte dann:
„Komme ich Ihnen nicht bekannt vor?“
Der Paſtor trat ein paar Schritte zurück. Den Mann kannte er nicht, aber die Stimme, dieſe weiche, wehmüthige Stimme weckte alte Erinnerungen in ihm.
„Ich kehre vom Nordpole zurück,“ fuhr der Fremd⸗ ling fort,„zweimal machte ich die Reiſe ohne jeglichen Unfall, jetzt auf der dritten, wo es doch mein Wille war, die alte Heimath wieder zu beſuchen, wirft der Sturm unſer Schiff auf den Strand, und hätten dieſe braven Männer hier nicht mehrmals ihr Leben gewagt, ſo würde ich weder Sylt noch dieſes wohl bekannte Haus je wieder betreten haben.“
Cruppius lehnte ſich an die Thürpfoſten und hob beide
Hände gegen den Sprechenden auf, indem er ſtotternd rief:
„Dein Name! Dein Name.“
„Gerſon Cruppius!“ ſprach der Gerettete, in die Arme des alten Predigers ſtürzend, der ihn ſtumm an ſich drückte, ſein Geſicht, ſein Haar befühlte, und zuletzt nur die Worte ausſtieß:
„Wiedergefunden! Ein verloren Geglaubter iſt heim⸗ gekehrt!... O, gelobt ſei der Herr jetzt und immerdar!“
Alle Anweſenden waren erſchüttert von dieſer uner⸗ warteten Erkennungsſcene zwiſchen Vater und Sohn. Sie fühlten, daß ihr Verweilen nur ſtören müſſe, und verließen mit ſtummem Gruße die Pfarrwohnung.
(Schluß folgt.):


