des Strandes nicht billigte. Der alte Granbart raubte nicht, nur hob er gern auf, was er fand, wenn nämlich die See es auswarf. Daß man auch dies zu verhindern Anſtalt machte, fand er abſcheulich. Darum mied er die⸗ jenigen, mit denen ſeine abweichende Anſicht ihn leicht hätte in Streit bringen können; hatte er ſie aber aus den Augen verloren, dann ging er in altgewöhnter Weiſe ſeinen Geſchäften nach, und ſchleppte aus Buchten und Thälern, die nur ſelten Jemand betrat, noch zu betreten wagte, weil der heftigen Brandung wegen der Zugang zu denſelben gewöhnlich mit Lebensgefahr verbunden war, allerhand Brauchbares zuſammen.
Das Glück war dem Alten günſtig. Er ſammelte mehr in ſeinem Netze, als das ganze Jahr ihm eingebracht hatte. Dabei überfiel ihn die Nacht, die kein ehrlicher Mann gern in dieſer verrufenen Düneneinſamkeit allein zubrachte. Furcht kannte zwar der Strandläufer nicht, wenigſtens nicht vor Menſchen, aber ein innerliches Grau⸗ ſen überlief ihn doch, wenn er der verſchiedenen unheim⸗ lichen Geſichte gedachte, die verſpäteten Wanderern in dieſer traurigen Einöde erſchienen waren.
Ermüdet vom langen Umherwandern, ſuchte er in einem der tiefſten Dünenthäler einen Ort, der ihm eini germaßen Schutz gegen das Raſen des abermals heftiger werdenden Sturmes gewährte. Die See rollte immer lauter und brach ſich in rollenden Schaumhügeln dicht zu ſeinen Füßen. Wenn er gegen den beißenden Meerſtaub die Augen ſchloß, ſah er überall am Strande bläuliches Lichtgeflacker, wie es Viele vor ihm ſchon geſchaut hatten, und ſeine erhitzte Einbildungskraft umkleidete die Licht funken alsbald mit menſchlichen Leibern und verwandelte ſie in händeringende Schatten umirrender, nach ihren ver lorenen oder von Andern geraubten Schätzen ſuchender Schiffbrüchiger.
Lange ſaß ſo der alte, durchwetterte Mann. Sein graues Haar zerzauſ'te der Sturm, um die Füße ſpülte die verrauſchende Brandung, das Geſicht peitſchte der wir⸗ belnde Dünenſand wund. Es ſangen, pfiffen, lachten, krächzten und heulten hundert Stimmen um und über ihm, als ob ein Heer unſichtbarer Geiſter ſich in den Dünen ein Rendezvous gäbe. Einzelne Möven und Sturmes⸗ vögel ſtrichen dicht an ihm vorüber und ſtreiften biswei len mit ihren Schwingen ſein Haar. Auf allen Seiten rollte mehr Sand um ihn auf, und wer weiß, ob der Sturm den alten Mann nicht in der Düne verſchüttet hätte, wenn er, von Müdigkeit überwältigt, eingeſchla⸗ fen wäre.
Da trifft ein rother Lichtſtrahl das ſchon ermattende Auge des Alten, ein Donner bricht ſich an der Dünen⸗ kette und verhallt über den Wogen. Der Strandläufer ſpringt auf, ſchüttelt den Sand aus Haar und Kleidern, faßt ſeinen Hakenſtock feſter und blickt ſchärfer hinaus auf die See.
„Ein Schiff in Noth!“ ſpricht er zu ſich ſelbſt, mit der Linken in die langen Wurzeln des zähen Dünenhafers faſſend und den Gipfel des ſteilen Sandkegels erklimmend.
Ein zweiter Schuß blitzt und kracht durch die Nacht, und belebt auf's Neue die kaum heimgekehrten Bewohner Rantums. Dahin wendet ſich jetzt auch der alte Strand⸗ läufer, denn eine Seemeile vom Lande hat der Sturm einen Grönlandsfahrer auf die Sandbänke geworfen. Wenn die fliegenden Wolken ſich heben oder in durchſich⸗ tige Nebel zerfließen, können die weitſichtigen Inſulaner deutlich das Schiff erkennen, wie es mit gebrochenen
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Maſten, zerfetzter Takelage von weißen Sturzwogen über⸗ ſpült wird.
Bei dieſem Anblick vergißt der alte Seemann jeden Gedanken an Beute. Der ehemalige Schiffer und Lootſe will nur ſeine Pflicht thun und den Bedrängten beiſprin⸗ gen. Er geſellt ſich den Voigten zu, beſpricht und be⸗ rathet mit ihnen die zu treffenden Vorkehrungen, und bald arbeiten ſich bemannte Rettungsboote durch den ziſchenden Giſcht der Brandung. Die muthigen Männer müſſen lange mit den empörten Wogen kämpfen, ehe es ihnen gelingt, dem geſtrandeten Schiffe ſich zu nähern, von deſſen Mannſchaft die fürchterlichen Sturzſeeen ſchon drei über Bord geſpült haben. Endlich aber bleiben die unerſchrockenen Inſulaner Sieger. Ein Kabel, vom Schiffe dem nächſten Rettungsboote zugeworfen, wird glücklich erfaſſt und befeſtigt. Die Rettenden erreichen das Wrack und die noch übrige Mannſchaft wird glücklich geborgen. Der Morgen graut, als die Schiffbrüchigen den Strand von Rantum erreichen, um ihren Rettern mit hartem Händedruck und offnem Blick zu danken. Der alte Strandläufer ging nicht leer aus bei dieſem Dank; als aber der erſte Steuermann des Grönlandsfahrers ſich
ihm jetzt nähert, ſehen Beide einander ſtaunend an und.
ſtürzen ſich mit freudigem Gruß in die Arme. Nach langer Trennung hatten zwei frühere Bekannte ſich wieder ge⸗ funden.—
Auf die heftigen Fragen des Steuermannes gab der
durchwetterte Graubart nur dürftige Antworten.
„Alles in Ordnung,“ ſprach er,„Alles klar! Kommt nur erſt zu mir, dann ſollt Ihr mehr erfahren. Ich denke, wir haben uns Beide ſo viel zu erzählen, daß uns in zwei Wintern der Faden zu neuen Geſchichten nicht abreißt.“
Der Steuermann lächelte.„Kannſt wohl Recht haben, Alter,“ verſetzte er, nahm ihm das Netz ab, indem er bemerkte, es ſei dies ein alter Bekannter, und ging mit ihm durch die Dünen, um vorerſt in der Wohnung des ehemaligen Auſternfiſchers ſich zu erholen und über das, was ihm zu wiſſen nöthig war, Erkundigungen einzuziehen.
Fünftes Kapitel. Ein Wiederſehen.
Paſtor Cruppius in Keitum gerieth, ſo oft Geruchte
von ſtattgefundenen Schiffbrüchen ſeine ſtille Amtswoh⸗
nung erreichten, jedesmal in eine ſchwer zu ſchildernde Aufregung. Während er im Herzen tiefes und aufrich tiges Mitleid fühlte mit dem ſchrecklichen Loos verlaſſener Seefahrer, konnte er doch nicht umhin, mißbilligende Worte auszuſtoßen. Dieſe galten nicht eigentlich denen, welche in ſo trübſelige Lage durch die Gewalt der Elemente verſetzt worden waren, ſondern der Schifffahrt über⸗ haupt. Cruppius begriff den Nutzen derſelben vollkom⸗ men; er achtete, ja bewunderte diejenigen, die ſich als entſchloſſene Seefahrer in den mißlichſten Verhältniſſen ausgezeichnet hatten, er liebte aber die Beſchäftigung ſelbſt nicht. Dies Letztere war bei einem Manne wohl erklärlich, der, für die Wiſſenſchaft ſchwärmend, den einzi⸗ gen Sohn, welchen ihm Gott geſchenkt, durch deſſen Leiden⸗ ſchaft für das Seeleben wider Willen an daſſelbe verlor.
Seit der heimlichen Flucht Gerſon's aus dem Vater⸗ hauſe mied Cruppius die Küſte. Er fühlte ſich unwohl


